Hier ist Berlin noch in Ordung (4) : Der letzte Hof
Dieser Ort fällt — zugegebenermaßen — gegen die anderen, großartigen Entdeckungen dieser Reihe etwas ab. Denn die meisten werden ihn kennen: ein Ort mit musealem Charakter, der sich eigentlich nur dadurch von der Umgebung abhebt, dass sich um ihn herum alles verändert hat. Trotzdem, als ich letztens (da lag noch kein Schnee, wie man auf dem Foto sehen kann) an ihm vorbeikam, durchfuhr es mich: “Hier ist Berlin noch in Ordnung”.
(Weshalb dieser Beitrag geschrieben werden musste.)
In diesen letzten der Höfe kam ich das erste Mal vor gut sieben Jahren (ich war noch nicht lange zurück in Berlin). Mein Cousin meinte, er kenne da von früher so einen Club. Der Hackesche Markt war damals ja noch nicht ganz so schick wie heute, jedenfalls nicht im Dunkeln, und mir fiel nichts besonderes auf, bis wir plötzlich in der heruntergekommenen Einfahrt standen, unter dessen Decke eine blaue Lichtspur gehängt war. (Auf dem Foto ist sie orange, aber damals war sie blau.) Über den schmalen, langgezogenen Hof ging es dann ein paar Treppenstufen hinauf zu einer im leichten Nieselregen kaum erkennbaren Stahltür. Mein Cousin klopfte laut an. Das muss jetzt ein total cooler Ort sein, dachte ich mir. Es wurde geöffnet; drinnen saß eine junge Frau auf eine Hocker und reichte uns Würfel, die den Eintrittspreis ermitteln sollten. Mein Cousin würfelte eine eins, ich eine sechs. Trotzdem fand ich den kleinen, schummrigen und überall mit figurativen Schweißarbeiten ausgestatteten Laden irgendwie gut. Er nennt sich bis heute, wie ich jetzt weiß, “Eschschloraque Rümschrümp“.
Der Hof gehört zum “Haus Schwarzenberg” (das 1995 von der Künstlergruppe “Dead Chickens” gegründet wurde) und ist so etwas wie der letzte Mohikaner unter den einst stolzen, wilden, jetzt aber der Zivilisation eingegliederten “Hackeschen Höfen”. Die Hofdurchfahrt leitet ins Reservat, wo auch die Galerie “neurotitan” sowie ein kurioser Monsterkeller einen Rückzug gefunden hat. Über dem Torbogen kündigt das Programmkino “Central” seine Filme an. Einzelne unverputzte Stellen finden sich noch, der wenige freie Raum zwischen den Leuchtkästen wird zum wilden Plakatieren genutzt. Gleich nebenan liegt das “Café Cinema” — als einziges weit und breit sieht es wirklich so aus, als gehöre es hier hin.
Das Drumherum kennt man ja: ganz hübsch, nett gemacht, etwas teuer, Touristen halt. Nichts mehr zu sehen von der „vergessenen Welt mit grauen Mauern“ von 1993, an die sich der Hausmeister noch erinnert. Nach der artgerechten Sanierung “definierte” eine Agentur dann “Corporate Identity” und “Corporate Design”, wie es im Wikipedia-Eintrag heißt, und sorgte “durch umfangreiche Public Relations” dafür, “die Hackeschen Höfe in der Öffentlichkeit bekannt” zu machen.
