viereins für die Independents
Die Frankfurter Buchmesse 2007 ist vorbei, doch die Messezeitung der kleinen Verlage bleibt. viereins genannt – nach der Ausstellungshalle in Frankfurt – , präsentiert sich der 24-Seiter erneut mit einem programmatischen Aufmacher zur Lage der Independents, verfasst von Autor und Journalist Dietmar Dath: “Die Chancen der kleinen Nager. Die Funktion der Independents im deutschsprachigen Literaturbetrieb”. (Zur Programmatik des Leipziger Vorgängerblattes fünfnull hier.) Was haben sich die Indies selbst zu sagen, worum geht’s?
Dath steigt mit einem aufschlussreichen Bericht über die erpresserische Briefaktion der australischen Buchhandelskette Angus & Robertson ein. Diese schrieb im August 2007 Kleinverlage in Down Under mit der Drohung an, sie aus dem Sortiment zu nehmen, sollten sie weiterhin nicht das “Minimalverhältnis zwischen Gewinn und Umsatz” erfüllen. Dreist wurden Summen zwischen 2.500 und 20.000 australischen Dollar gefordert, so Dath:
“Die Zahlung entspricht der Negativbilanz Ihres Betriebes und wird ihn aus der Zone inakzeptabler Profitabilität in den Bereich oberhalb unserer Minimalschwelle überführen.”
Räuberkapitalismus pur! Nicht mit den Indepentens, logisch, derartiges Verhalten wäre wider ihre Natur. Zusammen sind sie stark und bestehen gegen Großkapitalisten. Moralisch klar gepunktet, einsnull für die Unabhängigen.
Doch ganz so einfach wie nach dem ersten, raschen Punkt gedacht gewinnen die Kleinverlage bei Dietmar Dath dann doch nicht. Anders als Gunther Nickel im Leipziger Vorgängerblatt fünfnull hält Dath die Kleinen zwar für kleiner, aber nicht für unabhängiger oder flexibler als die Branchenriesen:
“Die Großen sind nicht unbeweglich, nur so breit, daß sie den Horizont bodennaher Beobachter ausfüllen. Wenn sie sich bewegen, bebt die Erde. Die Kleinen sind nicht unabhängig, nur dichter am Boden. Ihre größte Chance auf eine Belohung für ihre vielen Tugenden ist eine langfristige, evolutionäre: Falls einmal eine Riesenauslöschung die Saurier umschmeißt, schlägt die Stunde der kleinen Nager.”
Hm, einseins für die Großen, denn beweglich und bebenmachend, das ist doch was. Auch wenn die Fittesten für’s Überleben Daths Meinung nach die Kleinverlage sind. (Doch Vorsicht: Die Saurier machten bekanntlich Platz für den Menschen, der Klimawandel und obengenannten Raubtierkapitalismus auf dem Gewissen hat. Es sei nur an James Thurber und seine Fabel “The Human Being and the Dinosaur” erinnert.)
Groß, klein, unabhängig oder nicht, in Zukunft ausgestorben oder quicklebendig: Die Vorhut sind die Zwerge allemal, wie Dath mit dem Prinzip Fast Food illustriert:
“Pioniere sind die Pfannkuchenoma und Würstchenwagenfahrer; im großen Stil sahnt dann McDonald’s ab, sobald die nötigen Rationalisierungsrezepte gefunden sind.”
Das schmeichelt dem multiplen Avantgardisten-Ego der Independents. Zwischenstand: zweieins.
Und neues Spiel. Neben Daths Artikel besonders lesenswert ist der Erfahrungsbericht von Andrew Franklin, eines Verlegers aus der britischen Independent Alliance, deren unabhängige Verlage und Buchhandlunge nicht nur in Vertrieb und Werbung sondern auch auf den Gebieten Autorengewinnung, Fortbildung und Electronic Publishing kooperieren. Der Wunsch des Verlegers von Profile Books könnte Programm auch für die deutschen Kleinverlage sein:
“[Die Alliance] ist noch jung, aber ihr Einfluss wird noch weiter wachsen, und wir alle hoffen, dass sie sich auch auf die internationale Ebene ausweitet.”
International vernetzt: Dreieins für die Independents.
Ob die Globalisierung der Indie-Kooperationen für eine bessere Verlagswelt sorgen wird, sei dahingestellt. Mit seinem Tip an die Nager vergibt Dietmar Daths jedenfalls den – wiederum moralischen – Siegpunkt:
“Macht Bücher, die ihr für ausgezeichnet haltet. Wenn die sich nicht rechnen, leidet ihr wenigstens für etwas Gutes, statt nur an etwas Bösem.”
Schöner Leiden! Viereins für die Independents.
Postscriptum.
Natürlich enthält die viereins noch viel mehr: Verleger-Erfahrungen aus dem Hause Edition Nautilus – wie mit dem Erfolg von Andrea Schenkels Krimis umgehen?-, einen Appell vor allem an Großverlage, Buchcover weniger uniform zu gestalten, sowie werbende Auszüge aus den Verlagsprogrammen der die Publikation fördernden Independents.
Außerdem eine gelungene Doppelseite der Jungen Magazine mit einem lobenden Mahnschreiben des Nestors der Zeitschriftenkritik, Michael Braun, in dem er den jungen Literaturzeitschriften bescheinigt, als “Impulsgeber, Scouts und Probebühnen” im Literaturbetrieb unverzichtbar zu sein. Zugleich fordert er “ästhetischen Distinktionsgewinn” und zieht den eigensinnigen, beratungsresistenten Einzelgänger als Idealtypus des Zeitschriftenverlegers dem vernetzenden, unanalytischen Sammelsuristen vor.
Ron Winklers Lob der Literaturzeitschrift liefert dazu eine lange Liste von assoziativen Stichworten zum Thema: Literaturzeitschriften bieten Mauerschauen aktueller Tendenzen, Netzwerkoptionen, Testöffentlichkeit, sind idealistische Tummeplätze, intellektuelle Tollhäuser und Statussymbole für die Autoren, sie kompensieren die Substanzverluste der Tageszeitungsfeuilletons und gestalten die Lebendigkeit der Gegenwartsliteratur.
Keine Spur von Dinosauriern, aber riesige Warntafeln allerorten: “Achtung, Hybris”. Eine mögliche Gefahrenquelle im Zuge der Evolution ist identifiziert. Und wer sich anpasst, überlebt.
Am 5. April 2008 um 19:26 Uhr
[...] sich schon junge Verlage und junge Magazine in Netzwerken zusammengeschlossen haben, gibt es jetzt auch einen Versuch, die [...]