Die Schwerkraft begreifen
Ron Winkler legt mit Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers eine leider nur unzureichende Übersetzung des erstklassigen Lyrikers David Lerner vor.
Der poetenladen, bisher her vor allem bekannt als virtuelle Anlaufstelle für Literatur im Netz, hat seit einiger Zeit auch einen sehr reellen Verlag. Bisher sind dort zwei Anthologien erschienen (von denen eine schon von uns besprochen wurde), nun kommt der erste Lyrikband hinzu: Eine Übersetzung der Gedichte David Lerners. Der poetenladen hat schon öfter, vor allen in seinem Magazin poet, fremdsprachige Lyrik zum Gegenstand gehabt, (beispielsweise liegt in der aktuellen, fünften Ausgabe der Schwerpunkt auf neuer italienischer Lyrik), und so ist es nur zu begrüßen, dass sich diese Entwicklung nun auch in Buchveröffentlichungen niederschlägt.
Denn mit David Lerner ist dem Verlag ein Glücksgriff gelungen: Seine Gedichte, die Ron Winkler für den Auswahlband Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers übersetzt hat, sind auf eine furiose Weise tragisch, zänkisch und aufrichtig zugleich. Lerner, 1951 in New York geboren, gestorben 1997 in San Francisco an einer Überdosis Heroin, gab eine erfolgreiche Karriere als Journalist auf, um sich nur noch seinem Schreiben zu widmen, nahm die Armut für die Lyrik in Kauf. So sehr in dieser Geste ein anachronistisch anmutender Pathos liegt, so sehr gelingt es Lerner, seine Leser davon zu überzeugen, dass es ihm ernst damit ist, eine Kongruenz zwischen Leben und Schreiben mit allen Mitteln herzustellen. Diese selbstzerstörerische Konsequenz speist sich aus einer Art rücksichtsloser Neugier, die er in einem Gedicht treffend so beschreibt: »Ich sah einen mann von einem hochhaus / springen, weil er / die schwerkraft begreifen wollte«. Lerner, das spricht aus seinen Gedichten, ist dieser Mann.
Die künftige Aufgabe der Sprache
»Wie man Diamanten macht« ist wahrscheinlich der beste Text des Bandes. Hier ist versammelt, was Lerner ausmacht: Die Beschreibung der Tragik und Pracht seines persönlichen Elends als Junkie; die Verachtung für die Ära Reagan/Bush und der Kampf gegen ihre Verlogenheit; das universale Gefühl der Einsamkeit, das seine Lyrik durchzieht und letztlich in der Einsicht mündet: »es gibt mehr wege, etwas kaputt zu machen / als etwas zu reparieren / darum schuf Gott den selbstmord«. Lerners Poesie ist irritierend roh und effektiv und steht fernab jedes akademischen Diskurses, auch wenn die Welt der Universitäten – Lerner lebte einige Zeit in Berkley – gelegentlich in sein Bewusstsein schwappt. Dann aber entweder nur als abzulehnendes Establishment oder als Bastion der Weltfremdheit, die ihm nichts gibt. Den Werbetext eines literaturwissenschaftlichen Symposions zitierend, ergreift Lerner dann selbst das Wort zum Thema: »die künftige aufgabe der sprache« sei es, »einen weg zu finden / mit einsamkeit klarzukommen«; sie sei »eher eine eruption / als irgendwas, das sich ständig mit sich / selbst beschäftigt«. Dass so eine Forderung natürlich gerade eine Beschäftigung mit der Sprache darstellt, stört Lerner nicht, belegt eher, dass sich ihm seine Themen aufdrängen, er sich zur Reaktion gezwungen sieht. Ähnlich beginnt ein anderer Text mit einem Zitat von George Bush (sen.) die Ursache des Drogenproblems seien die Konsumenten der Drogen. Darin kennt sich Lerner aus und seitenlang nennt er die wirklicheren Ursachen: sowohl »der fakt, dass du nirgendwo mehr / eine gute tomate bekommst« als auch die Tatsache, »dass Richard Nixon nicht im knast sitzt / und sich unter der dusche betatschen lassen muss / ist verantwortlich für das drogenproblem«. Lerners literarische Mittel sind minimal: Er beschränkt sich auf die gebetsmühlenartige Wiederholung, die es seinen Zuhörern einhämmert: Das Elend, das Absurde, das Prächtige seines Lebens. Denn Lerner schreibt weniger Gedichte, als dass er sie schreit, vorführt und letztendlich, wie es scheint, auch lebt.
Grobe Schnitzer
Eine gute Sache ist, dass die Ausgabe zweisprachig präsentiert wird und man so die Übersetzung am Original messen kann – zum Glück für das Original. Denn Ron Winklers Übertragung überzeugt nicht und kommt leider etwas zu waschlappig daher. Die kraftstrotzende Schnoddrigkeit des Lernerschen Englisch kann sie jedenfalls nicht erreichen, und gerade da, wo Lerner ganz selbstverständlich obszön ist, kommt Winkler ins Rudern: Macht gar aus dem »motherfucker« im Deutschen eine »Motherfuckerin«. Nun kommt es nicht auf den genauen Wortlaut, Zeilenfall, Rhythmus an, sondern auf ihr Zusammenspiel – bisweilen ist eine Nachdichtung da näher an der Vorlage als eine minutiöse Übertragung. Wenn etwas vom Lernerschen Geist in die deutsche Fassung gerettet worden wäre, könnte man schon zufrieden sein. Aber leider trifft Winkler dabei den Ton nicht recht.
Vielleicht ist Lerners Ton auch nicht zu treffen im Deutschen, einer Sprache, die nie die Kürze und Härte des Englischen erreicht, in der Lerners knackige und elliptische Weltuntergangsprophezeiungen immer erst in langen Satzperioden ausgetreten werden müssen, um verständlich zu sein. Oftmals spielt auch Winklers eigene Lyrik in die Übersetzung herein, und das verträgt sich nicht: Zu sehr ist er in seinen eigenen Gedichten der distanzierte Ironiker, als dass er dem zwar scharfen, aber immer aufrichtigen Lerner damit gerecht werden könnte. Wenn er »raw pain« mit »profundem Schmerz« übersetzt, klingt das eben nicht wie Lerner, sondern wie Winkler, so wie nur bei diesem »ambiguities« wie selbstverständlich mit »Ambiguitäten« übertragen werden können – anstatt mit »Zweideutigkeiten«.
Vielleicht ist also Lerners Ton nicht zu treffen. Vielleicht hat Ron Winkler aber auch nicht ganz auf der Höhe seiner Möglichkeiten gearbeitet. Denn vielfach sind seine Übersetzungen leider falsch. Gelegentlich sind es nur Undeutlichkeiten: Wenn etwa aus einem »switchblade knife« (Springmesser) ein sehr viel weniger gefährliches »Schweizer Messer« wird. Schlimmer ist, wenn aus »no one is enjoying themselves« »niemand genießt sich selbst« wird, statt einfach nur: »keiner hat Spaß«; wenn »logroll«, was etwa »Vetternwirtschaft betreiben« bedeutet, zum zwar wörtlich korrekten, aber sinnentstellenden »Baumstammrollen« wird; wenn »get mugged«, also »ausgeraubt werden«, aus unerklärlichen Gründen mit »fotografiert werden« übertragen wird: dann ist das nicht mehr so einfach zu verzeihen. Das sind grobe Schnitzer.
Ron Winkler hat weder Nachdichtungen noch Übersetzungen angefertigt, sondern eher Rohskizzen, die weiterer Bearbeitung, und vor allem Korrektur, bedürfen, um dem Original wirklich angemessen zu sein. Denn das Original verdiente es: Lerners Versuche, die Schwerkraft zu begreifen, haben Gewicht.
David Lerner: Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt von Ron Winkler, poetenladen 2008, 142 Seiten, 12 €
Am 29. August 2008 um 04:52 Uhr
to mug [sl.] | mugged, mugged | -> ablichten | lichtete ab, abgelichtet
to mug | mugged, mugged | -> ausrauben | raubte aus, ausgeraubt
to mug [sl.] | mugged, mugged | -> fotografieren | fotografierte, fotografiert
to mug | mugged, mugged | -> überfallen | überfiel, überfallen
to mug | mugged, mugged | -> Grimassen ziehen
daher doch verzeihlich, ansonsten aber treffende Kritik
Am 29. August 2008 um 05:37 Uhr
Interessant, was hast Du denn da konsultiert?
Im Zusammenhang des Gedichtes ist “fotografieren” aber dennoch unwahrscheinlich:
you [...]
get mugged by a man in a gorilla suit
who insists he’s doing it for
your own good