02 Jan

Papier und Pappel

Von Michael Duszat

Herta Müller zeigt uns, wie die Collage funktioniert

Herta Müller nimmt die Collage wörtlich. Sie hat Wörter und Bilder aus Zeitungen ausgeschnitten und dann auf weißes Papier geklebt. In dieser Form wurden die fertigen Gedichte dann eingescannt. Die grundsätzlichen Verfahrensweisen der Collage, das Sammeln und Kombinieren, bleiben so deutlich sichtbar, anders als bei Texten mit homogenisiertem Schriftbild. Viele Wörter und Bilder tragen die bunten Farben und aufdringlichen Buchstaben von Illustrierten, Klatschblättern und Reklameseiten mit sich und weisen auf die eigentlich profane Sprachwelt hin, aus der sie stammen. In neuen Kombinationen werden sie zu großartigen Gedichten veredelt. In denen geht es um alles Mögliche, oft um alltägliche Dinge: um Pappeln, Haare, Kinderwagen, Aprikosen und Mokkatassen.

Der Zufall hat eine große Rolle gespielt, was die gefundenen Wörter wie auch ihre unkonventionellen Kombinationen betrifft. Die Gedichte sind aber mehr als zufällige Dada-Collagen. Auch das sammelnde, bastelnde, die Wörterhaufen ordnende Subjekt ist immer sichtbar. Denn die Gedichte sind keine unsinnigen Wortreihen, sondern sie erzählen – zwar surrealistisch, aber dennoch verständlich, das heißt, in konventioneller Grammatik. Auch sind viele Wörter nicht immer als Ganze in einem Quelltext vorgefunden und übernommen worden, sondern aus einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt. Zwar finden sich immer wieder Original-Ungetüme wie »Berganfahrkontrolle« oder »Seidencrêpekleid«. Aber in vielen Fällen entstehen die Wörter erst durch das Zerstückeln und neu Zusammensetzen alter Sprachblöcke, wie z.B. bei den »Schwarz-mark-tu-hren«. Manchmal werden auch die Punkte für den Umlaut per Hand hinzugefügt, um etwa das Wort »Be-grä-b-nis« zu formen. So entstehen reizvolle Wechselspiele zwischen Zufall und Kontrolle, zwischen gefundenen Objekten und findendem Subjekt. Das letzte Wort hat dabei immer die Autorin. Denn immer wieder reimt es sich ganz unverblümt. Die zufälligen Wörter werden in eine denkbar feste Form gebracht:

die Zwillinge Matache
sind nicht zu unterscheiden
mit sechsundvierzig Jahren
ließ einer sich von beiden
den starren Goldzahn machen
der hilft nur wenn sie lachen

Der Reim kommt aber oft überraschend, das heißt, Sie werden ihn selten auf den ersten Blick sehen, weil die meisten Gedichte die Wörter nicht wie im zitierten Beispiel nach Versen ordnen, sondern einfach aneinander reihen und erst am Ende des beklebten Blattes die Zeile wechseln. Auch auf Satzzeichen verzichtet Müller. Das heißt, Sie müssen die Worthaufen beim Lesen zu einem großen Teil selbst einteilen, nicht nur in Verse, sondern auch in Sinneinheiten. Darin liegt aber der große Reiz dieses Buches, denn so entsteht der überraschende Effekt, dass man scheinbar am Dichten selbst beteiligt wird. Die Freude ist groß, wenn sich die zuerst chaotisch und bunt erscheinenden Texte zu kleinen Sprachkunstwerken verfestigen. Mitunter dringt auch Bedrohliches unter der scheinbar harmlosen, kinderreimartigen Oberfläche hervor: »im Fernsehen kommt Eiskunstlauf es klopft die Tür macht Vater auf er sagt nur knapp sie holen mich der Fremde sagt beeile dich«. Was sich zwischen den Einzelteilen der alltäglichen Wortmassen verbirgt, das Besondere, Überraschende, Befremdliche, das lockt Herta Müller in ihren Collagen eindrucksvoll hervor.

Herta Müller, Die blassen Herren mit den Mokkatassen, Carl Hanser Verlag München 2005. 112 Seiten, 17,90 Euro

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