Zart an Wunden rühren
Line Hovens graphische Familienchronik Liebe schaut weg.
Drei Generationen, zwei Kontinente und ein großer Krieg. Eine Familiengeschichte im 20. Jahrhundert. Die Geschichte von Line Hoven. Drei Jahre schabte die Hamburgerin an ihrer ersten großen Veröffentlichung. Sie hat ein aufwändiges Verfahren für ihre Publikationen gewählt: Karton wird mit einer Schicht weißer Kreide bedeckt, dann mit Tusche, die Motive werden anschließend mit dem Cutter ausgeritzt. Fehler können kaum korrigiert werden, Details brauchen viel Zeit.
Auf der Frankfurter Buchmesse wurde das Album im Oktober nun endlich vorgestellt. Es ist zugleich Line Hovens Diplomarbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, wo sie bei den Comic-Künstlern Anke Feuchtenberger und ATAK studierte. Aus Magazinen wie „Orang“ oder „Strapazin“ kennen Comic-Fans ihre aus Schabkarton gekratzten Bilder jedoch schon seit längerem.
Eine Doppelseite eröffnet die Erzählung: „I wondered if a memory is something you have or you’ve lost…“ Woody Allen liefert das Motto für Hovens Familienchronik. Ein großzügiges Eckzimmer in einem Altbau, die Möbel unter Tüchern verborgen, gepackte Umzugskartons stehen mitten im Raum. Es ist die Bonner Wohnung, in der Line Hoven und auch schon ihr Vater aufwuchsen. Im Augenblick des Verlassenwerdens zeigt sie uns diesen Erinnerungsort: Memory is something you’ve left.
Wie ihre Bilder aus mehreren Materialschichten, so legt Line Hoven die Emotionen ihrer Figuren frei. Chronologisch lernen wir die Mitglieder von Line Hovens Familie kennen. Zuerst den Großvater, den verträumten Erich, der Mitglied in der Hitlerjugend ist und an einem selbstgebauten Radio schraubt. Im „Feindsender“ Radio London hört er hingerissen eine Symphonie des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy. Verschreckt berichtet er seinem HJ-Freund am nächsten Tag, sein Radio sei kaputt. Hatte er einige Panels zuvor noch freudig die HJ-Uniform angezogen, scheint die Begeisterung nun dahin.
Line Hoven inszeniert den Moment der Erkenntnis vor dem Radio als eine Folge widerstreitender Gefühle, die sich deutlich auf Erichs Gesicht abzeichnen. Das wirkt trotz der Schabetechnik nicht holzschnittartig, der Autorin gelingen kleine stille Momente. Ihre Bilder sind ruhig, beinahe statuarisch – anders als bei einer Comiczeichnung sind die Linien hier das Ergebnis einer genau abgezirkelten, meditativ langsamen Bewegung des Entfernens. Ihnen fehlt das Flüchtige, sie sind überlegter, innerlich.
Mit einem großen Zeitsprung zeigt uns Line Hoven im ersten Kapitel noch die Großmutter Irmgard und ein Babybild ihres 1945 geborenen Vaters Reinhard. Das zweite Kapitel überwindet den Atlantik: Hovens amerikanische Großmutter Catherine lernt beim Eislaufen Harold kennen. Sie heiraten 1945 und wenig später kommt Line Hovens Mutter Charlotte auf die Welt. Reinhard trifft sie bei einem Schüleraustausch 1968 in Bonn. Der Stammbaum ist komplett.
Diese privaten Episoden setzen sich scharf vom zeitgeschichtlichen Hintergrund ab. Der Zweite Weltkrieg, seine Voraussetzungen und Folgen sind in die Lebensläufe eingeprägt. Großvater Harold möchte unbedingt in den Krieg gegen Deutschland ziehen, wird aber wegen einer schlecht verheilten Tuberkulose ausgemustert. Großvater Erich posiert in der Wehrmachtsuniform. Als Titelblatt der einzelnen Kapitel hat Line Hoven je ein historisches Dokument aus dem Karton geschnitten, das stellvertretend für den Inhalt wie auch für die historische Entwicklung steht: Den HJ-Ausweis von Erich, die Quittung über den Erwerb des ersten „Waschvollautomaten“ der Großeltern, das Flugticket von Charlotte.
Die Auslassung eines Dokuments jedoch markiert das eigentliche Zentrum der Erzählung: Im Fotoalbum der Großeltern fehlt das Bild, das sie erstmals zusammen zeigte, im Sommerlager der Hitlerjugend. Wie ihre deutschen Großeltern zum Nazi-Regime standen, das verrät uns Line Hoven nicht – der Titel „Liebe schaut weg“ weist auf den wunden Punkt hin und deutet zugleich an, dass er tabu ist und bleibt. Im entscheidenden, schmerzhaften Moment hält die Autorin ihre Geschichte an, lässt sie in fotografischen Augenblicken einfrieren oder verweigert gar die visuelle Darstellung.
Nur eine Bildunterschrift verweist auf das, was fehlt. Im Schwarz zwischen den Bildern kann man eine nicht unproblematische Lebensgeschichte nur noch vermuten. Der Schock der Erkenntnis, den Mendelssohns Symphonie bei Erich auslöste, scheint folgenlos geblieben – doch weiter berichtenswert ist das für Hoven nicht. Leise tröstlich meint man ein Murmeln zu hören: Da war etwas, vor langer Zeit, doch das ist nun Vergangenheit.
Line Hovens Comic-Album fügt nicht nur der starken Strömung (auto)biographischer Comics, sondern auch der ‚Enkelliteratur’ ein weiteres Kapitel hinzu: Kevin Vennemann, Arno Geiger, Daniel Kehlmann, Julia Franck und viele Autorinnen und Autoren mehr erzählen die Geschichte des Dritten Reiches für ihre Generation noch einmal. Hoven gehört zu den Chronisten, vermeintlich unparteiisch, aber natürlich hochgradig subjektiv: Dem Verlangen nach Offenlegung steht bei ihr die Sehnsucht nach Geborgenheit entgegen.
Die Autorin konstruiert die Geschichte einer individuellen Versöhnung, die Eltern überwinden den Abstand zwischen zwei Kontinenten und die Feindschaft zweier Weltkriegsgegner. Die familiäre Friedensstiftung ist liebevoll, ehrlich und sehr zart in Bilder gefasst. Etwas naiv – im kindlich unschuldigen Sinne. Und sehr harmoniebedürftig. „We are at home, honey“, versichert Hovens Mutter ihrer kleinen Tochter auf der letzten Albumseite. Ein melancholisches Erzählen, ohne Nostalgie; Hoven beschönigt, verklärt, idealisiert nicht die Taten ihrer Großeltern, entscheidet sich aber gegen den Nachweis von Schuld, gegen schmerzhaftes Nachbohren. Erinnern tut nicht weh, wenn an die Wunden nicht gerührt wird.
Line Hoven: Liebe schaut weg. Reprodukt 2007. 96 S. 14 €.
