Bahnfahrt mit Höllenmaschine
Schrecken des Alltags (1)
Als ich gestern Nachmittag mit dem etwa halbvoll besetzten ICE nach Berlin zurückfuhr, geriet ich in eine jener Situationen, in denen ein einzelner Fahrgast eine ganze Gruppe von Reisenden bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt, diese jedoch in einer merkwürdigen, masochistischen Ohnmacht reglos verharrt. Dabei rührte die unerklärliche Passivität meiner Mitreisenden (und, obwohl ich etwas weiter hinten saß, auch die meine) bestimmt nicht daher, dass man generell nicht seine Meinung sagen würde. Und wahrscheinlich nicht einmal daher, dass man mit dem Verdacht zu kämpfen hatte, man sei vielleicht mit seinen gereizten Nerven allein, und wenn man sich jetzt beschwerte, dann würde das als kleinliche Überreaktion ausgelegt werden. Es muss also noch einen anderen Grund gegeben haben. Und den gab es.
Dabei hatte noch auf der Hinfahrt eine Frau mittleren Alters Zivilcourage bewiesen, als sie in ihrer Arbeit gestört wurde von zwei in Frankfurt zugestiegenen, jungdynamischen Männern, die irgendwie nach Film aussahen und bereits beim Platznehmen an einem dieser Großraumabteiltische ihren Sitznachbarn mitteilten, man wolle sich gegenübersitzen, man habe jetzt etwas zu besprechen. Diese Frau also wies die beiden sich lautstark unterhaltende Männer darauf hin, dass dies hier der Ruhebereich sei und dass sie, wollten sie ihre Unterredung fortführen, sich doch bitte in ein anderes Abteil begeben möchten.
Ich weiß nicht, wie jene couragierte Frau sich gestern, im ICE 610 verhalten hätte. Im Abteil befand sich ein älterer Herr, der in Mannheim zugestiegen war. Mit seinem geröteten Kopf, von dem die grauen Haare etwas abstanden, vor allem aber seinen leicht hervorquellenden, stechenden Augen, wirkte er auf den ersten Blick wie ein Trinker. Dem widersprach gewissermaßen sein gepflegtes Äußeres: ein schmaler, gestutzter Schnurrbart, ein sauberes, jagdgrünes Samthemd. Er zog (ohne dass ich dies zunächst sehen konnte), kurz hinter Kassel, eine Art Geduldsspiel aus seiner Ledertasche und begann damit zu hantieren. Und während der nächsten drei Stunden, bis wir Berlin Spandau erreichten, wo er ausstieg, wurde er dessen nicht müde. Dieses Geduldsspiel, bei dem man zwei verschlungene, knapp handtellergroße in sich verdrehte Bügel auseinanderwinden musste, hatte nun, jedenfalls für uns Mitreisende, den Nachteil, das es aus Metall gefertigt war. So erfüllte ein fürchterlich leiser, klirrender, manchmal schabender und dann, für Sekunden, plötzlich lauter werdender Klang das gesamte Großraumabteil; ein Klang, der mit seiner hohen Frequenz unangenehm in die Gehörbahnen eindrang.
Was mich vor allem wunderte war, wie ausdauernd die Fahrgäste in unmittelbarer Nachbarschaft des Alten die grausamen Geräusche ertragen und überstehen konnten. Denn sie alle litten stark, so viel konnte ich ihren immer wieder ausgestoßenen Seufzern entnehmen, unter der chinesischen Klangfolter. Niemand aber sagte etwas und konnte die Courage jener patenten Frau auf der Hinreise aufwenden. (Und das obwohl, wie auch ich herausfinden musste, selbst die versuchsweise in die Ohren gestöpselten Kopfhörer eines mp3-Spielers die leisen, aber durchdringenden Klänge nicht abhalten konnten.)
Mir ist noch heute das stille Leiden und die offensichtliche Lähmung ausnamslos aller Reisenden, die mit mir im Abteil saßen, unbegreiflich. Ich kann nur vermuten, dass unsere kollektive Starre mit dem seltsamen Blick des Alten zusammenhing, der ein besonderer war — vermochte er doch sämtliche, möglicherweise bereits angedachten und zurechtgelegten Beschwerden oder Bemerkungen schon im Keim zu ersticken. Schaute man, vorwurfsvoll vielleicht, zu ihm herüber, konnte es sein, das sein Kopf plötzlich herumfuhr und der stechende Blick, der keinen Widerspruch duldete oder nur zu kennen schien, Dich unmittelbar und mit bohrender Kraft traf. (Mitten ins Herz.)
Erst jetzt, während ich dies schreibe, fällt mir ein, was meine Tante mir einmal von einem Fischer erzählt hat, dem sie auf einer griechischen Insel begegnet ist. Dieser Fischer war ihr aufgefallen, weil er die ganze Zeit, auch während seiner Arbeit am Hafen, den Kopf merkwürdig gesenkt hielt und niemanden in die Augen blickte. Erst nach einer Weile, während der meine Tante immer wieder zu ihm herüber geschaut hatte, hob er plötzlich den Kopf und blickte sie an, so dass ihr, wie man so sagt, das Blut in den Adern gefror. Seine Augen leuchteten hell in einem flammenden Gelb.
Foto: N. P.