09 Nov

Sammeln & Seltenes: Lindworskys Seelenleben

Von Nikolai Preuschoff

Johannes Lindworsky versucht eine Einführung in die Psychologie und will nebenher katholische und moderne Philosophie ins Einvernehmen bringen.

Lindworsky SeelenlebenDas Buch oder Büchlein, das ich um das Jahr 1999 an einem Stand der Freiburger Heilsarmee für vermutlich eine Mark kaufte, trägt den Titel Das Seelenleben des Menschen. Der Titel hat mich sofort fasziniert. Sowas würde man irgendwo in der Esoterik-Ecke vermuten, Unterkategorie Reinkarnation. Lindworsky aber bietet eine Einführung in die Psychologie (so der Untertitel). “Einigermaßen unerhört”, dachte ich. Gelesen habe ich seitdem allerdings nicht wirklich darin.

Das liegt wohl daran, dass mir der Name Lindworsky, der das Buch vor 73 Jahren verfasst hat, nirgendwo sonst mehr unterkam. Tatsächlich kennt heute niemand mehr Johannes Lindworsky (1875-1939), der als Professor der Psychologie an der deutschen Universität Prag lehrte. Nicht einmal die Wikipedia.

Dabei ist Lindworsky als Person durchaus interessant. Er hat bei dem Psychologen und Philosophen Oswald Külpe (1862-1915) in München studiert, der seinerseits in Leipzig ein Schüler von Wilhelm Wundt gewesen ist. Außerdem wird Külpe, Gründer der “Würzburger Schule” der sogenannten “Denkpsychologie”, mit dem seit 2004 ausgelobten Oswald-Külpe-Preis geehrt. Den erhalten Wissenschaftler, die mit experimentellen Methoden höhere geistige Prozesse erforschen. Lindworsky nun promovierte 1915 bei ebenjenem Külpe an der Ludwig-Maximilians-Universität. Zum Thema hatte er sich, getreu der “Würzburger” Forschungsdoktrin, Die Gestaltungsweisen des syllogistischen Denkens gewählt. 1923 folgte dann Der Wille. Seine Erscheinung und seine Beherrschung. Nach den Ergebnissen der experimentellen Forschung.

Zu diesem auf Selbstdisziplinierung hindeutenden Titel von 1923 passt, dass Lindworsky Jesuit gewesen ist. (1) Als Band IX einer katholischen, von dem Philosophen und Moraltheologen Theodor Steinbüchel (1888-1949) im Bonner Peter Hanstein Verlag herausgegebenen Reihe erschien denn auch das Das Seelenleben des Menschen. Die Reihe bemüht sich darum, das anerkannte auch die zeitgenössische Kritik, die katholisch-scholastische Tradition mit moderner Philosophie zu verbinden. Eine Sammelrezension im Journal of Philosophy (Vol. 34, Nr. 12, 1937, S. 330-332), die auch Hans Meyers Das Wesen der Philosophie und die philosophischen Probleme sowie eine Einführung in die Erkenntnistheorie und Logik von Joseph Engerts aus derselben Reihe vorstellt, erklärt, leider, ausgerechnet Lindworskys Versuch zu dem am “wenigsten fruchtbaren”.

Das ungelöste Problem Lindworskys ist es vermutlich, auf nur 68 Seiten in Psychologie, Philosophie und Religion zugleich einführen zu wollen und, nebenbei, auch noch alles in einer Gesamtdarstellung zu verbinden. Die Vorbemerkung gibt einen Eindruck dieses aus heutiger Sicht naiv zu nennenden Vorhabens. In den kompliziert mäandernden Sätzen, die Lindworskys Stil auszeichnen, heißt es:

Die moderne Philosophie bemüht sich, Einzelwissenschaft, Fachwissenschaft zu werden. Somit verzichtet sie darauf, ihre Einzelergebnisse in eine Gesamtdarstellung der Philosophie, die vor allem die allgemeinsten, größten Linien einer Welt- und Lebensauffassung sammeln und sie begründen will, aufgenommen zu sehen; um so lieber, wenn diese Einzelergebnisse doch nur als Exzerpt, schließlich gar als Exzerpt eines Exzerpts erscheinen können. Hingegen ist sie der Meinung, das Bild des menschlichen Seelenlebens, wie sie es jetzt auf Grund ihrer Forschungen entwerfen könne, weiche nicht wenig von dem ab, das sich sowohl der Laie unserer Zeit wie auch (…) der Philosoph der Vorzeit gestaltet hat, und diese Abweichungen seien theoretisch wie praktisch bedeutsam. Darum ist es Aufgabe dieser Abteilung unseres Gesamtwerkes, jenes neue Bild des menschlichen Seelenlebens in groben Strichen zu zeichnen.

Die Annäherung zwischen moderner und katholischer Philosophie (bzw. Psychologie), die Lindworsky versucht, gerät in der Folge zu einem Stückwerk, dessen Einzelepisoden zwischen mit rührend-bemühter Didaktik vorgetragener Banalität und komplett Unverständlichem changieren. So gibt es ein Kapitel zum “Erkenntnisleben”, zum “Kunsterleben und Kunstschaffen”, zum “Fühlen des Menschen”, zum “menschlichen Willensleben” (womit Lindworsky natürlich an seine Arbeit von 1923 anschließt), zur “Religion”. Lindworsky geht weniger systematisch als vielmehr spekulativ und suggestiv zu Werke. So springt er von empirischen psychologischen Befunden zu metaphysischen Konsequenzen: Auf den Paragraphen über “Reproduktion der Vorstellung: Physiologisches Gedächtnis” folgt der Paragraph “Metaphysische Folgerung: die Unsterblichkeit der Seele”. Und auf die Bemerkungen zu den “Leistungen des Denkens” folgen “Bemerkungen über mystisches Erkennen”.

Lindworsky hat, auf diese Weise, in seinem Bestreben, der Verbindung der Disziplinen, leichtes Spiel: Denn wenn das, woran die Psychologie experimentell forscht, nämlich die Seele oder das “Seelenleben”, der metaphysischen Folgerung nach unsterblich ist, wird die Psychologie – voilà! – im Handumdrehen zu einer theologisch-metaphysischen Wissenschaft.

Recht rüde geht es dann auf den letzten sechs Seiten zu, wenn Lindworsky über die “Richtungen der Psychologie”, das heißt seine Kollegen herzieht. Der Behaviorismus beispielsweise sei nur entstanden, weil “die Amerikaner (…) sich nun sehr früh für die experimentelle Psychologie begeistert” und “sie in Deutschland studiert” hatten, “von wo sie auch die neuen Probleme und Methoden hinüberbrachten”. “Allein infolge ihrer philosophischen Abhängigkeit vom englischen Sensismus und infolge ihrer eigenen Mentalität fanden sie sich mit dieser Methode auf dem Gebiet der der höheren Funktionen nicht zurecht.” Und zu allem Überfluß erfuhren sie “um dieselbe Zeit (…), daß man in den Schulen der russischen Physiologen Bechterew und Pawlow neue wertvolle objektive Methoden der Beobachtung der Drüsenreflexe einführte”. Aus diesen wilden Pauschalisierungen schlußfolgert Lindworskys — aus heutiger Sicht ja nicht ganz falsch: Der Behaviorismus werde bald an der eigenen “Anämie sterben”.

1934, als Das Seelenleben des Menschen erschien, war übrigens auch das Jahr, in dem die Deutsche Universität in Prag die historischen Universitätsinsignien der Karls-Universität, unter Aufsicht des Schulministeriums, an die tschechische Universität übergeben musste. Lindworsky verschied, 74jährig, bereits fünf Jahre später und noch bevor die deutschen Besatzer am 17. November 1939 sämtliche Hochschulen in Tschechien schlossen, die deutsche Universität dem Schulministerium in Berlin unterstellten und zu einer Reichsuniversität erklärten.

(1) Herbert Oswald Ühlein: Johannes Lindworsky. Ein Jesuit als Experimentalpsychologe, Passau, 1987.

Johannes Lindworsky: Das Seelenleben des Menschen. Eine Einführung in die Psychologie, Bonn 1934, antiquarisch 6-8 €.

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