Schwarz-süße Trauben
Hendrik Jacksons Dunkelströme bei Kookbooks.
Jackson, Hendrik Jackson – man muss das schon zweimal lesen, diesen Namen, von dem man einen Moment denken könnte, er sei gar nicht echt. Jedenfalls bleibt er hängen, noch beim zweiten, dritten Gedicht, bis sich irgendwann die befriedigende Gewissheit einstellt: Das hier hat nichts mit amerikanischen Pop oder, noch schlimmer, deutscher Pop-Literatur zu tun, auch nichts mit dem abstrakten Expressionismus eines Pollock; hier ist ein (und nichts gegen Pollock) ernsthafter Lyriker am Werk. »Dunkelströme«, erklärt uns der studierte Filmwissenschaftler Jackson auf der von Andreas Töpfer kookbook-typisch gestalteten Umschlagseite (der erstmal zwei transparente, mit Dali-haften Illustrationen bedruckte Seiten folgen) »Dunkelströme« seien spontane, rauschende Ladungsbildungen (deshalb übrigens auch als »Dunkelrauschen« bekannt), die, durch Einfluss von Wärme, in lichtempfindlichen Detektoren entstehen können, aber nicht müssen.
Es ist damit bereits eine Beschreibung der Jacksonschen Dichtung gegeben: spontan, montiert, kompliziert, filigran an ihren besten Stellen, aber auch wechselhaft, inkonsistent, manchmal schwach. »Verschwommene Ränder« heißt denn auch das erste Gedicht, das – ganz dunkelstromig – beginnt mit: »Fahrten lauter Lichter, Eisentüren, über uns Cassiopeia / unwillkürliche Reflexe verwischten die Momentaufnahme (Schattenwände standen)«. Während sich diese zwei Zeilen thematisch zwischen nächtlicher Eisenbahn und Autofahrt bewegen und dabei die Ästhetik von Filmaufnahmen transportieren, zeigt Jackson hier seine bevorzugten Stilmittel: Inversionen, Alliterationen, momenthafte Aufnahmen, schnelle Schnitte, cineastische Bildsprache. Gerne assoziiert ein Wort das nächste, so dass der sich mehr oder minder herauszubildende Gesamtzusammenhang beständig gebrochen und unterlaufen wird. Dazu trägt auch Jacksons – stellenweise etwas üppig eingesetzte – manirierte Unterbrechungstechnik bei: Parenthesen (kursiv und in Klammern gesetzt). Das sind keine bloßen Regieanweisungen, man muss sie (laut) mitlesen – dann entpuppen sie sich als Mittel der Modulation und Variation (auch von der leise lesenden inneren Stimme): Die Klammer, die an sich schon den Zusatz, das weniger Wichtige markiert, das Kursivgedruckte, das eine andere Betonung, Lesart oder Aussprache einfordert.
So zieht sich gewissermaßen ein Flüstern, ein Hauchen oder Zischen durch den Gedichtband und unterstreicht die surreale Note, den wunderbar verdichteten Schwarz-Weiß-Film, den Jackson auf den ersten zwanzig Seiten ablaufen lässt. Dieses erste Kapitel, »Wetterfelder«, ist zugleich das gelungenste. Hier entfaltet Jackson eine Methodik der freien Assoziation, die etliche der anfänglich eingeführten Bilder und Geschichts-Partikel plötzlich in andere Richtungen reißt und die Zeilen gegen Ende der Doppel-Strophe ins Nichts des zerfallenden Sinns auflöst. So gelingen Jackson beeindruckende Zeilen, die ihre feingliedrige Technik zu erstaunlich dichten Bildern in die Tiefe schrauben.
Dunkelströme – als solche erweisen sich die ersten Gedichte des Bandes; ihr geheimnisvolles Rauschen verflüchtigt sich jedoch, und zwar punktgenau mit dem ersten Gedicht des folgenden Abschnitts (das mit »Prag« übertitelt ist und spätestens mit der Zeile »o die Frauen Kafkas oder noch Schrecklicheres« kein Rauschen, sondern allein Ärger erzeugt). Jackson ist da gut, wo er sich im diffusen Licht der Andeutungen bewegt, wird es konkret, wirkt vieles platt (oder sogar bös kitschig wie die »Autorin aus der Hejan-Zeit«). Von diesen Abstürzen ins Konkrete abgesehen bleibt der Jackson lesenswert und sei nicht nur Cineasten wärmstens empfohlen.
Hendrik Jackson: Dunkelströme. Gedichte.
Kookbooks 2006, 80 Seiten, 14,40 EUR.