Der Advokat des Mäh
Marius Hulpe spart sich mit seinem Debüt wiederbelebung der lämmer Vogelperspektiven und schreibt ganz auf dem Boden der Tatsachen.
»In der Tat ist das große ästhetische Problem der jüngeren Erzähler dieses, dass sie eine banale Existenz auf nicht banale Weise schildern sollen«, sagte Sigrid Löffler, Kritikerin und Herausgeberin des Unterhaltungsblattes Literaturen, kürzlich in einem Interview. Die jüngere Generation sei »in einer politisch windstillen Epoche aufgewachsen« und habe »relativ wenig erlebt und daher auch relativ wenig oder Vorhersehbares zu erzählen«. Und wo sie schon so erfahrungsarm sei, schreibe sie noch nicht einmal »Literatur über Literatur«, sondern ermangele im Gegenteil jeglicher Belesenheit. — Nun ist »Jugend« ja immer eine Frage der eigenen Perspektive und man könnte trefflich darüber spekulieren, was Frau Löffler (66) eigentlich als »junge Literatur« wahrnimmt, ob sie die Namen Ulrike Almut Sandig oder Steffen Popp schon einmal gehört hat und ob sie nicht vielleicht eher Leute wie die vergleichsweise arrivierte Katharina Hacker als »jung« bezeichnen würde. Marius Hulpe jedenfalls kann sie nicht kennen, sonst würde sie nicht so abfällig über die Schreibenden seiner Generation sprechen. Denn der Lyriker Hulpe ist eindeutig jung (Jahrgang 1982) und hat gerade mit wiederbelebung der lämmer beim renommierten Ammann-Verlag ein sehr unvorhersehbares Debüt vorgelegt, dessen literarische Referenzen unübersehbar sind.
Vor allem ist es Hans Magnus Enzensberger, der das literarische Hintergrundrauschen bildet, das große Teile des Bandes durchzieht. Schon der Titel ist vor allem eine Wiederbelebung des Enzensberger-Debüts verteidigung der wölfe, das 1957 erschien (und dessen Titelgedicht noch durch dem Zusatz …gegen die lämmer präzisiert wird). Dass der fünfzigste Jahrestag knapp verpasst wurde, ist hingegen völlig in Ordnung, denn Hulpe ist eben weder bloßer Plagiator, noch versteckt er sich als treuer Jünger hinter dem Vorbild HME. So weit auch die Verehrung geht (Enzensberger wird noch einmal im Motto herbeizitiert), wahrt sich Hulpe seine eigene wohlartikulierte Stimme, die in der sonderbaren Antithese des Titels sowohl eine Aktualisierung als auch eine Relativierung erfährt. Aktualisiert wird der Impetus des zornigen, politischen Gedichts. Relativiert dagegen die Position des Sprechers, der sich selbst nicht ausnimmt aus dem Leben im falschen Bewusstsein (»ich habe es mir bequem gemacht / als autonomes ich, als schlichter fernseh- / konsument: der lose wahrnimmt, was / da rausgeschröggelt kommt«). Denn bestimmte bei Enzensberger noch die reine, schroffe Anklage gegen die bevormundeten, aber tatenlosen »Lämmer« den Ton, ist Hulpe – trotzdem oder gerade weil Autor in politisch windstiller Zeit – subtiler und ausgewogener in seinem Schreiben. Die Frage, »wer ist nun schuld, dass euer mäh / von niemandem verstanden wurde?«, bleibt unbeantwortet und auch der Sprechende ist sich bewusst, dass seine Stellung als Kritisierender keineswegs sicher ist, wo doch die dauernde Gefahr besteht, selbst Teil des Bemängelten zu werden und zu »dichten für das bequem / sitzende großpublikum«. So werden die Lämmer zwar wiederbelebt, aber die Wölfe bleiben unverteidigt.
Allerdings stehen neben dem Zyklus, der dem Band seinen Namen gibt, noch andere, die weit weniger politisch sind. Der Teil »Netzhautjahreszeiten« baut Kleinstwelten zwischen Badezimmer und Chatroom, zwischen Familienspaziergängen im Park und Neukölln im Dezember – und begegnet der von Sigrid Löffler bemängelten Banalität des zu Erzählenden keineswegs mit verbissen ausgefallener, sondern gerade mit nüchterner Sprache, die die Allerwelt akzeptiert, ohne sie gleich als lyrischen Gegenstand zu verwerfen. Hulpes Gedichte sind nicht »tief«, sie buddeln weder metaphysische Löcher, noch suchen sie, scheinbar das große Ganze zu überblicken: »spar / dir vogelperspektiven«, heißt es, und es bleibt nur ein fester Stand auf dem Boden der Tatsachen. Dieses Konzept des fait brut geht in einigen Texten besonders gut auf (»slubicer aufnahmen«), wo die Reihung, die knapp hingeworfenen Nomen schon ausreichen, um bemerkenswert starke Bilder zu erzeugen.
nahe der böschung & nur ein wurf
vom wasser, vom über die jahre
der heruntergekommenen binnenfahrt
verschlammten wasser: hier
klang einst das gelbe lieb, das sagte: dort
sind frucht & bare felder, brücken
über die kein mensch gegangen
ist seit jahr & tag. von slubice
weht mittagsduft von kuttelsuppe &
der atem schmeckt danach, nach
birke, aue, heideland von jenen
drüben wiesenden kühen.(»euroschneise, kuttelsuppe. feld. gedenken.«)
Allein die Stellen, an denen Hulpe versucht, Germanistensprech und Naturlyrik zu verbinden, stoßen einem auf (wie die »paradigmenwechsel erzeugenden« Glühwürmchen). Dabei handelt es sich aber um Ausnahmen und auch das eine oder andere überflüssige Gedicht lässt sich verkraften, denn wo Derartiges auftaucht, ist es allerschlimmstens Mittelmaß (»ein kleiner spaziergang«), statt wirklich fürchterlich zu sein.
Marius Hulpe besitzt als Lyriker viele Qualitäten: Wo er sich den Phänomenen einer nur scheinbar banalen Wirklichkeit stellt, überzeugt er durch eine Nüchternheit, die viele seiner Gedichte zu beschreibenden Punktlandungen werden lassen; wo er politisch ist, ist er kein bloßer Abklatsch seiner Vorbilder, sondern schreibt mit ähnlichem Rüstzeug von einem sehr gegenwärtigen Standpunkt aus – und gehört damit zu einem Exponten jener »jungen Literatur«, die Sigrid Löffler wohl beständig übersehen muss. Es ist eben eine Frage der Perspektive.
Marius Hulpe: wiederbelebung der lämmer. Gedichte, Ammann 2008, 100 S., 18,90 €.