Zum Heidelberger Appell
Zwei Gespenster geistern gerade durch die deutschen Feuilletons, mit Namen “Google Books” und “Open Access”. Das erste dreht sich um das die massenhafte Digitalisierung von Büchern und deren Veröffentlichung im Netz; das zweite um eine relativ neue wissenschaftliche Publikationsform. Beide haben eigentlich gar nicht viel miteinander zu tun, sind aber ein gemeinsamer Dorn im Auge des Literaturwissenschaftlers Roland Reuß, der sie in seinem — momentan viel besprochenen — “Heidelberger Appell” vehement verurteilt. Der Appell ist, besonders was die Fakten zu Open Access angeht, ziemlicher Murks.
Es lohnt sich sehr, dazu Christoph Drössers Artikel in der Zeit zu lesen, der diesen Murks noch einmal recht anschaulich macht. Drösser erklärt , worum es bei Open Access eigentlich geht — nämlich um die Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen ohne der Beteiligung von Großverlagen, die an der kostenlosen Arbeit von Wissenschaftlern äußerst gut verdienen. Warum die Verfasser des Heidelberger Appells durch die Unterstützung von Open Access das Grundgesetz verletzt und die Presse- und Publikationsfreiheit gefährdet sehen, das müssten sie erst einmal erklären. Doch der Appell ist nur kurz, klagt feurig an, erklärt nichts, flüchtet sich in Allgemeinplätze, die jeder unterschreiben kann (“Die Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft ist ein zentrales Verfassungsgut”). Vielleicht erklärt das die riesige Liste von bislang 1.232 Unterzeichnern, eine Ansammlung literarischer, feuilletonistischer und wissenschaftlicher A- bis C-Prominenz. Naumann von der Zeit ist dabei, Enzensberger, Daniel Kehlmann, Siegfried Lenz und eine — auffallend große — Menge junger Schriftsteller.
Es sei natürlich jedem selbst überlassen, wie man zur großen Scan-Aktion von Google steht oder ob man Open Access nutzt und gut findet. Es ist allerdings frustrierend, dass sich so viele Unterstützer für einen Aufruf finden, der offensichtlich Dinge verknüpft, die nicht zusammen gehören. Denn rein logisch betrachtet knirscht die Beweisführung.
Warum reibt sich unter den Unterzeichnern niemand am triefenden Pathos des Aufrufs, der so unreflektiert Pressefreiheit und die Freiheit der Forschung für seine Position in Beschlag nimmt? Warum gibt man seinen Namen für ein Anliegen her, das so undifferenziert daherkommt wie dieser so plumpe und, nebenbei: grauenhaft getextete, Appell? Und warum lassen sich so viele junge Unterzeichner vor den bräsigen, kulturpessimistischen Karren spannen, der so oft ins Rollen gerät, wenn alte Herren der deutschen Kulturlandschaft das Internet gleichzeitig nicht verstehen und dagegen ins Feld ziehen?
Es wäre wirklich erfrischend, wenn der Medienwandel von Leuten diskutiert würde, die wenigstens den Anspruch haben, sich mit dem Thema auszukennen. Und die mehr zu bieten haben als plumpe Enteignungsrhetorik.
Am 15. April 2009 um 17:45 Uhr
Man soll dazu bitte auch mal den pfiffigen Essay “The Ecstacy of Influence” von Jonatham Lethem lesen, in welchem nicht nur eine Position vertreten wird, sondern in dem auch tatsächlich passiert, worüber andere nur reden: http://harpers.org/archive/2007/02/0081387
Am 25. April 2009 um 08:56 Uhr
Beim literaturcafe.de gerade eine Podcast-Interview mit Urheberrechtler Matthias Spielkamp zum Thema gesehen:
http://www.literaturcafe.de/heidelberger-appell-matthias-spielkamp-interview-podcast/