23 Feb
Von goldmag
Ein Gastbeitrag von Jasper Nicolaisen
„Sie schläft ist Dietmar Daths bisher persönlichstes Werk“, schrieb der Rezensent. Das war gleich doppelt behämmert; einmal so für sich genommen als unsägliche Floskel und dann auch literaturdings, theoretisch. Es war schließlich auch nach der Revolution am Ende der Geschichte nicht de rigeur, die Person des Autors in die Werkbetrachtung mit einzubeziehen. Im Gegenteil, heute weniger denn je. Müde ironischer Realismus stand im Tausendjahresplan, immer von Bedeutung, nie von Konsequenz, razinkel, razunkel, razoing.
Aber da war der Dath ja immer ein unsicherer Kandidat gewesen. Hatte auf den letzten Metern der Geschichte noch rumgemöhrt von wegen Marxismus und Heavy Metal, und dann, als die neu vereinten Sozial-Liberal-Christbaumgrünen die Revolution über die Bühne gebracht hatten, war’s ihm auch wieder nicht recht gewesen. Hatte sich sang- und klanglos abgesetzt, in Alaska Militäreinrichtungen gekapert, sich genetisch zum Nasenbären aufpimpen lassen und zwischen Orgien in Israel und Kunstgemache im Kammerflimmer-Land auf irgendwie alles geschimpft.
Und jetzt das neue Buch: Überraschung, ganz anders. Der bekannte Dath-Sound, okay. Aber fast von Anfang an war es ein überaus komisches Buch, Den ganzen Beitrag lesen »
23.02.10, 19:02 | 3 Kommentare »
21 Feb
Von Nikolai Preuschoff
Im “Forum” der heute zu Ende gegangenen Berlinale lief die Neuverfilmung eines Klassikers der japanischen Arbeiterliteratur: Takiji Kobayashis Krabbenfischer, von 1929.
Wie oft passiert das schon: Ein Buch wird zum Bestseller, 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung. So geschehen mit Takiji Kobayashis Kanikōsen (dt.: Krabbenfischer). In der grassierenden Wirtschaftskrise des Jahres 2008 war Kobayashis Revolutions-Parabel plötzlich so gefragt wie nie. Mit ausgelöst hatte das späte Revival ein Artikel in der Mainichi Shimbun vom 9. Januar 2008, der Kobayashis Aktualität beschwor. Etliche Medien zogen nach, und so wurde ein regelrechter “Kanikōsen-Boom” ausgelöst. (Vgl. hier.) Bis Mitte 2008 musste die Shinchosha Publishing Company daraufhin unerhörte 50000 Exemplare der Krabbenfischer nachdrucken, um der Nachfrage gerecht zu werden.
Dieser Erfolgsgeschichte, die sich selbst liest wie eine kleine Revolution, trägt nun eine Neuverfilmung von Kanikōsen Rechnung. Nachdem der Roman erstmals 1953 verfilmt und 2006 eine Manga-Version publiziert wurde, stellte Regisseur Hiroyuki Tanaka, genannt Sabu, seine Version Anfang der Woche im “Forum” der diesjährigen Berlinale vor. (Ein kurzer Trailer findet sich hier.)
Die somit nun in Berlin angelangte Ereigniskette tangiert unmittelbar eine vor kurzem auf Gold aufgeworfene Frage: Ob in Zeiten der weltweiten Wirtschaftskrise und der stetigen Abnahme klassischer Arbeit wir nicht eine neue Arbeiterliteratur bräuchten, und wenn ja, wie diese aussehen und welche Formen diese annehmen könnte. In Japan scheint diese Frage bereits beantwortet: Den ganzen Beitrag lesen »
21.02.10, 21:02 | 2 Kommentare »
09 Feb
Von Florian
Unter den vielen, vielen Beiträgen zu den Plagiatsvorwürfen gegenüber Helene Hegemann fand ich vor allem zwei Interviews interessant:
Beim Lesen sind mir zwei Sachen aufgefallen: Frank Maleu ist alles in allem sehr entspannt und würde gerne „die Kirche im Dorf lassen“. Und Hegemann verzieht sich nicht reuig in die Ecke, sondern verteidigt recht selbstbewusst, warum ihre Art, mit anderer Leute Texten umzugehen, für sie selbstverständlich ist (von der fehlenden Quellenangabe einmal abgesehen):
Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.
Sollten die beiden Parteien das Thema ohne Anwalt, Textschwärzungen und böse Worte regeln, wäre das ein auffälliger Kontrast zur laufenden Urheberrechtsdebatte, wo manche am liebsten die Verwendung jedes Halbsatzes mit einem Aktenzeichen versehen würden.
Die Frage an die mitunter erstaunlich diskussionsfreudigen Goldleser: Ist der Fall Hegemann/Airen ein Skandal – oder eher ganz normal?
Fröhliches Diskutieren!
09.02.10, 14:02 | 26 Kommentare »
05 Feb
Von Nikolai Preuschoff
Zwei Verlage machen noch keinen Trend, aber bemerkenswert ist es schon: Eine zunehmende Zahl Berliner Wissenschaftsverlage nimmt Belletristik ins Frühjahrsprogramm.
Gut, im Falle der populärwissenschaftlichen Berlin University Press (“intelligent-leichte Wissenschaftsliteratur”) ist weniger verwunderlich, dass sie nun mit drei literarischen Titeln herauskommt. Verlags-Chef und ehemaliger Suhrkamp-Lektor Gottfried Honnefelder hat sich einer offenbar gewichtigen Martin Walser-Novelle versichert (Mein Jenseits), und dieser stellt er zwei ähnlich unaufgeregt klingende Debuts an die Seite: das der jungen Mirja Klein, namens Schonung, und das des bereits reiferen Norbert Holl, Titel: Normans Geheimnis.
diaphanes gibt dagegen bereits seit Herbst 2008 ein kleines literarisches Programm heraus, das bisher allerdings ausschließlich aus Übersetzungen bestand. Mit Angelika Meiers England hat der Kreuzberger Verlag, der sonst vor allem mit Ausgaben feingeistiger französischer Theoretiker von sich Reden macht, nun erstmals einen Titel einer deutschsprachigen Autorin im Programm. Dieses soll, wie die diaphanes-Seite ankündigt, “nach und nach zu einer weiteren tragenden Säule des Verlages werden”.
Foto: Curious Expeditions
05.02.10, 17:02 | Kommentar abgeben »
02 Feb
Von Felix Lüttge
Die Schweizer haben es nicht leicht. Erst bauen die Muslime hohe Türme und singen davon herunter, dann wollen die Deutschen das Geld zurück, das andere ihnen geklaut und in der Schweiz versteckt haben, und nun sind auch noch die rumänischen Diktatorenkinder sauer. Auf den Schweizer Journalisten und Theatermann Milo Rau.
Denn auch die Nachkommen von Diktatoren haben es nicht leicht. Ständig treten die in- und ausländischen Gutmenschen auf ihren Ahnen herum; wo sie hinkommen, verbreitet ihr Name Angst und Schrecken (Ausnahmen bestätigen die Regel: Alessandra Mussolini, die nicht nur den Namen, sondern auch die Politik ihres Großvaters weiterführt, ist sogar ins EU-Parlament gewählt worden); und nicht selten wird er sogar zum Synonym für ein Regime von Mord und Verfolgung. Von letzterem hatte der geschäftstüchtige Sohn des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu die Nase so voll, dass er jetzt seinen Anwalt wegen des Stückes Die letzten Tage der Ceauşescus von Milo Rau (Verbrecher Verlag 2009) eingeschaltet hat. Den ganzen Beitrag lesen »
02.02.10, 22:02 | 1 Kommentar »
28 Jan
Von Felix Lüttge
Als Claude Lévi-Strauss vor drei Monaten im Alter von 100 Jahren starb, nölte die FAZ, “die Welt von Twitter und Youtube, die sich an Michael Jacksons Tod entflammte, hat den großen Anthropologen nicht mehr erreicht.” Unmittelbar nach der heutigen Tagesschau, in der Jerome D. Salingers Tod verkündet wurde, häufen sich die deutschen Tweeds darüber, schnell steht “RIP JD Salinger” auf dem dritten Platz der populärsten Twitterthemen. Auf der Website der FAZ dauert es ein wenig länger. Offenbar erfuhr man auch hier erst aus der Tagesschau von Salingers Tod.
Aber es geht nicht um die FAZ, sondern um J.D. Salinger. Um den Autor, der mit Der Fänger im Roggen (engl. The Catcher in the Rye) den Prototyp des Adoleszenzromans geschrieben hat und dessen Buch seit den Fünfziger Jahren fast überall auf der Welt in den Regalen von Teenagern steht. Gestern ist er mit 91 Jahren gestorben. Den ganzen Beitrag lesen »
28.01.10, 22:01 | 3 Kommentare »
23 Jan
Von Hannes Bajohr
Katrin Marie Mertens Gedichtband Salinenland versammelt gekonnt Klassisches.
Katrin Marie Mertens Gedichte soll man laut lesen. Die je sechs bis acht Zeilen in ihrem Debütband »Salinenland«, mehr sind es meist nicht, stehen auf dem Papier wie die Meldungen unter »Vermischtes« in einer Lokalzeitung, jene lakonischen Marginalien, die Neuigkeiten zusammenfassen, denen nicht zugetraut wurde, genug für eine ganze Spalte herzugeben. Es gibt keine Titel, stattdessen sind nur einzelne Satzteile in Kapitälchen hervorgehoben; sie dienen bloß zur Orientierung und Identifizierung im Inhaltsverzeichnis. Man muss sie laut lesen, damit sich einem ihr Rhythmus erschließt, der wichtiger ist als das Marginale ihres Inhalts. Die Musikalität, die in diesen wenigen Zeilen liegt, ist bemerkenswert, und zweifellos steckt viel Arbeit in ihnen, die darauf aus gewesen sein muss, immer weiter zu reduzieren, immer mehr von dem abzuschaben, was vielleicht aus der Meldung eine Story und aus den wenigen Zeilen die vollen fünf Spalten der Seite drei gemacht hätte.
Den ganzen Beitrag lesen »
23.01.10, 16:01 | 1 Kommentar »
22 Jan
Von Hannes Bajohr
22.01.10, 16:01 | Kommentar abgeben »
16 Jan
Von Nikolai Preuschoff
Gestern las Orhan Pamuk im Rahmen der Berliner Mosse-Lectures (“Dichter und ihre Ortschaften”) im Audimax der HU. Aber es konnten, wie mir auch aus Kreisen der Gold-Redaktion bekannt ist, nicht alle den Worten des Nobelpreisträgers lauschen, zumal der Saal bald aus allen Nähten platzte. Und wer wollte sich schon mit einer im Nebenraum installierten Video-Live-Schaltung abspeisen lassen oder sich mit den Sternburg-Pils trinkenden Studenten auf den eilig herbeigeschafften Matratzen lümmeln (siehe obere Bildmitte)? Daher nun ein kurze Zusammenfassung des Geschehens.
Ich beginne vielleicht mit den drei deutsch-türkischen Schulmädchen, die neben mir saßen und ganz aufgeregt waren. Sie seien extra aus Tegel und Spandau angereist, erklärte eine von ihnen, und ganz entsetzt über den hier oben auf der Empore (wohl von den protestierenden Studenten) zurückgelassenen Müll. Sie habe auch schon etwas von Pamuk gelesen, aber auf Deutsch, sagte sie, Den ganzen Beitrag lesen »
16.01.10, 00:01 | Kommentar abgeben »
11 Jan
Von Michael Duszat
Wer postapokalyptische Filme mag, war heute bei Pro Sieben wieder an der richtigen Adresse. Denn es wurde der Film »Lost City Raiders« gesendet, und der geht, in einfachen Worten nacherzählt, so:
2048. Die halbe Erde ist wegen Klimakatastrophe überflutet, und das Wasser steigt weiter. John und seine Stiefsöhne Jack und Thomas verdienen ihr Geld damit, Artefakte aus versunkenen Städten zu bergen. In den Ruinen von Los Angeles findet Jack beim Tauchen ein wichtiges Buch, in dem etwas zur Rettung der Welt steht, und wird dabei fast von einem Mutantenhai gefressen. Den ganzen Beitrag lesen »
11.01.10, 22:01 | 1 Kommentar »