Zufällige Schönheit beim Lesen
Steffen Popps Roman Ohrenberg oder der Weg dorthin gibt Anlass zu Vermutungen
Vor zwei Jahren ist Ohrenberg oder der Weg dorthin erschienen, Steffen Popps erster Roman. Er wird hier mit Verspätung rezensiert, aber so ist es eben: Man wird dieses Buch seinen Lesern immer wieder empfehlen müssen, und wird auch in Zukunft nicht damit fertig werden, es angemessen gutzuheißen.
Ohrenberg oder der Weg dorthin ist eine Erzählung, mit allem, was dazugehört: Handlung, Figuren, tiefes Nachdenken und große Themen. Die Reise Aschmanns zu seinem ehemaligen Vorgesetzten Graf Ohrenberg sowie dessen, Graf Ohrenbergs, Warten auf seinen Gast, nebst allerlei Gedanken und Ausschmückungen und Ausflügen in Vergangenheit und Vorvergangenheit. Skurrile Nebenfiguren. Krise des Subjekts, Verfall der Ideologien, Zeitgeschichte und andere anerkanntermaßen relevante Verortungen – die Romanmaschine, das sieht man, läuft auf Hochtouren. Alles ist aber auf eine Weise ironisch gebrochen und exzessiv ausschwadroniert, die keinen Zweifel daran lässt: Die eigentliche Protagonistin, das eigentliche Ereignis ist die Sprache.
Das ist schnell gesagt. Die Sprache fällt ja häufig als erstes beim Lesen auf. Was aber tut die Sprache bei Steffen Popp? Man könnte sagen: Sie verschlingt alles, was ihr in den Weg kommt – „irgendwas mit Qualität ist schließlich immer drin, so lange etwas herumsteht, kann man es ausbeuten.“ Die Reise Aschmanns zu Ohrenberg ist vor allem ein Raubzug der Sprache, eine exzessive, unterschiedslose Vesprachlichung der Welt: „[N]un, denkt Aschmann, das ist nichts Besonderes: nur das, was mich im Augenblick umgibt, das ist es leider Gottes, und deshalb beschreib ich’s.“
Vor diesem Hintergrund sind die Figuren, ihre Erlebnisse und Gedanken mehr ein willkommener Anlass, mehr Medium und Material, als für sich genommen von Interesse. Erst an der nicht zu unterschätzenden Banalität von Plot, Wahrnehmung, Bewusstsein und Historie entzündet sich die Sprache – und übersteigt sie dann. Unentwegt werden verschiedene Sprachniveaus und -materialien konfrontiert und verschmolzen, und nicht die Sätze müssen sich hier einem inhaltlichen Argument oder übergeordneten Organisationsprinzip unterordnen, sondern Text, Aussage und Erzählung jedem Satz. So dass das Ganze dann eine reichlich zerklüftete Angelegenheit wird, durch die sich das lesende Bewusstsein windungsreich hindurchbewegt.
Das ist in den besten Momenten ein großes Vergnügen. Dann überlässt man sich gerne dem „nutzlosen Ohrentext“ mit seinen Neologismen, Komposita und ziellosen Spekulationen. Genießt auch Unzuverlässigkeiten im Erzählen, die zu reizvollen Vermutungen Anlass bieten: ob etwa Aschmann und Ohrenberg nur Erfindungen des jeweils anderen sind, oder Stellvertreter einer gut versteckten, weiteren Erzählinstanz. Nur manchmal schleicht sich ein arroganter Ton ein, den man dem Text zum Vorwurf machen möchte, ein zeitweiser Ironieverlust, wenn das Programm, mit Sprache den Leser zu überwältigen, allzu potent und siegesgewiss daherkommt. Auch gibt es zwar die geschilderte Bewegung von Sprache zur Welt – oder ihre verschiedenen Surrogate – und deren fortgesetzte, spannungsreiche Inszenierung, aber eigentlich auf den 144 Seiten, die der Text dauert, keine Entwicklung des sprachlichen Ausdrucks. Eher scheint es darum zu gehen, ein gleichbleibendes Niveau sprachlicher Intensität, einen auch formal eingrenzbaren Stil aufrechtzuhalten, was nicht ohne Hänger und Leerlauf gelingt (etwa im vierten Auszug aus Aschmanns „Fahrtenbuch“).
Auf Steffen Popps literarischen Hintergrund als Lyriker ist mehrfach hingewiesen worden. Nichts wäre leichter, als hier einen Grund für die sprachliche Eigenart des Romans vermuten. Häufig thematisiert die Erzählung selbst ihren Hang zu „lyrischen Blähungen“: Aschmann dilettiert als Dichter: Zitate und Anspielungen auf andere Texte und Schriftsteller häufen sich. Dazu kommt am Ende ein veritables Plädoyer gegen das Erzählen:
“Was immer die Leute von sich erzählen, keiner hat wirklich Geschichten [....] man muss mit den Geschichten endlich Schluss machen [...]. Derart Geschichten, die ewig nur Sicherheit hochrechnen, Risse zuspachteln, den unendlichen Raum mit Anekdoten und Aphorismen unendlich zuspachteln, dilettantisches Geflacker, das Elend der Kleinstädte: man muss mit all dem endlich Schluss machen [...].”
Es versteht sich, dass auch solche metafiktionalen Anklänge selber wieder nur Zitat sind. Eine weitere, längst bekannte Komponente der Ausdrucksmaschine Roman, die, nachdem sie an der übrigen Welt nicht satt wurde, sich selbst zu verschlingen vorgibt.
Der Sprachskepsis moderner und postmoderner Literaturen aber, die an solchen Stellen anklingt, begegnet Ohrenberg oder der Weg dorthin mit einem optimistischen Unernst, einem sprachlichen Hedonismus, der es sich herausnimmt, offen originell zu sein. Alles scheint nur Zitat zu sein und ist doch zitierfähig, alles klingt auf neue Weise gut, ohne etwas Neues je zu meinen. Man möchte im Grunde immer probehalber lesen, wie wenn man ein Buch an einer beliebigen Stelle aufschlägt und zufällig einen Satz liest. Auf dieses Moment hin, vermute ich, ist das Buch geschrieben. Auf eine Art zufälliger Schönheit beim Lesen und ihr plötzliches Erleben. Und so kommt es am Ende dann sogar zu einer Art versöhnlicher Epiphanie, einem harmonischen Schlussakkord: „Aschmanns Schönheit geht unmerklich auf in die Schönheit des Raums: ein Gegenstand unter anderen, kommt er sich vor, Interieur einer ihm überlegenen Struktur.“
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Kookbooks, 144 Seiten, € 17,90
Am 9. November 2008 um 21:21 Uhr
[...] Zufällige Schönheit beim Lesen – Ohrenberg oder der Weg dorthin – eine Rezension. [...]
Am 23. Januar 2009 um 19:53 Uhr
Ein wirklich schöner Auszug aus dem Roman. Wirklich ein sehr gutes Buch und von der Poesie einzigartig.
Am 18. Februar 2009 um 22:03 Uhr
Steffen Popp (Kolonie zur Sonne und Wie Alpen) habe ich immer in der Mittagspause gelesen. Kann ich nur weiterempfehlen. Entspannt von der Arbeit und ist gleichzeitig nicht zum Einschlafen. Toll.