05 Nov

Der Knotenpunkt der schlechten Laune

Von Anne-Dore

bvg2.jpgBerlins Knotenpunkt der schlechten Laune liegt am U-Bahnhof Kleistpark. Oben, am Ausgang Grunewaldstr./Potsdamer Str., in einem Gebäude der BVG hinter hohem Zaun, bündeln sich die obermiesen Stimmungen zweier Gruppen.

Die einen sind die Schwarzfahrer oder die vermeintlichen Schwarzfahrer, sie zahlen 40 Euro “erhöhtes Beförderungsentgelt” oder sieben Euro dafür, dass sie ihr Ticket nicht dabei hatten. Sie, die schon anderen Fahrgästen vorgeführt wurden (“So, dann steigen wir jetzt ma aus!”) müssen zum Kleistpark. Alle. Egal ob sie in Pankow oder Spandau wohnen. Sie müssen Nummern ziehen wie an der Fleischtheke. Auf unbequemen Plastikstühlen warten. Sich von BVG-Menschen hinter Plastikglas Satzteile ohne “Bitte” und ohne Lächeln und ohne irgend etwas außer Verachtung anhören. Satzteile wie “Sieben Euro. Aber passend” oder einfach nur: “Personalausweis!”

Die andere Gruppe sind die Schwarzfahrer-Bearbeiter der BVG. Das sind die, die ihren Kopf hinhalten. Sie sitzen in kleinen Waben hinter Plexiglas, drei Quadratmeter Kabuff. Jede Minute erscheint ein neues, schlecht gelauntes Schwarzfahrer-Gesicht in ihrem Sichtfeld und frustet in ihren Arbeitsplatz hinein. Würde man eine Webcam neben den Köpfen der BVG-Bearbeiter installieren, mit Blick auf die Schwarzfahrer – es wäre ein effektives Trainingsprogramm, um anhaltende Attacken geballter schlechter Laune zu ertragen. Die BVG-Bearbeiter können das.

Bad Vibrations züngeln von außen durch den vertikalen Sprechschlitz im Glas und vermischen sich mit den bad vibrations innerhalb der Wabe. Einer der Schwarzfahrer brüllt: “Ick will ihrn Chef sprechen!” Von der anderen Seite des Plexiglases dröhnt es zurück: “Das könn’ Sie habn!” Allein schon das Eintreten: Die drei hünenhaften Türsteher sind Meister der sadistischen Späßchen. Jeder Neuankommende wird eingekreist, dreistimmig fordern sie von oben : “Halt! Zahlungsaufforderung zeigen!” Der Ankommende kramt nervös den weißen Wisch hervor, die Türsteher machen Platz. Das gehasste Papier verwandelt sich in dieser Schleuse in eine Eintrittskarte, die man nie wollte, hinein in eine Groteske, die man nicht sehen mag. Hier schießt jeder, bevor der andere auf die gleiche Idee kommen könnte.

Doch dann: An der Resopalwand einer Wabe, seitlich über dem Plexiglasgesicht einer BVG-Bearbeiterin mit Strichmund: Buntstiftkrakel, rot, blau, grün, Kinderstriche, eine lachende Sonne, gelb: “Für Oma”. Eine zarte, ausgeblichene Erinnerung an gute Laune, irgendwo da draußen.

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Eine Reaktion zu “Der Knotenpunkt der schlechten Laune”

  1. Tobias

    großartig.

    danke für ein kleines bisschen gute Laune an diesem novembrigen BVG-Tag.

    T.