27 Okt

AutoZusammenfassen

Von Vanessa

Die letzte Zeit habe ich leider hauptsächlich am Schreibtisch verbracht, weil ich mich mal wieder durch Verdrängung verschiedener Aufgaben in eine gewisse Zeitnot gebracht hatte. Deshalb habe ich nur von Abenteuern zu berichten, die ich innerhalb meines Computers erlebt habe. Eins davon möchte ich trotzdem teilen.Es ist ja so, dass jeder, der dringend etwas Wichtiges zu arbeiten hat, irgendein Ablenkungsprogramm absolviert. Blumengießen. Fensterputzen. Sudokus lösen. Exfreunde googeln.
Und neulich in der Cafeteria einer Bibliothek überhörte hörte ich folgendes Gespräch:
»Na, läuft’s?«
»Ach, frag besser nicht, wieder mal den ganzen Vormittag Spider-Solitär gespielt.« Verständnisvolles Kopfnicken.
Ich glaube, dieses Spiel rangiert irgendwo ganz oben auf der Ablenkungsliste. Das spielen sie alle. Meine mutigste Freundin hat es neulich, in einem Anfall von Disziplin, von ihrem Computer gelöscht. Ganz, auch aus dem Papierkorb entfernt, wiederherstellen ausgeschlossen. Ein Aufschrei ging um, als sie es uns erzählte.

Auf meinem Computer gab es leider noch nie Spider-Solitär. Aber ich habe etwas anderes entdeckt, und zwar, als ich auf der Suche nach der Funktion »Seitenzahlen einfügen« in der Menüleiste meines Word-Programmes unterwegs war. Es gibt, unter »Extras«, den Menüpunkt »AutoZusammenfassen«.
Ich weiß nicht, ob das alles längst bekannt ist, ich jedenfalls war sehr erstaunt, als das Dialogfenster sagte:
»Word hat ihr Dokument überprüft und die Sätze gewählt, die den Themenschwerpunkt enthalten.« Ich durfte dann entscheiden, auf wie viel Prozent die Zusammenfassung den Originaltext einstampfen sollte.
Unfassbar. Sollte es wirklich so sein, dass mein Computer, den ich bisher für eine Art beleuchtete Schreibmaschine gehalten habe, in der Lage ist, das Wichtigste eines über zwei Wochen erarbeiteten Textes innerhalb von Sekunden zusammenzufassen? Es wäre ein Wunder und eine Unverschämtheit zugleich.
Man muss es ausprobiert haben, dachte ich mir, und stellte die Zusammenfassung auf 25% ein.

Sei es, dass es nicht möglich war, 25% themenschwerpunktrelevante Sätze in meinem Text zu finden, sei es, dass das Programm mit seinen Möglichkeiten ein wenig übertrieben hatte: Heraus kam ein hanebüchener Schwachsinn. Aber ein wunderschöner! Ein dadaistisch anmutendes Frikassee aus der Überschrift, aus einigen Zeilen irgendeiner Fußnote und aus Sätzen, bei denen mir als einziges Auswahlkriterium Willkür einfällt.
Damit nahm es seinen Anfang. Seither lasse ich Texte zusammenfassen, alle möglichen, ein herzerfreuender Zeitvertreib.
Ein Beispiel? Sagen wir: Irgendein bekanntes Gedicht. Ein paar Sachen von der GOLD-Homepage. Und, warum nicht gleich hoch einsteigen, das Grundgesetz. Die Bibel. Und dann noch was Tagespolitisches.

Es zeigt sich, dass die wichtigste Strophe aus Rilkes Gedicht »Herbsttag« die zweite ist:

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; / Gib ihnen noch zwei südlichere Tage, / Dränge sie zur Vollendung hin und jage / Die letzte Süße in den schweren Wein.

Das verstehe ich gut. Die Sache mit dem Wein ist wichtig. Nur, woher weiß das der Computer?
Die Rezension von Norbert Zähringers »Als ich schlief« lässt sich (entschuldige, Elena) auf ein Prozent wie folgt zusammenfassen:

Norbert Zähringer zeigt in seinem Roman »Als ich schlief«, wie alles mit allem zusammenhängt.

Vom Grundgesetz (und zwar von Artikel 1 bis 146, inklusive Präambel) bleibt übrig, wenn man es gleich zwei Mal zusammenfassen lässt:

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Artikel 10 Abs. 2 Satz 2 bleibt unberührt.
Artikel 72 Abs. 3 gilt entsprechend.
(2) Artikel 87 Abs. 3 Satz 2 bleibt unberührt.

Ein Prozent des Wichtigsten aus Anfang und Ende der Bibel – aus den Büchern Genesis 1-11 und der Offenbarung des Johannes 22 – ist:

Und Gott sprach: Es werde Licht.
Siehe, ich komme bald. Selig ist, der die Worte der Weissagung in diesem Buch bewahrt.

Und wenn man sich schnell über gesellschaftlich aktuelle Themen informieren möchte, ganz ohne das Geschwafel drumherum, wenn man beispielsweise wissen möchte, wie das mit der Entscheidung um die Elite-Unis noch mal war, hier der Artikel »Topographie der Exzellenz« aus Die Zeit Nr. 43 vom 19. Oktober, reduziert auf 1%:

Urteil: zu unoriginell. Beim letzten Förder-Ranking der DFG habe Berlin sogar München überholt.

Wollen wir mehr darüber wissen? Eigentlich nicht.

Das wollte ich gerne teilen. Dieser Spaß geht nicht verloren, auch wenn man sich eines Tages sagt: »Du musst Dein Leben ändern«. Denn Word zu löschen, dass ginge ja wirklich zu weit. Und jetzt machen wir noch gemeinsam die Probe aufs Exempel. Irgendwas Wichtiges geschrieben hier? Kolumne markieren. Kurzfassung auf, sagen wir, 2%, das muss reichen. Klick.

Zusammenfassung:

Blumengießen. Unfassbar. (2) Artikel 87 Abs. 3 Satz 2 bleibt unberührt.

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