Hier ist Berlin noch in Ordnung (1): Die Wartehalle am ZOB
An der äußersten westlichen Peripherie Berlins, nahe des Funkturms (oder “Funktürmchens“) betrat ich letztens die Wartehalle des ZOB, des so genannten “Zentralen” Omnibus-Bahnhofs, ein architektonisches, kaum mehr beachtetes Relikt aus den 60er Jahren.
Dem Besucher fällt die Komposition aus Glas und warmen Gelbtönen sogleich angenehm ins Auge. Dabei verdient, unterhalb des Fensterbandes von Abfertigungsschaltern, eine Reihe formschöner Kunstoffmodule, die an Sitzbänke von Playmobil-Fahrzeugen erinnern, besondere Aufmerksamkeit. Oberhalb der Schalterfenster ist die Beschriftung etwas bürokratisch, aber klar, charaktervoll und wie handgeklebt die Typografie.
Es ist morgens um sieben, vor den zwei Abfertigungsschaltern haben sich lange Schlangen gebildet. Die Wartenden am hinteren Ende, viele davon Senioren, sind, obgleich es durchaus voran geht, hochgradig nervös. Sie wollen nach Braunschweig, Lüneburg, Frankfurt, zu einer Hochzeit, die Enkelkinder besuchen. Der Schalter “Auskunft” ist nicht besetzt, dezent schließen ihn die Lamellen eines Sichtvorhangs. Neben an, bei der “Verkehrsleitung”, ist vorsichtshalber ein mit Farbtintenstrahldrucker improvisierter Hinweis angebracht: “Hier keine Tickets”. Dafür flackern über die erst kürzlich montierten Anzeigetafeln die Abfahrtzeiten und Zielorte: Hamburg, Bremen, Eckernförde. Die Abfahrten finden pünktlich statt, penibel wird unterwegs jede Kleinstadt abgeklappert, und die Preise sind, noch fast, wie aus der Vorwendezeit.
Foto: Nikolai Preuschoff