02 Jan

Der Simmel und sein Autobus

Von Anne-Dore

autobus1.jpegWenn ihm mal wieder einer Trivialität vorwarf, hatte er eine selbstbewußte Antwort: “In Deutschland bedeutet Erfolg das Abonnement auf schlechte Kritiken.”

Hm. Na ja. Ob das bei seinen Büchern nicht ein bisschen zu optimistisch interpretiert war?

Jetzt ist Johannes Mario Simmel gestorben, und ich habe einen Moment gestutzt, weil ich plötzlich an das einzige Buch denken musste, das ich von ihm gelesen habe. Das war lange bevor ich seinen Namen mit Eichenholzfurnier und Fernseherschrankwand und Vitrinen und Wirtschaftswunderfamilien mit gehäkelten Gläseruntersetzern in Verbindung brachte, also lange, bevor ich eine rein sekundär angelesene Haltung zu ihm entwickelt hatte.

Das Buch, das ich von ihm gelesen habe, hieß “Ein Autobus groß wie die Welt”. Das Buch ist ab acht, ich war vielleicht neun, als ich es aus der Stadtbibliothek auslieh.

Es geht um eine Gruppe von Kindern, die auf dem Weg irgendwohin sind, vielleicht in ein Ski-Schullandheim,  jedenfalls hatten sie ein Ziel, das sie nicht so einfach erreichen konnten, weil (Konflikt!) eine Lawine heruntergegangen war und die Straße versperrt hatte. Alle sitzen fest, es gibt Tränen und Ängstliche und Aufschneider, und dann legt man (pädagogisch wertvoll!) den Reiseproviant zusammen und ein dicker Junge mit Riesen-Fresspaket lernt, was Teilen heißt. Einer wird schlimm krank (Drama!), die Erwachsenen marschieren los und holen Hilfe und später (Happy End!) sind alle froh und gesund und haben was gelernt.

Es war kitschig und auch ein bisschen trivial. Ich habe gerade nachgesehen: Bei amazon gibt es das Buch ab 0,01 Euro zu kaufen. Ich habe es aber gemocht, sehr sogar, und wenn ich daran denke, dass ich es damals unter der Bettdecke bis zur letzten Seite verschlungen habe, bin ich froh, dass ich damals noch keine Feuilletons gelesen habe und das mit der Eichenholzfurnierliteratur noch nicht wußte und vollkommen haltungsfrei den Simmel damals einfach richtig gut finden konnte.

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6 Reaktionen zu “Der Simmel und sein Autobus”

  1. Bernd

    Es muss nicht immer hochintellektuelle Literatur sein. Auf http://www.emorial.de kann man eine Kerze für ihn anzünden.

  2. Michael

    Dem Simmel seine Bücher standen auch bei uns im elterlichen Bildungsschrank, aber ich habe sie nie gelesen, als ich jung war. Jetzt ist es natürlich etwas spät. Ich kannte nur mal einen Simmel-Witz, da ging es um ein Wortspiel mit seinem Namen, aber den habe ich auch nicht mehr parat.

  3. Anne-Dore

    Seine Bücher “stinken zum Simmel”, meintest Du das vielleicht? Auf seinen Namen reimen sich ja aber auch noch n paar andere Wörter…

  4. Michael

    Tja. Wir wollen es nicht zu weit treiben, denn jetzt liegt der alte Simmel unter der Erde, und er ruhe in Frieden.

  5. Schlapunzel

    Danke für den Eintrag! Kann ich nämlich nur genauso unterschreiben! Es ist auch das einzige Buch, das ich von ihm gelesen habe und ich war wohl in einem ähnlichen Alter dabei…ich habe es auch als spannend in Erinnerung. Daher mußte ich wohl eine Lanze für den guten Simmel brechen, als mein Mann und ich uns letzte Woche darüber “stritten”, ob man diesen Autor nun als hinfällig bezeichnen darf oder nicht. Wer was auf sein literarisches Verständnis hält, darf wohl einen Simmel nicht gut finden ;-)

    (Übrigens bin ich über eine Buchbesprechung von Achim Stegmüller auf dieser Seite gelandet, als ich was über ihn gesucht habe. Er war nämlich mal mein Mitbewohner)

  6. Jasper

    Ich kenne nichts von Simmel, nicht mal das Autobus-Buch! Ist das so ein Stephen King-Fall? 10 gute Bücher, 150 schlechte und dann meckern alle, obwohl sie nicht mal ein gutes Buch hinkriegen? Oder nur ein gutes Autobus-Buch und dann nichts mehr?