08 Mrz

Hier ist Berlin noch in Ordnung (3): Kolonie Balkonien

Von Nikolai Preuschoff

kolonie balkonienIn der Neuköllner Hobrechtstraße hat die Laubenpieper-Kultur Einzug erhalten. Man soll sich nicht lustig machen über die Berliner Laubenpieper. Schließlich haben sie eine bewegte Geschichte. Die ersten Schrebergärten (benannt nach dem Leipziger Arzt Dr. Daniel G. M. Schreber, der mit den Gärten ansonsten nicht viel zu tun hatte) wurden 1833 als “Armengärten” von der Berliner Stadtverwaltung angelegt. Wo heute der Senator Thilo Sarrazin Speisepläne für Hartz-IV-Empfänger aus dem Angebot der Discounter zusammenstellt, wies man seinerzeit der darbenden Bevölkerung eine Parzelle zu, damit sie sich selbst versorgen konnte.

Damals wie heute gedachte die Stadt natürlich, mit ihrer Maßnahme Geld einzusparen.
Während der Weltkriege wuchs den Schrebergärtnern plötzlich die verantwortungsvolle wie unerfüllbare Aufgabe zu, das gesamte Stadtgebiet mit Selbstangebauten versorgen zu müssen.
Nach diesem kurzen heroischen Intermezzo beginnt eine Epoche in der Geschichte der Schrebergärten, die wohl als das Barock der Berliner Schrebergartenkultur bezeichnet werden kann. Sie dauert bis heute an. Aus kleinen Nutzgärten werden manierierte Grillplatz-Parzellen, den hemmungslosen Ordnungs- und Gestaltungseifer ihrer Pächter sowie deren Vorliebe für Gartenzwerge schutzlos ausgeliefert.

Tatsächlich ist der Gartenzwerg, der auch den hier vorgestellten Hochparterre-Balkon so zahlreich bevölkert, ja eine Erfindung der barocken Lustgärten. Aber nicht nur wegen der Gartenzwerge darf das hier vorgestellte Fleckchen als gelungener Brückenschlag zwischen Wohnzimmer und Schreber-Laube angesehen werden. Auch das dichte, gleichwohl streng geordnete Gedränge auf kleinstem Raum, die bierseelige Laterne sowie die völlig unenglische Symmetrie des Arrangements sprechen dafür.
So ist dieser Berliner Ort zu würdigen. Wir machen uns nicht lustig über ihn. Denn Kitsch ist, wie Florian Silbereisen (“Ich meine es ernst”) unlängst im Tagesspiegel erklärte, “Kitsch ist für mich, wenn etwas vorgegaukelt wird”. Und hier wird nichts vorgekaukelt. Alles ist echt und ernst. Kitschig wäre in Berlin ein Balkon mit kalifornischen Gartenflamingos.

Foto: Nikolai Preuschoff

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Eine Reaktion zu “Hier ist Berlin noch in Ordnung (3): Kolonie Balkonien”

  1. Hannes

    Übrigens: “Schrebers letzte Ruhestätte befindet sich – heute unauffindbar – unter einer öffentlichen Grünanlage.”