Das Buch ist tot – es lebe das Buch!
In diesem Weblog wird viel über Bücher geschrieben. Ich habe mich gefragt: Worüber schreiben wir in fünf Jahren? Ich denke, wir schreiben weiter über Bücher. Nur eben über keine aus Papier.
Ich will nicht den x-ten Text über digitale Lesegeräte schreiben. Produktbeschreibungen gibt es genug, außerdem brauche ich nur mein erstes Handy mit dem iPhone zu vergleichen, damit mir bewusst wird, dass ein Ebook-Reader (oder was auch immer der gängige Begriff dafür sein wird) in fünf Jahren nicht mehr aussehen wird wie der klobige Amazon Kindle. Ich will auch nicht über Buchromantik reden, über Haptik, über das Gefühl, mit dem Finger durch die Seiten zu streichen, über die Unersetzbarkeit des Papiergeruchs oder über wunderschöne Buchrücken im Regal. Ich gehe einfach davon aus, dass elektronische Geräte das Buch aus Papier ersetzen werden. Denn wer die Möglichkeit hat, ein Buch mit minimalem Aufwand, für sehr wenig oder gar kein Geld und innerhalb kurzer Zeit (nichts lädt so schnell wie digitaler Text) auf ein akzeptables Lesegerät zu kopieren, wird das auch tun. Bibliophilie hin oder her. Es sei denn, er liest Bücher nicht des Inhalts wegen.
Ich meine nicht, dass das Buch aus Papier in Zukunft völlig verschwinden wird. Ich denke aber, dass sein Dasein dem einer Schallplatte ähnlich sein wird. Ein Ding für Liebhaber und Sammler, für Leute, die damit aufgewachsen sind. Sollte ich das Glück haben, alt zu werden, möchte ich von bestimmten Bücheren ein gebundenes Exemplar in meinem Regal stehen haben. Ich würde ab und an eines rausnehmen und ein paar Seiten durchblättern. Sollten zufällig Nachkommen zugegen sein, werden sie mir dabei mir einer Mischung aus Belustigung und Interesse zusehen.
Wann immer Digitales und Analoges das erste mal aufeinandertreffen, kommt es zu Grabenkämpfen. Ich kann mich an Tontechniker erinnern, die von alten Bandmaschinen schwärmten, dafür umso abfälliger über digitale Aufnahmetechnik sprachen; über die Wärme der Bandsättigung, über Liebe zum Klang. Im Übungsraum nebenan nahm währenddessen eine Band ganz ohne Hilfe ein akzeptables Demo auf einen Laptop auf. Und heute gibt es vermutlich kein einziges Tonstudio mehr, in dem die Musik am Ende nicht auf einem Computer landet.
In der Literatur ist es ähnlich. Wo über das mögliche Verschwinden von Büchern geredet wird, ist der Kulturpessimist sofort zur Stelle. Es wird über verringerte Aufmerksamkeitsspannen gemault, die angeblich durch digitale Medien und das Internet verursacht werden; darüber, ob kommende Generationen überhaupt noch lesen werden; ob in Zeiten, wo jeder Piefke etwas ins Netz stellen kann, gute Literatur noch eine Chance hat.
Kulturelle Bedenkenträger gab es schon immer. Der Roman zum Beispiel galt zu seiner Entstehungszeit oft als minderwertige Literaturform. Auch die wachsende Verbreitung von Druckereien wurde mit Skepsis empfangen, weil: Da könne ja jeder. Das war vor Goethes Werther, vor Balzacs Menschlicher Komödie, vor den hunderten Romanen, die heute die Weltliteraturlisten füllen. Das absurde „Da kann ja jeder“-Argument hat sich dennoch bis in aktuelle Mediendebatten gerettet.
Ich denke schon, dass sich die Art, wie man liest, ändern wird, wenn das Buch mehr und mehr verschwindet. Weil sich das Lesen schon immer verändert hat. Heute lesen wir viel unterwegs, in der U-Bahn, im Zug, im Bus. Wer glaubt, dass das in einer Kutsche im 19. Jahrhundert so einfach möglich war, setze sich bitte mit einem Buch in die Berliner U-Bahnlinie 3 zwischen Wittenbergplatz und Podbielskialle und versuche den Blick auf der Zeile zu halten. Die Erstrezeption des Gilgamesch-Epos fand nicht in einem Lesesessel statt, denn so etwas wie eine Lesetradition gab es noch nicht. Die Zehn Gebote bekam man vor zweitausend Jahren noch nicht als Taschenbuch. Und als die Scholastiker im Mittelalter Aristoteles wiederentdeckten, besaßen sie keine praktische Handausgabe seines Gesamtwerkes. Die Qualität und den Einfluss dieser Schriften wird heute niemand bestreiten. Doch das Buch, wie wir es heute kennen, kam erst weit später.
Überhaupt ist der Zeitrahmen, in dem das gedruckte Buch von Relevanz war, erstaunlich gering. Noch vor dreihundert Jahren gab es in den meisten deutschen Haushalten – wenn überhaupt – eine kleine Handvoll Bücher. Darunter die Bibel, ein Gesangbuch und ein frommes Erbauungsbuch. Große Literatur findet man in Inventaraufzeichnungen nur selten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchen nach und nach mehr weltliche Texte auf. Aber gegen die Auflagenzahlen der geistlichen Bücher nimmt sich selbst die Zahl der verkauften Werther-Exemplare relativ gering aus.
Großartige Literatur ist nicht an das Vorhandensein von Papier gebunden, sondern an den Drang, eine Geschichte zu erzählen. Und deswegen wird sie auch ohne Papier entstehen und gelesen werden. Worauf auch immer.
Am 22. Dezember 2008 um 13:11 Uhr
Hey, Totgesagte leben länger.
Ansonsten habe ich da gerade folgende, anscheinend sehr passende Publikation gefunden: http://www.unswpress.com.au/isbn/0868408042.htm — das erste Kapitel (“The Book is Dead — Long Live the Book”) kann man hier lesen:
http://shermanfyoung.files.wordpress.com/2007/09/bid_ch1.pdf
Zu beachten auch folgender Blog-Eintrag:
http://www.buzzmachine.com/2006/05/19/the-book-is-dead-long-live-the-book/
Am 7. Januar 2009 um 10:11 Uhr
[...] Eine Meinung zum Thema eBook. Das Buch ist tot – lang lebe das Buch. [...]