Gibert Joseph, rez-de-chaussée
Betritt man die Buchhandlung Gibert Joseph auf dem Boulevard St. Michel in Paris, kann man sich schon wundern. Zwar gibt es im Eingangsbereich ein Bestseller-Regal und auch ein paar der üblichen Küchen- und Reiseführer. Also reguläre Bücher. Aber ansonsten wird das komplette Erdgeschoss vom Bande Desinée (BD) ausgefüllt — auf ‘deutsch’ also: von Comics.
Den Besucher begrüßt zunächst ein umgehbarer Pfeiler, der “Angoulême 2009” gewidmet ist, dem wichtigsten französischen Comic-Festival. Hier ist der eigenartige Pinocchio von Winshluss ausgestellt, der vor einigen Wochen den Preis für das beste Album erhalten hat. Daneben hängen mindestens drei Alben von Blutch, in diesem Jahr ausgezeichnet mit dem “Grand Prix de la Ville d’Angoulême”: le petit christian, erschienen im Independent-Verlag L’Association, sowie zwei Bände, die La Volupté und La Beauté heißen und mit verstörend-expressiven Pastellkreidestrichen (vermutlich eigentlich geheime) Phantasien des Autors in dunkle Szenen setzen.
Hüfthohe Auslagen präsentieren zu beiden Seiten Neuerscheinungen und geleiten in die BD-Abteilung. Regale und Stellkästen stehen hier dicht an dicht. Teils nach Serientitel, teils nach Autorenname geordnet enthalten sie tausende Alben. Allein für den Handel mit gebrauchten BDs sind gute sechs, prall zugestopfte Regalmeter reserviert (bei Gibert Joseph gibt es, das ist das Besondere, neben neuen auch gebrauchte Bücher, die in einem eigens dafür eingerichteten, benachbarten Laden angekauft werden. Ich werde hier später einen großformatigen Blutch und einen Schuiten/Peeters entdecken, beide noch neuwertig und fast um die Hälfte reduziert.) Weiter hinten beginnt die üppige Manga-Abteilung.
Angesichts solcher Fülle (und man war ja eigentlich zum Bücherkaufen gekommen) ist selbst der Freund des grafischen Erzählens ersteinmal überfordert. Man fragt sich, wer denn bei diesen Unmengen an neuen, neueren und alten Titeln noch die Übersicht behalten soll. Etwas Abhilfe bietet da der Theorie-Tisch. Hier liegt ein Tagungsband, der Auskunft gibt zur Lage des Bande Dessinée: “Vive la Crise?” (erschienen bei Les Impressions nouvelles), ist er untertitelt — womit die alljährlich zunehmende Flut an Neuerscheinungen gemeint ist. 2008 sind in Frankreich, so erklärt die Einleitung, nicht weniger als 5000 Titel auf den Markt gekommen.
Die ganz erfolgreichen Künstler des ‘neuen’ BD, wie Lewis Trondheim (der auch das Maskottchen von Angoulême kreiert hat und dafür nun fortan Tantieme kassiert) und Joann Sfar, produzieren nicht nur am laufenden Band neue Alben, Serien, Kinder-, Skizzen- und Reisetagebücher. Sie haben ein Fußvolk von Nachwuchszeichnern um sich geschart, die ihnen die Zeichenarbeit abnehmen und dabei bemüht sind, den Stil ihrer Meister zu imitieren. Aktuell ist vor allem Sfar im Gespräch, Autor der (auch bei uns nicht ganz unbekannten) Katze des Rabbiners. Zuletzt hat Sfar nicht nur den Coup gelandet, Le Petit Prince von Antoine de Saint-Exupéry, nach der Bibel eines der weltweit erfolgreichsten Bücher, neu zu interpretieren, gerade dreht er auch noch einen Film über Serge Gainsbourg
Und wer soll diese Neuerscheinungen alle lesen? Einen Teil der Antwort verschafft der Blick durchs Erdgeschoss: Überall an den Kisten und Regalen stehen Leser jeglichen Alters. Die meisten sind Mitte Zwanzig bis Mitte Fünfzig, etwas jünger in der Manga-Abteilung, und mit ernster Miene vertieft in ihre Lektüre. Schon beim Reinkommen war mir eine gepflegte, mittelalte Dame aufgefallen, die aufmerksam ein Album durchblätterte. Die Kästchen waren übersäht mit expliziten Sex-Szenen. Vielleicht ein Historien-Album, inspiriert vom Marquis-de-Sade? Die oberen Etagen von Gibert Joseph habe ich an diesem Tag jedenfalls nicht mehr erreicht.
Zeichnung: Nikolai Preuschoff
Am 10. März 2009 um 13:20 Uhr
Toll, ein guter Beitrag zu einem tollen Thema, war zwar schon öfters in der Stadt habe aber nie die zeit finden koennen um die Buchhandlung Gibert Joseph auf dem Boulevard St. Michel zu besuchen.
Am 10. März 2009 um 19:32 Uhr
Echt toll, dieses Paris. Uebrigens, in Chicago, Amerika, da sah ich neulich einen University-Buchladen, in dem es keine Buecher gab, sondern T-Shirts.
Am 10. März 2009 um 19:52 Uhr
Das passt ja gut zum Thema! Allerdings wette ich, dass es dort kein Regal gab, in dem die Uni-T-Shirts second hand angeboten wurden. Insofern, was den Buchhandel in Paris und Chicago betrifft, 1:0 für die Franzosen.
Am 23. März 2009 um 23:35 Uhr
Muße ich auch mal besuchen
Am 9. Dezember 2009 um 13:47 Uhr
Ich war zwar des öfteren schon in Paris aber davon habe ich noch nichts gehört. Ich meine, Paris ist ja nun nicht gerade klein aber lohnenswert, nach dieser Beschreibung her, ist es sicher. Danke für den Tipp.
Am 3. Juli 2010 um 13:33 Uhr
Danke für den Tipp! In Paris war schon mehrfach, die Buchhandlung von Gibert Joseph kannte ich allerdings noch nicht. Wenn ich mal wieder in Paris bin, werde ich diese bestimmt mal aufsuchen. Gibt es am Boulevard St. Michel gute Parkmöglichkeiten?