Thomas von Steinaecker holt das Bild in den Text
Ein Bildabnehmer direkt im Hirn – das ist der diffus personale Erzähler, der die Figuren in Thomas von Steinaeckers Debütroman Wallner beginnt zu fliegen begleitet. Drei Generationen, drei Menschen, die sich auf ihrem Lebensweg in Illusionen verstricken: Der Mittelständler Stefan Wallner, der von seinem Kompagnon aus der gemeinsamen Landmaschinen-Firma gemobbt wird und sich in Wahnvorstellungen verliert; sein jugendlich als Popstar gecasteter Sohn Costin, der als früh alternder Aufmerksamkeitsjunkie durch Reality- und Talkshows tingelt; und Wendy, von Costin mit einem One-Night-Groupie gezeugt, die als Gender-, Medien- und Postkolonialismusforscherin den akademischen Trends folgt. Wendy scheint „ihrer ganz persönlichen postadoleszenten Wendy-Welt“ zu entkommen, als sie in die Familienhistorie einsteigt und – im Jahr 2070 – ein Buch über die Wallners verfasst, das genauso beginnt wie Steinaeckers Roman: Mit dem Unfalltod ihres Urgroßvaters Günter.
Keine der Figuren hat ein nennenswertes Innenleben – und das ist Programm. Steinaeckers Thema ist die Auflösung der individuellen Handlungssouveränität. Nicht Gedanken, Emotionen oder Willensentscheidungen, sondern mediale Versatzstücke prägen die Persönlichkeit seiner Protagonisten. Alles Echte ist im post-authentischen 21. Jahrhundert in Vorgeformtem erstickt. Costin erscheinen Ereignisse oft wie Szenen aus einem Comic. Als er seine Tochter kennen lernt, spulen die beiden ein Gesten- und Sprachprogramm ab, das Annäherung simuliert. Sex ist in Wallner beginnt zu fliegen ebenso wie im Nachfolger Geister eine Körperübung, in der es pornographische Posen einzunehmen gilt.
Wenn Costin einen satten Abendhimmel betrachtet, sinniert er, ob ein ihm bekannter Film an dieser Stelle gedreht wurde, „vielleicht auch deshalb, weil gerade das Licht irgendwo so hell ist und dadurch alle Farben stärker wirken, so frisch, wie das eben so ist nach einem Unwetter oder eben manchmal im Film, in so alten Technicolor-Teilen“. Das Subjekt hat sich im medialen Flackern zersetzt, sein Erleben ist immer schon vorstrukturiert. Ich ist ein Bildreservoir, und ähnlich wie in Blade Runner ist unklar, ob Erinnerungen nicht nur internalisierte Fremdbilder sind.
Die Außenwahrnehmung steuert das Selbstgefühl:
Schon bevor Costin aus der Kulisse gekommen ist, ist er etwas nervös gewesen, doch das war kein Vergleich zu jetzt. Erst als er sein Gesicht im Close-up auf einem der Monitore am Rand der Bühne sieht, wird er ruhiger.
Aus Costins Perspektive hört sich das so an:
Zuerst immer nur wenn die Kamera da war: Adrenalin-Rush, der Kick, Quasselquassel, gute Performance; sobald Kamera aus: schlaff, boah, bin ich müde, boah, kein Bock. Dann war es ab einem bestimmten Punkt, nach ein, zwei Wochen, plötzlich egal gewesen, ob er gerade gefilmt wurde, er hatte sich einfach konstant, sogar auf dem Klo oder im Bett, wo garantiert nicht gefilmt wurde, so gefühlt (siehe Kick), als sei da gerade irgendwo irgendwer im Dunkeln, oder besser: irgendwas, das auf ihn gerichtet sei, das ihn registriert.
Voyeurismus versus Verdichtung
Zur Bedeutung von Bildmedien in unserer Gesellschaft befragt, sagt Thomas von Steinaecker:
Bilder sind heute das Leitmedium schlechthin. Wir wollen in erster Linie sehen und gesehen werden. Das hat auch Auswirkungen auf die Psyche des Menschen im 21. Jahrhundert: Er wird bestimmt von Voyeurismus und Paranoia. In meinen beiden Romanen habe ich versucht, diese doppelte Seite der Medaille zu beleuchten.
An den Figuren Stefan und Costin Wallner werden Paranoia und Voyeurismus (beziehungsweise sein Gegenstück, der Exhibitionismus) als Nebenwirkungen einer bildbestimmten Umwelt durchgespielt. Doch gibt es für von Steinaecker offenbar auch Bilder, die das Innenleben bereichern: In Wallner beginnt zu fliegen ist eine kurze Bildsequenz enthalten, die das Ende der Costin-Episode weiterspinnt. Die Verdichtung von Handlung – blitzartig dem Betrachter sich erschließende Vorgänge, die ein Text über mehrere Zeilen ausbuchstabieren müsste – und die mühelose Verbindung eines zuvor entwickelten Motivs aus Costins Kindheit mit seinem weiteren Schicksal ist die großartige Leistung der vier wie Kinderbuchillustrationen wirkenden Bildchen.
Für Geister, seinen zweiten Roman, hat Steinaecker eine andere Kombination von Text und Bild gewählt. In das Buch sind von Daniela Kohl gestaltete Comicseiten eingefügt, die mit einem etwa in der Buchmitte aufgenommenen Erzählstrang korrespondieren: Die Zeichnerin Cordula Maas schickt dem Protagonisten Jürgen Kämmerer ihre „Ute“-Comics, in denen sie seit mittlerweile zehn Jahren das Leben seiner Schwester Ulrike weiterspinnt. Die sechsjährige Ulrike ist vor Jürgens Geburt entführt und vermutlich misshandelt und getötet worden – eine traumatische Leerstelle in der Familie Kämmerer, die Ulrikes Geist nicht los wird.
Auch Jürgen, der als Physiotherapeut in einem sterilen Wellness-Center am Chiemsee arbeitet und mit seinem Leben nicht zu Rande kommt, wird von Cordula als Comic-Figur adaptiert und fühlt sich auf Papier realer als in 3D. Er taucht ein in die Bilderwelt, in der ‚Jürgen’ und Ute eine Affäre haben. Die Comic-Beziehung wird zur fixen Idee; das tatsächliche Rendezvous mit Cordula verläuft katastrophal. Die Enttäuschung katapultiert Jürgen in die Realität zurück. Das Romanende ist offen – angedeutet wird, dass Jürgen sich um eine ‚echte’ Beziehung zu seiner pubertierenden Tochter Clara bemühen möchte.
Text und Bild im Dialog
In Geister ist nicht nur formal ein anderer Umgang mit dem Medium Bild zu beobachten als in Wallner beginnt zu fliegen. Die Zeichnerin Cordula Maas verweigert ihren Fans, die die Ute-Comics online verfolgen, ein Foto von sich online zu stellen: „Tut mir leid, Leute. Is’ nich’. Strengt mal Eure grauen Zellen selber an und macht Eure eigenen Bilder. Ist viel spannender so. Ihr werdet schon SEHEN.“ Die Figuren emanzipieren sich von der sie umgebenden Bilderwelt, indem sie selbst Bilder erzeugen. Der Übermacht der Bilder ist nicht zu entkommen, aber man kann ihr kreativ begegnen.
Für Jürgen sind die auf Papier gebannten Bilder zwar einerseits Ersatzdroge für ein ungelebtes Leben, aber sie eröffnen ihm auch einen ungekannten Freiraum für eigenständige Imagination – als würde die Materialisierung der Bilder den Bann lösen, den Ulrikes Verschwinden noch immer auf ihn ausübt. Beim Floaten im Salztank erlebt er eine Bilderflut: „Seine Gedanken sind aus seinem Gehirn als Bilder, Halluzinationen sozusagen, vor seine Augen gewandert, obwohl er die doch geschlossen hatte.” Später wird Jürgen sogar eigene Ute-Seiten skizzieren.
Das dialogische Verhältnis von Bild und Text hat Steinaecker in seiner Dissertation über Literarische Foto-Texte erforscht. Ihn interessierten literarische Veröffentlichungen, in denen die beiden Medien ein gleichwertiger, „unverzichtbarer Teil des Werkes in seiner Gesamtheit“* sind. In seinem Roman Geister ist das Bild-Text-Verhältnis nicht ganz ausgewogen: Die Comics führen die Handlung nicht eigenständig weiter, sondern bieten den Text-Figuren lediglich Handlungsanreize.
Der Wunsch, mit Bild im Text zu arbeiten, hat vermutlich die Arbeit an Geister motiviert. Dem Bayerischen Rundfunk sagte Steinaecker bei Erscheinen des Buches, dass ihn schon immer interessiert habe, „wie man diesen fest gefahrenen Blocksatz des Buches aufbrechen kann“. Gegenüber goldmag.de äußert er sich:
Formell betrachtet, bieten Abbildungen in Texten Möglichkeiten für das Buch, die leider (nach dem Mittelalter) völlig in Vergessenheit geraten sind: Bücher werden durch Abbildungen sinnlicher, spielerischer und entsprechen meines Erachtens auch mehr einem Gegenwartsgefühl, das in mehreren Medien und Realitäten zugleich zu Hause ist.
Daniela Kohls klar linierte und kräftig kolorierte Comic-Seiten sind tatsächlich ein sinnliches Vergnügen. Die Annäherung an den Comic aus der Literatur heraus ist zudem ein höchst erfreuliches Pilotprojekt: bislang existieren die beiden Gattungen in Deutschland weitgehend getrennt. (Das Interesse an Graphik im Text ist jedoch gestiegen, wie die Arbeiten der LAN-Gäste Kathrin Röggla und Judith Schalansky zeigen.)
Steinaecker ist nicht nur Comic-Rezensent , sondern arbeitet auch gemeinsam mit dem Zeichner Arne Bellstorf an einer Graphic Novel. Ein Wanderer zwischen den Formenwelten wird er bleiben, auch wenn er die Genres wieder entflicht: In seinem nächsten Roman „Schutzgebiet“, der im September 2009 veröffentlicht wird und die Geschichte einer Gruppe von Auswanderern in einer deutsch-afrikanischen Kolonie erzählt, werden, abgesehen von Neo Rauchs Umschlaggemälde, Bilder keine Rolle spielen – es sei denn, man lässt die Illusionen der Protagonisten als Bilder gelten.
* Literarische Foto-Texte: zur Funktion der Fotografien in den Texten Rolf Dieter Brinkmanns, Alexander Kluges und W.G. Sebalds. Von Thomas von Steinaecker. transcript Verlag, 2007, S. 13.
Thomas von Steinaecker liest am Freitag, den 29. Mai, bei LAN — Drei Tage junge Literatur und Musik im HAU2, Berlin.
Foto: Joachim Unseld
Am 18. Oktober 2009 um 18:01 Uhr
[...] hat Thomas von Steinaecker für goldmag portraitiert. Am 20. Oktober 2009 kann man Schutzgebiet kostenlos als eBook bei libreka.de [...]
Am 8. September 2010 um 21:07 Uhr
HARMONY SILVA l they MADGE