Andreas Stichmanns Kurzgeschichten zeigen, wie nahe Spleen und Alltäglichkeit beieinander liegen
Kurzgeschichten waren lange verpönt, wollten weder gelesen noch verlegt werden, bis sie Anfang der neunziger Jahre mit einem Mal wieder aus ihrer Versunkenheit auftauchten. Allerdings steht nun auf den Covern nicht mehr „Kurzgeschichten“, sondern „Stories“ oder „Erzählungen“. Es ist schade, dass gerade die Kürze oft aus marktstrategischen Gründen verschwiegen wird (wer will schon Geld für was Kurzes ausgeben?!), denn genau hierin liegt ihre Kunst. Aber sei’s drum. Andreas Stichmann hat für sein Debüt „Jackie in Silber“ dieses literarische Genre gewählt und zeigt in elf Kurzgeschichten sein schriftstellerisches Können von treffend ironischer Beobachtungsgabe über seichte Dramatik bis hin zu witziger Absurdität, die ins Fantastische gleitet.
Scheitern im Kleinen
2009 wurde „Jackie in Silber“ mit dem Clemens Brentano Preis ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es: „Andreas Stichmann streift mit distanzierter Neugier durch ein Panoptikum skurriler Figuren und erzählt zeitgenössische lakonische Geschichten.“ Angesiedelt sind seine Figuren in einem alltäglichen Milieu gestrandeter Existenzen, die aufgehört haben, mit ihrem Leben zu hadern. So zum Beispiel der in zwischenmenschlichen Kontakten nicht sonderlich erfahrene Marcel (Die Blumen). Eines Nachmittags, aus einer Laune heraus, besorgt er eine Flasche Branntwein und macht sich auf die Suche nach der Gesellschaft seiner Nachbarn. Im Hof findet er die alte Frau Jensch und ihre flegelhafte, Kunst studierende Enkelin mit ihrem langhaarigen Freund. Als er sich zu ihnen setzt und so locker er kann Witze reißt, blicken sie ihn verwundert an, bis ihn irgendwann die Realität einholt – keiner von ihnen beachtet seine Anwesenheit. Verstört, aber davon überzeugt, dass man mit diesen Leuten nicht reden kann, zieht er sich mit der Flasche Branntwein an seine Staffelei zurück, um dort das lange zuvor begonnene Bild mit der Blumenwiese fertig zu stellen.
Stichmanns Figuren sind leise und unauffällig. Aber irgendwie läuft ihr Leben schief und der Punkt, an dem sich etwas ändern könnte, scheint andauernd unbemerkt vorbeizuhuschen.
In vielen Rezensionen zu „Jackie in Silber“ wird das Scheitern der Figuren hervorgehoben und auch auf der Rückseite des Buches heißt es: „Dass Helden scheitern, ist der Lauf der Dinge. Andreas Stichmanns Helden aber laufen im Scheitern zur Höchstform auf.“ In einer Gesellschaft jedoch, in der das Scheitern kein Tabuthema mehr ist, in der Seminare zum „Scheitern als Chance“ angeboten werden und es Agenturen zum „gescheiten Scheitern“ gibt, finden seine Charaktere kaum ihren Platz. Ihr Scheitern hat Weniges gemein mit dieser Form der Realitätskompensation. Es ist passiv, macht nicht viel Wind um sich und zeigt seine Opfer in ihrer Verletzlichkeit. Wenn die gesunde Frances monatelang im Voraus ihren Tod plant (Frances stirbt) oder ein völlig abgebrannter Möbelverkäufer sein Glück beim sorgfältigen Abwaschen findet (Der Goldbarrenmann), dann zeigt sich das Scheitern von einer Seite, die es kaum wert scheint, bemerkt zu werden. Es mogelt sich in das Leben der Figuren ein und verwischt die Grenze, an der Alltäglichkeit zum Spleen wird. Das macht die Geschichten nicht nur menschlich, so gar nicht abgehoben, sondern sorgt auch für ein leises Unwohlsein, das sich beim Lesen einschleicht und eine Weile braucht, bis es wieder verschwindet.
Verführen ohne Theatralik
„Was gibt es schöneres, als mit einem Freund zu lachen. Da wird der Moment zu einem kleinen Haus. Und der Witz zu einem Hund am Kamin. Ein Bellen des Geistes, aber immer Vorsicht mit der Theatralik.“ (Der goldene Stern) Stichmanns Perspektiven lassen das Tragisch-Skurrile zum Vorschein kommen – vorsichtig. Er beobachtet seine Figuren von weit draußen, ohne auf sie herabzublicken. Um sie zu beschreiben, wählt er eine unaufgeregte Sprache mit ganz eigenem Ton, schafft „Sätze wie Kleinode“ (Kreuzer), die in ihrer Ungewöhnlichkeit den Moment fühlbar und plastisch werden lassen. Beispielsweise wenn man liest, wie eine Nachbarin beschrieben wird: „Sie will offensichtlich fremd erscheinen, schlendert etwas polnisch oder isländisch umher und guckt irgendwie New York.“ (Die Blumen) Oder auch die Wahrnehmung des Protagonisten in Malealea von einem neben ihm sitzenden Afrikaner, der eins zu werden scheint mit seiner Umgebung: „Er macht so einen Brummton, und wieder wird lange nichts gesagt, schließlich gibt es auch so allerhand Geräusch, dazu die öligen Schwingen einer sich blind und raupenförmig herumtastenden, im Kreis kriechenden, schwubbelig, schwabbeligen Zeit. Ich denke: Jetzt ist Entspannung angesagt!“
Auf Entspannung ist beim Lesen von „Jackie in Silber“ nicht zu hoffen. Die Geschichten klingen nach, lassen sich nicht hintereinander weg lesen und bringen durcheinander – „Wellness ist Scheitern“ (Der goldene Stern).
Die im Titel genannte Jackie ist im Übrigen eine Figur aus Hey Hoppmanns, die eine Weile lang ein silbernes Kleid trägt, bevor sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird.
Andreas Stichmann liest am Freitag, den 29. Mai um 19.30 Uhr bei LAN — Drei Tage junge Literatur und Musik im HAU2, Berlin.
Foto: Finn-Ole Heinrich