11 Nov

Die zahllosen Augen von Varune, der über den Himmel von Makara reitet

Von Michael Duszat

Mit dem beim Berenberg Verlag erschienenen Das Wesentliche liegt jetzt die jüngste Essay-Sammlung des US-amerikanischen Autors Eliot Weinberger, der seit drei Jahrzehnten sehr eigenartige und wunderbar einleuchtende Essays schreibt, auch auf Deutsch vor.

zoom_berenberg_book_22325ff54944.jpgBei Das Wesentliche handelt es sich um »Nachrichten aus 4000 Jahren Natur- und Menschheitsgeschichte« (so der Klappentext); die Dinge, über die berichtet wird, kommen in der Tat aus großer Ferne, nicht nur in historischer, sondern auch in kultureller Hinsicht. Von New York aus, also sozusagen aus dem Zentrum der modernen Zivilisation kommend, begibt sich Eliot Weinberger in selten besuchte Gegenden der Welt. Es geht zum Beispiel um die »Lakandon-Indianer«, die »im Wald von Chiapas, in strohgedeckten Hütten ohne Wände, in sanft schaukelnden Hängematten« schlafen; um »Zaunkönige«, die »Widersacher des Adlers«; um den Weisen »Walmiki«, der sich, »von der Welt enttäuscht«, in den Wald zurückzieht und so lange regungslos sitzen bleibt, bis »um ihn herum ein Termitenhügel entstanden war«.

Wer einen Lieblingsautor rezensiert, hat immer das Problem, sich auszukennen. Ich umgehe hier die Versuchung, alles mitzuteilen, was ich eigentlich mitteilen müsste, und fasse mich kurz, indem ich erstens auf meine demnächst erscheinende Habilitationsschrift – oder war es eine Magisterarbeit, man verliert leicht den Überblick – verweise, in der dann alles, was man zu Eliot Weinberger wissen muss, steht. Zweitens verweise ich in aller Bescheidenheit auf meine bereits erschienende Rezension der englischen Originalausgabe An Elemental Thing.

Dort bin ich in die Diskussion mit einer Beschreibung des Buchcovers eingestiegen, welches eine Fotografie von Hiroshi Sugimoto zeigte, auf der eine unheimliche, gleichzeitig künstlich-plastikartig und hyperrealistisch erscheinende Unterwasserwelt abgebildet war. Die deutsche Ausgabe zeigt ausschnittartig ein modernes Gebäude mit offenbar kreisförmigen Stockwerken, dessen schmale Beton(außen?)gänge und glänzende Metallgeländer sich wie ein umgekehrter Turm zu Babel über- bzw. untereinander lagern. Das Bild wird nur von zwei Herren in schwarzen Anzügen bevölkert und ist zusätzlich verfremdet durch Perspektive und Färbung. Beide Bilder weisen in die richtige Richtung: Es geht bei Eliot Weinberger um die seltsamsten Dinge, und vor allem um das, was die Dinge sichtbar macht: Perspektiven, Kontexte, Formen.

Die Inhalte scheinen oft »elementar«: Titel einzelner Essays lauten »Der Wind«, »Eis« oder »Die Sahara«, und sie drehen sich tatsächlich um nichts anderes. Auch die Form der Darstellung scheint sehr simpel, auf das »Wesentliche« reduziert: Die Essays sind überwiegend kurz und in einfachen Sätzen und in einfachen Worten geschrieben. Sie enthalten aber eine Fülle an Material, welches nicht so sehr dargestellt, diskutiert, oder gar erklärt, als vielmehr nur ausgestellt erscheint.

Meist handelt es sich dabei um kurze, konzise Darstellungen in Form von Anekdoten und Nacherzählungen alter und wenig bekannter Geschichten, zum Beispiel wie Abu al-Anbas im Traum sein Esel erschien, wie die ersten Nashörner nach Europa kamen, oder was Walter Benjamin mit Louis-Auguste Blanqui zu tun hat. Mit Vorstellungen vom Essay als autobiographische Erfahrungsarbeit hat Das Wesentliche nicht viel zu tun. Der Autor nimmt sich selbst weitgehend zurück; sichtbar wird er erst in der Auswahl und Anordnung des Materials.

Im Gegensatz zu dem vorherigen Buch What Happened Here enthält Das Wesentliche auch keine polemischen, im engeren Sinne »politischen« Anklagen und keine skandalösen Enthüllungen über die Bush-Dynastie. (Man hat Eliot Weinberger mal den »Michael Moore für Intellektuelle« genannt.) Aber es finden unzählige Sensationen, wenn auch stillerer Art, statt. Es geht um das Eigenartige, Halb-Imaginäre, Halb-Unheimliche. Das Buch ist ein Kaleidoskop von Zeichen, Dingen und Sichtweisen, die untereinander kollidieren, sich überlagern und sich gegenseitig aufs Wunderbarste transformieren.

Weinberger beweist neben einer Sensibilität für das Rätselhafte der Realität ein Händchen für Anekdoten, die im Kern sowohl das Wunderbare an der menschlichen Einbildungskraft wie auch der Lächerlichkeit alles Kulturellen demonstrieren, wie zum Beispiel in dem großartigen biographischen Essay »Mohammed«, der den Islam-Gründer als schillernde Figur zwischen Mensch und Prophet zeigt:

Mohammed sagte, am Tag des Jüngsten Gerichts würden sich die Menschen barfuß, nackt und unbeschnitten versammeln. Seine Gattin Aisha fragte: »O Bote Allahs, werden Männer und Frauen an jenem Tag beisammen sein und werden sie sich anschauen?« Darauf antwortete der Prophet: »Aisha, die Angelegenheit wird viel zu ernst sein, als daß sie schauen könnten.«

Weinberger verzichtet oft ganz auf das Erzählen und bedient sich stattdessen einer parataktischen, aufzählenden Sprache, wie in dem Essay »Die Sterne«, der Dutzende Aussagen über die Sterne aneinander reiht und sich dabei jedes Kommentars enthält. Daraus ergibt sich ein dichtes, eigenartiges Panorama widersprüchlicher Bilder; unterschiedliche Ebenen – Mythologie, Wissenschaft, Poesie – mischen sich:

sie sind die zahllosen Augen von Varune, der über den Himmel von Makara reitet, halb Vogel, halb Krokodil, oder halb Antilope, halb Fisch; sie befinden sich im Zustand konstanter Veränderung; man muß ihnen opfern, damit Regen fällt; sie sind die Niemals- Verschwindenden in der Gestalt von Schwalben, die sich von den Früchten am Baum der Unsterblichkeit nähren, welcher auf der Insel im See des Grünen Falken wächst; sie glänzen, glitzern, sprühen, blitzen; sie sind wunderbar; sie künden vom Bösen;

Mitunter verdichten sich die Sprachbausteine so sehr, dass die Inhalte fast ganz hinter Klang und Rhythmus zurücktreten. Im Essay »Sommer« zum Beispiel geht es um die jahreszeitlichen Bräuche am Hof der chinesischen Kaiser. Der Text nennt sozusagen nichts als die Fakten, und obwohl die Einzelheiten verständlich und bildlich vorstellbar scheinen, entsteht das Bild einer fremdartigen, übersteigerten Zeichenwelt:

Der Kaiser residiert auf der Halle-des-Lichts-Seite in der Halle des Lichts. Er trägt zinnoberrote Roben und zinnoberrote Jadeornamente, fährt in einer Kutsche aus zinnoberrotem Lack, die zinnoberrote Banner hinter sich herzieht und von zinnoberroten Pferden mit schwarzen Schwänzen gezogen wird. Er ißt Bohnen und Geflügel; seine Gefäße sind hoch und groß. Die kaiserlichen Damen ziehen in den Südlichen Palast um, tragen zinnoberrote Gewänder mit zinnoberrotem Besatz und musizieren auf Rohrflöten und Mundorgeln.

Man fragt sich natürlich, woher solche Bilder stammen, und wer da eigentlich spricht. Aber genau darum geht es: Der Essay, ein traditionell nicht-fiktionales Genre, wird auf die Probe gestellt. Einerseits geht es immer um die Wirklichkeit: »Anders als manche Leute glauben, erfinde ich nichts,« sagt Eliot Weinberger, »alle Informationen sind nachprüfbar«. (Als Beweis finden sich am Ende des Bandes eine Reihe von »Quellen« – Ich kann an dieser Stelle nur soviel verraten, dass es sich lohnt, die Spuren zu verfolgen!) Andererseits wird man sich beim Lesen ununterbrochen bewusst, dass die Wirklichkeit ein unentwirrbares Bündel menschengemachter Bilder ist.

Peter Torberg, der seit langem Weinberger ins Deutsche überträgt, macht im übrigen einen hervorragenden Job und übersetzt so, wie man es sich wünscht: ohne Schnörkel und nah am Original. In den USA erscheinen Weinbergers Bücher beim unabhängigen (!) Verlag New Directions. Dass jetzt der Berliner Berenberg Verlag dieses auch dem deutschen Markt nicht einfach zu plazierende Buch herausbringt, verdient unser aller vollstes Lob.

Eliot Weinberger: Das Wesentliche. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 216 Seiten. Berlin: Berenberg Verlag, 2008. 24 Euro.

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Eine Reaktion zu “Die zahllosen Augen von Varune, der über den Himmel von Makara reitet”

  1. Foerdermittelberatung Elzbieta

    Nichts besseres als Weinberger. Fernseher aus und Weinberger lesen !