15 Dez

Was tun? Mal sehen.

Von Hannes Bajohr

Christian Kracht entfernt sich mit Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten von seinen Anfängen

Ich werde hier sein»Soweit ich es beurteilen kann, ist es kein Buch erster Güte, aber es ist ohne Zweifel ein ungewöhnliches«, schreibt der Rezensent des Londoner Tribune im Jahre 1946 über den Roman Wir. Das Buch des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin, dessen englische Übersetzung zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahrzehnte zurückliegt, zeichnet die düstere Zukunftsvision eines totalitären Staates, der seine Bürger durch permanente Überwachung und Gehirnwäsche in Unfreiheit hält. Wir begründete ein Genre und wurde zur Blaupause für all die großen dystopischen Gesellschaftsromane, die mit Huxley, Bradbury und Burgess folgen sollten. Der Rezensent vermutet dann auch richtig, dass Aldous Huxleys 1932 erschienene Schöne Neue Welt von Samjatin inspiriert worden sei. Und obwohl er Huxleys Buch literarisch weit höher einschätzt, bescheinigt er Wir, eine politische Bedeutung zu haben, die Huxley abgeht: Anders als Schöne Neue Welt sei Samjatins Buch für seine Leser tatsächlich relevant. Der Name des Rezensenten: George Orwell.

Christian Kracht hat mit seinem Roman Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten ganz offensichtlich den Versuch unternommen, sich in diese Tradition totalitärer Staatsvisionen einzureihen. Er wagt sich nicht allzu weit in die Zukunft: Etwa um 2013 spielt sein Experiment in alternate history. So wie Robert Harris in Vaterland Hitler den Zweiten Weltkrieg gewinnen lässt, lässt Kracht Lenin seine Revolution in der Schweiz machen und fantasiert eine sozialistische Alpenrepublik herbei, die seit hundert Jahren mit dem faschistischen Europa im Krieg liegt. Verbündete hat die »SSR« in den afrikanischen Staaten, die von der Schweiz erst von ihren Kolonialherren befreit worden sind, um dann indoktriniert zu werden und nun Soldaten für die Schweizer stellen, denen langsam die Bevölkerung für ihren Krieg ausgeht.

Der Ich-Erzähler, ein hoher Parteikommissär, ist einer dieser afrikanischstämmigen Neu-Schweizer, und die Offenbarung seiner Herkunft nach der Hälfte des Buches ist wahrscheinlich die größte Überraschung, die Krachts Roman zu bieten hat. Ansonsten besteht der Plot aus einem wirren Brei aus Genreklischees, Sowjetfolklore und im Vorbeigehen angeschnittenen Philosophiehäppchen von Daoismus bis New Age. Die Versatzstücke aus Samjatin, Orwell, Huxley sind dabei unverkennbar: der ewige Krieg, der zum Selbstzweck geworden ist (gleich dreimal fällt im Buch die Wendung, es sei niemand mehr am Leben, der nicht im Krieg geboren sei), die schwebenden Sonden, die die Bürger des Staates überwachen, die Szenerie einer Welt, deren offensichtliche Schlechtigkeit durch dauerhaften Winter und drastisch reduzierte Lesekompetenz der Bevölkerung überdeutlich illustriert wird.

Und natürlich gibt es den Helden, der die unvermeidliche Wandlung vom glühenden Verfechter seines Systems zum Rebellen durchläuft: In seiner Funktion als Parteioffizier macht sich der Protagonist auf die Suche nach dem mysteriösen Brazhinsky, einer Art Colonel Kurtz mit parapsychologischen Fähigkeiten, der sich im großen Schweizer Tunnelsystem, dem Réduit, einen Parallelstaat errichtet hat:

»›Halt. Es reicht. Wo ist das Revolutionskomitee des Réduits? Wer hat hier oben Autorität? Brazhinsky.‹ Ich zog meinen Revolver und zielte auf ihn. ›Brazhinsky, bleiben Sie stehen. Ich bin Parteikommissär der Stadt Neu-Bern, beauftragt vom Obersten Sowjet der Schweiz, Sie festzunehmen.«

Bis es soweit ist, muss aber erst ein langer Weg zurückgelegt werden, auf dem der Kommissär unter anderem den Zwerg Uriel trifft, der sich an seiner statt von einer Tretmine zerfetzen lässt. Kracht zeichnet ihn als christliche Version des Gollum aus dem Herrn der Ringe – tatsächlich berief sich Kracht in einem Interview auf dieses Buch – und die Sprache gleitet plötzlich in einen entsprechenden Duktus:

»›Uriel weiss es genau! Und du weisst es nicht! Ich habe das Bibelbuch in deiner Sprache gelesen, Mann aus dem Süden, jahrelang. Gewiss, so war es. Chichewa habe ich auf diese Weise gelernt. Du musst denjenigen finden, den du suchst, den atmenden Mörder. Wie er spricht. Habe Erbarmen mit mir.‹«

Dass Kracht, dem immer noch das Label „Popliterat“ anhaftet, seitdem er mit seinem Debütroman Faserland einen Schlüsselroman dieser Gattung schuf, sich so weit von seinen Anfängen entfernt hat, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Sieben Jahre ist es her, dass mit 1979 sein letzter Roman erschien, und auch damals schien es bereits, als habe er die Nase voll von der wenig aussagekräftigen Etikettierung „Pop“. Ich werde hier sein trennt nun der größtmögliche Abstand vom Erstlingswerk. Neben dem Sujet ist es die Sprache, derer sich der Roman bedient, die den Unterschied am offensichtlichsten ausmacht: Der Stil ist bemüht um Klarheit und Härte und hat so gar nichts mehr mit dem alten Kracht zu tun. Diese Mühe merkt man dem Buch allerdings an.

Denn Ich werde hier sein erscheit an vielen Stellen wie ein Kolportageroman und fast könnte man meinen, Kracht habe eine Pastiche gleich auf mehrere Genres im Sinn gehabt – wenn da nicht der Eindruck überwöge, dass sich hier einer an seinen ernsthaften Ansprüchen übernommen hat: Denn die Fährten, die Kracht auslegt, kann er nicht mehr sinnvoll zusammenführen, und all die herbeizitierten großen Konzepte und Literaturen (neben Orwell erscheint vor allem Ernst Jünger als Vorlage) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Sprache und Geschichte im Beliebigen auflösen, so dass sich der Leser am Ende fragen muss, was das bitte war, was da auf knapp 160 Seiten an ihm vorbeirauschte. Das Finale, die auf knappem Raum abgerissene Rückkehr des Protagonisten nach Afrika und das Ende der Sowjetrepublik, überzeugt nicht, und beinah kann man das Händeringen spüren, mit dem Kracht nach einem irgendwie plausiblen Abschluss gesucht haben muss.

Orwell rezensierte Samjatin, um später von ihm abzuschreiben und aus einer mittelmäßigen Literatur eine große zu machen. Kracht übernimmt den längst in der public domain angekommenen Entwurf der politischen Dystopie und schafft – nichts. Die politische Relevanz, die Orwell in Wir fand, geht dem Roman ebenso ab wie die ästhetische Autonomie, die er an Huxley schätzte. Christian Krachts Roman ist kein Buch erster Güte. Leider ist es noch nicht einmal ungewöhnlich.

Christian Kracht: Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten, Kiepenheuer und Witsch 2008, 160 Seiten, 16,95 €

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