28 Jul

Hier ist Berlin nicht mehr in Ordnung (1)

Von Anne-Dore

italian4.jpgEs waren etwa 60 leerstehende Quadratmeter, die wir Vorbeiläufer täglich mit unseren Visionen und Hoffnungen füllen konnten. Wir warfen sie durch die schmierigen Schaufenster in den leeren Eckladen Schlesische-/ Falckensteinstraße: Ein neues Café, ein Bäcker, ein Reformhaus? Noch eine Kaffee-Bar? Schön gewesen wäre auch noch einer dieser Läden, die alles gleichzeitig sind, und zusätzlich noch selbstgemachte Marmelade, Postkarten und Haarschnitte verkaufen.

Seit einigen Tagen hängt jetzt ein neues, blendend gelbweißes Schild über dem Laden: “Subway”. Die weltweit zweitgrößte Fastfood-Kette hat sich als Trittbrettfahrer ins Fahrwasser der weltweit größten (McDonalds) gehängt und zieht still und leise in den Wrangelkiez. Die Chickenteriyakisierung wird bisher erstaunlich indifferent aufgenommen.

Dabei gab es noch vor einem Jahr Mahnwachen, Burgerverbrennungen und “Weg mit Mcdreck”-Demos, als das gelbe M ins bislang fast großkettenfreie Kreuzberg kam. Der BigMac Brater und US-Multi hat jetzt, ein Jahr danach, friedlicher Fuß gefasst als erwartet, nur am 1. Mai verwandelt sich der Flachbau in eine Art Fort Knox.

Wo sind die “Subway – go away” Demos? Die Internetseiten mit brennenden Subway-Filialen? Eine Stullen-Initiative, die hausgemachte Pausenbrote verteilt? Bislang gibt es nur einen einzigen, zarten Akt des Widerstands, “We don’t need another subway” hat einer aufs Schaufenster gesprüht. Immerhin kann man die Zeile singen. Wie wäre es, wenn jeder, der am Laden vorbeiläuft, einfach drauflos singt, als eine Art musischer Widerstand, den man als Ohrwurm bis zur U-Bahn und weiter durch den ganzen Tag tragen kann?

“We don’t need another subway, we don’t need no Brot-control…”

Foto: h.o.subway-sandwiches.de

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3 Reaktionen zu “Hier ist Berlin nicht mehr in Ordnung (1)”

  1. dangersilke

    Ich hätt ja spontan “We don’t need to know the way home” weiter gesungen, sehe aber ein, dass Tina Turner Pink Floyd gegenüber den geringeren revolutionären Stellenwert hat.
    Nichts desto trotz bin ich empört (über pappipe Globalisierungsschrippen im Kiez, NICHT über das Lied)! Ganz sicher werde ich singen (was auch immer…), wenn ich das nächste Mal vorbei komm. Protestaktionen sprechen mich immer an, wenn sie so einfach (und doch nachdrücklich) sind und man nicht erst ans andere Ende der Stadt fahren muss. Wie hier.

  2. Michael

    Ihr Kreuzberger! Singend am Subway vorbei gehen, das finde ich prima! Da komme ich vielleicht extra mal dorthin, und das mach ich vielleicht demnächst auch mal hier im Prenzlauer Berg vor dem Biomarkt, den es auch zuerst in Kreuzberg gab, oder so, der passt mir nämlich nicht, weil er zu groß ist und ich lieber einen kleineren hätte. Wobei es einen kleineren gibt, der auch näher ist, zu dem ich aber nie gehe.

  3. Jasper

    Es gibt doch auch sonst überall Subway und McDonalds, warum soll es die denn ausgerechnet in Kreuzberg nicht geben? Gegen Subways spricht aus meiner Sicht hauptsächlich, dass es anstrengend ist, diese Brote immer selber zusammen zu stellen. McDonalds hingegen ist ok, wenn man zweimal im Jahr Appetit auf diese spezielle Mischung aus Geschmacksverstärkern hat. Immer noch besser als die nächste Berliner Kneipe, wo irgendwelche Studis lieber genervtes Augenrollen üben, als die Karte zu bringen.