25 Okt

Zacksaudel, Pfuschlglubb & Schattenfurz

Von Felix Lüttge

Die Wahlneuköllnerin Felicia Zeller schreibt mit Einsam lehnen am Bekannten Popliteratur für Große

Felicitas Zeller - Einsam lehnen am BekanntenEs ist noch nicht lange her, da tauchten im Prenzlauer Berg Plakate auf, die offensichtlich einem neuerlichen demographischen Wandel Rechnung trugen: „Schwaben raus aus Prenzlauer Berg“ forderten sie. Für Felicia Zeller ist zu hoffen, dass diese Plakate nicht irgendwann in Neukölln auftauchen. Die 1970 in Stuttgart geborene Dramatikerin und Autorin lebt nämlich dort und in ihrem Erzählband Einsam lehnen am Bekannten berichtet sie auch unablässig, dass sie das tut und wie es da so ist.
„Seit fast sieben Monaten wohne ich jetzt in Berlin-Neukölln. Warum tragen die Leute hier eigentlich alle Jogginganzüge, fragte ich mich, als ich herkam, bis ich merkte, man muss sportlich sein, um hier zu überleben. Nirgendwo sonst in Berlin muss man so flink und wendig sein wie am Herrmannplatz, wo man den allzeit schnell fliegenden Spuckebatzen ausweichen muss, die jederzeit von jedermann, ob vor, neben oder hinter dir, in überraschend großen Bögen ausgerotzt werden können. Neukölln ist ein besonderes Pflaster, es ist übersäht von frischgerotzter Spucke.“

In dreiundzwanzig kurzen Prosastücken schreibt Zeller vom Autorendasein und Älterwerden der schon einmal älter Gewordenen in Neukölln. Als Schauplätze wechseln sich die Wohnung der Erzählerin, Cafés und Kneipen sowie Neuköllner Lokalitäten wie die Hasenheide ab.

Alternde Popliteratur mit surrealistischen bis phantastischen Launen beschreibt vielleicht am besten, was man in „Einsam lehnen am Bekannten“ lesen kann. Erzählerin und Autorin haben verdächtig viel gemein, so dass dem Band gut und gerne ein Tagebuch zu Grunde liegen könnte. Sie haben die 30 überschritten und leiden darunter, dass sie von Jugendlichen gesiezt werden. Sie scheinen von chronischen Schreibblockaden geplagt zu sein, so dass man sich fragt, wie der Band überhaupt zu Stande gekommen ist. Und sie betrinken sich ziemlich viel, gelegentlich auch mit den (im literarischen Neukölln obligatorischen) Jogginganzügen, beziehungsweise ihren Besitzern. Denen bringt sie dann auch etwas über ihr Handwerk bei. Und damit der Leser auch ja nicht den Faden verliert, werden einzelne Satzteile wiederholt: „Der eigentliche Trick, sage ich zu Janet, weil ich keine Kraft dazu habe, eine Rede über Literatur zu halten, der eigentliche Trick, sage ich deshalb zu Janet, ist nicht, ein Gedicht zu schreiben, das kann jeder, man muss es auch verkaufen können. Ein Gedicht zu verkaufen, das ist die wahre Kunst.“

Die Prosastücke sind sich inhaltlich sehr ähnlich. Wo gewollte oder ungewollte Reime in den Sätze auftreten, werden sie mit Schrägstrichen hervorgehoben. In einer Erzählung entwickelt Zeller soviel Spaß am Reimen, dass sie es in den Inhalt übernimmt, Rhythmus und Metrum werden dabei geflissentlich ignoriert. „Sachen“ wird da auf „machen“ gereimt, „niedrige Sofarolltische von unten betrachten / die grauen Lamellen Deines Rollos, die Dich achten“ heißt es im folgenden Zweizeiler.
„Ey“ sagt die Erzählerin und „total viel“ und „Scheißgeldsumme“. Hier beginnt wohl die linguistische Verneuköllnisierung der Autorin, einen Jogginganzug hat sich die Erzählerin schließlich auch schon gekauft. Immer wieder kommen auch Begriffe vor, die manchmal so klingen, als seien sie ein Mitbringsel aus dem Schwabenland, manchmal eher wie Kopfgeburten Zellers: „Schlapperschrott“, „Zacksaudel“, „Pfuschlglubb“. Meistens scheint es sich dabei um Beleidigungen von Bedienungen oder anderen Leuten zu handeln, die der Erzählerin quer gekommen sind.

Wenn es phantastisch wird, wittert man die Chance auf mehr als den Berlin-Kolumnen-Witz aus deutschen Tageszeitungen, der sich durch das Buch zieht. Aber auch Zellers Frühstückskaffee mit Gabi, einer sprechenden Spinne mit langen, „hippiemäßig“ nach unten hängenden Haaren, überzeugt nicht so richtig. Die Spinne findet Zeller „ganz schön crazy“. Felicia Zeller hat gute Ideen. Die setzen sich leider zu selten gegen das um Witz bemühte Großstadtdasein einer Schriftstellerin durch, die nicht älter werden will. Und so bleibt es bei betrunkenen Neuköllnerinnen mit Namen Janet, Grasdealern an U-Bahnhöfen und einer Erzählerin, die gern mit Gesundheitstee und Nachtlektüre auf einer Schonmatzratze liegt.
Vielleicht hat Zeller das Buch für ihre Erzählerin geschrieben. Denn zu Gesundheitstee und Schonmatratze kann man Einsam lehnen am Bekannten sicherlich gut lesen. Wenn man so was mag.

Felicia Zeller: Einsam lehnen am Bekannten. Kurze Prosa, Lilienfeld 2008, 168 Seiten, 18,90 €

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