14 Mai

Klein, gelb und fettig: Der Literaturdöner

Von Florian

Früher (als noch vieles anders war) liebte ich Döner sehr. Dann zog ich nach Berlin. Seitdem genieße ich Döner nur noch wenn mir bereits vieles egal ist und es mir leichter fällt, nickend auf einen Drehspieß zu deuten als eine vollständige Bestellung aufzugeben. In diesen Situationen würden mir noch viele andere Dinge sehr schwer fallen. Lesen etwa.

Viele mögen das anders sehen, aber für mich gehen Döner und Lektüre nicht zusammen. Nicht aus Prinzip oder gar aus Snobismus (Lektüre und Kartoffelchips funktionieren einwandfrei), sondern weil beide bei mir in völlig unterschiedlichen Universen stattfinden. Als mir jemand einen Link mit dem Titel „Literaturdoener.de” schickte, dachte ich folglich laut: „Oxymoron!”

Der Reclam Verlag, der für literaturdoener.de verantwortlich ist, hält diese Verbindung jedoch für eine ganz famose Idee:

Im Zeitalter der Digitalisierung der Medien ist es erneut Reclam, der Schüler und Studenten mit Literatur in leicht verdaulicher Form Appetit auf „schwere Kost” machen möchte. Mit einer Idee, die die Generation youTube anspricht: dem Literaturdöner.

Ich weiß nicht, wer die Generation youTube genau ist. Ich habe den Eindruck, derjenige, der das geschrieben hat, ist sich da auch nicht so sicher. Der Literaturdöner jedenfalls ist eine hemmungslos überladene Flash-Animation*, die meinen Computer sofort auf Hochtouren laufen lässt, so dass nach einer halben Minute röhrend der Prozessorlüfter anspringt. Vor mir dreht sich ein (vage drehspießförmiger) Zylinder aus Worten, die zu der Art von lustig-harmlosen Zitätchen zusammengefasst sind, wie man sie auch auf den Packungen von Muskote-Zigarettenblättchen lesen kann. Klicke ich darauf, bekomme ich den Autor des zusammenhanglosen Schnipsels angezeigt und kann ihn mir ausdrucken. Oder per Mail verschicken. Oder im Internet kaufen. Oder was man sonst noch so macht, als Mitglied der youTube-Generation-2.0-Beta.

In der Kategorie „Selbsterkenntnis” finde ich folgendes Zitat:

Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt.

(Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, 1011 Seiten, 14,60 bei reclam.de)

*Update: Der Lit.Döner basiert gar nicht auf Flash, sondern auf Processing/Java. Etwas lahm, aber dafür Open Source. Und für das “Generation youTube”-Bullshit-Bingo ist offenbar Jung von Matt verantwortlich…

Die meistkommentierten Artikel:

2 Reaktionen zu “Klein, gelb und fettig: Der Literaturdöner”

  1. Christian

    Der Literaturdöner ist sinnlos und doch begeisternd – wie Twitter. Ob das ein Oxymomorn ist? Auf jeden Fall eine schöne Metapher und ein Neologismus …

  2. Connie

    Am tollsten finde ich die Möglichkeit, die gesammelten Zitate in “My Döner” abzulegen.

    Auf http://www.buchbestattung.de habe ich schon meinen Abscheu formuliert. Nun finde ich im Nachgang zwei unterschiedliche Beurteilungsstränge dieser Seite:

    - die Werber loben die Idee und die Umsetzung, aber die verkaufen ja auch jeden Scheißdreck

    - wer noch Lesen kann und Lesen schätzt, ist ratlos bis entgeistert ob dieses Schwachsinns