29 Sep

Neue Perspektiven

Von Nikolai Preuschoff

»Wenn man nicht mehr weiter weiß, hört man einfach auf«, hat Konrad Bayer, der tragische Held der Wiener Gruppe, einmal gesagt. Das ist ein klasse Spruch, weil er dem Hoffnungslosen suggeriert, dass das Aufhören eine leichte Sache sei. Als Alternative gibt es meistens nur eins: Man sucht und entdeckt schließlich – eine neue Perspektive.
Eine von diesen neuen Perspektiven gab es vor einigen Tagen auf der Titelseite der Bildzeitung zu sehen: Ein Foto des Managers Klaus Kleinfeld, ungewöhnlich so von unten aufgenommen, dass Bauchansatz und Doppelkinn des sonst schlank wirkenden Sanierers deutlich hervortreten. Und das passte hervorragend zur Schlagzeile: 30% mehr Gehalt hat der „Boss“ sich und seinen Vorstandskollegen genehmigt.

30%, das hört sich nach viel an und ergibt auch, kurz nachgerechnet, bei 3,3 Mio. Jahresgehalt 2005 ein Plus von einer knappen Million. Also 4,29 Mio. Das ist zweifellos allerhand, wenn man sich erstmal überlegt, wen man damit alles durchfüttern könnte: zum Beispiel 105 Arbeitnehmerfamilien 12 Monate lang oder 210 Langzeitstudenten 36 Monate lang. Was das mit Berlin, unserer Stadt aus Gold zu tun hat?
Zunächst einmal, dass jenes Unternehmen, das Herrn Kleinfeld bezahlt, vor 159 Jahren in einer Hinterhofwerkstatt in Tempelhof gegründet worden ist. Und vielleicht, dass Berlin bekanntlich – und viel ärger übrigens als der deutsche Traditionskonzern Siemens – in der Klemme steckt. Mit seinen mehr als 60 Milliarden Euro Schulden quasi finanziell am Ende ist. Und nicht mehr weiter weiß. Also eine neue Perspektive braucht.
Zählen wir nun eins und eins zusammen und kehren zurück zu der Perspektive auf Klaus Kleinfelds Bauch. Nicht, weil Kleinfeld durch den Abbau von Arbeitsplätzen so richtig reich wird, sondern angesichts des Berliner Schuldenloches (der Ausdruck »Schuldenberg« ist unrealistisch, da ja etwas fehlt und sich nichts anhäuft) von 60 Milliarden Euro, das dringend gefüllt werden muss. Damit Berlin wieder eine Perspektive hat.

Gefüllt werden solche Löcher mit Steuergeldern, vorausgesetzt diese werden gezahlt. Einmal angenommen also, Herr Kleinfeld übersiedelte nach Berlin und würde hier, in der Hauptstadt der Arbeitslosigkeit, einen Steuersatz von 100% entrichten, als Buße gleichsam für die zahlreichen, von ihm wegrationalisierten Arbeitsplätze. In zehn Jahren hätte Herr Kleinfeld dann – immer vorausgesetzt, sein Lohn wird nicht weiter erhöht – schon fast eine Promille des Berliner Schuldenlochs aufgefüllt. Weiter angenommen, seine 12 Vorstandskollegen (gemeinsamer Jahresverdienst rund 30 Mio. Euro) kämen ihrem Chef angesichts dieser Sisyphos-Arbeit zu Hilfe, bräuchten sie zusammen nicht ganz 1750 Jahre. Das klingt vielleicht immer noch lang, sind aber nur 1000 Jahre mehr als Berlin zur ersten 750 Jahrfeier 1987 brauchte! Nicht überzeugt?
Aber es ist doch wenigstens eine Perspektive!

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