10 Mai

Experimente mit Bienen

Von Nikolai Preuschoff

Andre Rudolph unternimmt Anstrengungen und notiert Unscheinbares in fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit

rudolph-fluglaerm1„bieder sind wir, / doch verschwommen schön“ — so beginnt das erste Gedicht, und so lautet der Titel des ersten Abschnitts von Andre Rudolphs Gedichtband. Ein schöner Titel. Enthält er nicht, bei aller Ironie, eine Wahrheit? Wenn er, nicht zu Unrecht, das Biedere für Unschön erklärt, dann aber zu bedenken gibt, dass man manchmal, mit zugekniffenen Augen, dem Grau des Alltags-Biederen (und uns selbst darin) etwas Ästhetisches abverlangen kann? Das Gedicht endet: „fehlen nur die obligatorischen / krähen. pilger des lichts“.

Rudolphs Gedichtband, der beim umtriebigen Wiesbadener luxbooks-Verlag als erster Band einer Lyrik-Reihe erscheint, aber ist nicht nach dem ersten, sondern dem etwas sperrigen Titel des zweiten Zyklus benannt: fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit. (Dafür wird es Gründe gegeben haben.) Es ist der Teil mit den kürzesten Gedichten des Bandes, nur vier oder fünf Zeilen lang. Umso exemplarischer lässt sich an ihnen ablesen, wie Rudolphs Verskunst funktioniert:

nach lichtjahren // venus und mars / der satellit sendet bilder // sehr interessant dieses hier / gestochen scharf // die erkalteten trichter / beider geschlechter

Kleine Konstrukte sind das, in denen Bilder gegensätzlicher Bereiche (altes Mittel der Poesie) übereinandergelagert werden oder verschmelzen — in diesem Fall aus der Astronomie, Mythologie, der Fotografie und Pornografie. Und wenn man es recht bedenkt, liegt das alles ja wirklich dicht beieinander. Es sind Momentaufnahmen des Alltäglichen, wie aus dem Tagebuch eines Fernsehzuschauers, eingefangen mit sparsamen Worten und versuchsweise zusammengeschoben. Mehr bedarf es nicht, die Passformen selbst kommentieren bereits: bieder eben, doch verschwommen schön. Das wirklich Schöne, so scheint es, ist nur um den Preis der Ausblendung jener Realitätsgrenzen zu haben, die sich so einfach nicht miteinander verrechnen lassen:

laufsteg // feuchtes / lippenrot // (im dünnen kleidchen) // schwindelfrei / über die zunge des walfischs

Etwas komplizierter, eine Drehung weitergeschraubt, und damit durchaus kulinarischer wird es im großen Mittelteil, „schmetterlingssäge.doc“; hier lauten etwa die letzten vier Verspaare von „die töchter sind fenster / in den häusern der mütter, durch“ (doch, das ist der Gedichttitel, er funktioniert nur zugleich als Gedichtbeginn):

an sich sind die stiefmütterchen / hässlich, in den balkonkästen // draußen (selbst noch als allegorie), „hier / müsste wiedermal einer umgraben.“ // die blütenkelche zitieren engel / und bienen. – samstags, wenn // die käfer putzen, duftet es / im ganzen haus nach chitin

Wieder ist das Biedere hässlich, und auch der erste dichterische Zugriff („selbst noch als allegorie“) scheint bei den Stiefmütter-Rabatten zu misslingen; dann aber werden die von den Blüten ausgehenden Ähnlichkeitsbeziehungen epiphanisch doch noch erkannt: Blüten werden zu Engeln, und zu Engeln, die Bienen sind, die sie heranzitieren; wie sie ja auch der Dichter selbst nur ‚heranzitiert‘ hat — der Dichter, der hier zwischen den ineinander verschobenen Zeilen kenntlich wird, um dann wieder wegzusinken in der ernüchternd-heiteren Erkenntnis: Selbst in der Welt der Insekten suchen alle nur das Kleinbürgerglück.

Immer wieder zeigt Rudolph Mut. Zum Persönlichen etwa (allein zwei Gedichte sind einer Susanne gewidmet, ein anderes heißt „ich mag dich“), zum Uncoolen, vielleicht sogar bewusst Peinlichen. Das beginnt bei der Überreizung der Genitivmetapher: „die naive kapitalismuskritik / dieser landschaft“, „marzipanherzen ihrer un- /schuld“, „das zerrissne seidenpapier ihrer haut“, „(…) die / weißen schenkel der helläugigen rehe“, „(…) die unterwäsche des / kollektiven unbewussten“. Die Sicherung für Rudolphs Mut wäre dann seine Ironie, die ihn oft genug vor dem Schlimmsten bewahrt (gerade indem sie rausknallt). Selten weiß man, ob er das, was ernst scheint, wirklich ernst meint, oder, ob er das scheinbar Unernste nicht doch irgendwie ernst meint. Meistens trifft wohl beides zu, und das schaukelt viele von Rudolphs Gedichten nach Hause.

Techniker, Bastler, Alchemist

Gerne gebraucht Rudolph die Worte „lippen“ (wie als Komposita, in „lippenfische“) und „zungen“ („auf“ und „unter“ denen etwas geschmeckt wird); auffällig häufig ist auch von „gold“ die Rede –  übrigens ein sehr schönes Wort (z. B. in „goldeulen“, „goldstaub“ oder den sehr, sehr schönen „strohspinnen aus gold“, die für mich klingen wie einem Film Guillermo del Toros entsprungen). Finden lassen sich überhaupt einige bemerkenswerte Komposita und Wortinventionen, die, summa summarum, in Rudolphs überwiegend zarten Versen dann doch den Techniker, den Hobbybastler, kurz den unbedingt männlichen Lyriker zu erkennen geben: „schmetterlingssäge“, „rückverdunkelung“, „regenkommando“, „fensterarme“, „amselgeschosse“, „buntmetallglück“.

Auf den Mittelteil, die „schmetterlingssäge.doc“, folgen in Rudolphs Gedichtband zwei weitere Abschnitte, die das Niveau allerdings nicht ganz halten können (oder wollen? so genau weiß man das nicht). Sowohl das hochstaplerisch betitelte, extrem kurze „minima naturalia“ wie auch die geradezu platte „schattenarbeit“ verzichten weitgehend auf das doppelbödige Bild-Laborieren, und auch die zuvor perfektionierte Ironie-Schaukel gerät in einem rap-artigen, kalauer-heischenden Anti-Geprolle arg ins Trudeln: „ich bin das trockenpulver für eure ekstasen / (füllt mich ein) // meine gedichte sind wie zähne und hochhäuser: / sanierte gebilde“. Sicher hat Rudolph hier der Geck geritten, aber solche Zeilen funktionieren auf der Lesebühne besser als gedruckt auf Papier.

Scherenschnitt und Kreuzschraffur

Nicht so ganz passen wollen auch die Illustrationen von Annette Kühn. Wunderbar gelungen ist ihre Titelgrafik (wohl ein Strandbunker in der Normandie, mit einem blauen Falter-Scherenschnitt darauf), die gerade in Verbund mit dem Titel schöne mehrdeutig-enigmatische Beziehungen eingeht. Die anderen Zeichnungen, zumeist Tiere und junge Frauen, können das weniger einlösen; mit teilweise krummen Linien und übertrieben eingesetzter Kreuzschraffur wirken sie, mit wenigen Ausnahmen, wie Schulbuch-Kritzeleien — was wiederum (ja, schon klar!) auch ‚nur‘ ironisch gemeint sein kann, dann aber noch entschieden trashiger hätte umgesetzt werden müssen.

Zurück bleiben der Goldstaub, die Zungen und die Bienen — und das Gefühl, soeben eine Alchemisten-Klause verlassen zu haben. Stellenweise war sie vielleicht etwas windschief, aber das passt ja ins Bild. Noch windschiefer, das muss jetzt noch gesagt werden, ist ein kürzlich von Florian Illies in der ZEIT-Literaturbeilage angestellter Vergleich, der auch rückseitig auf dem Gedichtband abgedruckt ist: Rudolphs Lyrik sei „wie gemeißelt“. Aber nichts läge Rudolph, dem Experimentator, ferner, als zu glauben, mit Steinmetzerei in die Ewigkeit einzuziehen! Dazu ist bei ihm alles viel zu luftig, viel zu sehr als ephemeres Gebilde angelegt, das auch noch schön zu betrachten ist, wenn es in sich zusammenfällt. Unter dem qualmenden Scherbenhaufen liegt dann — Nebenprodukt der Alchemie — vielleicht ein Stück wertvolles Porzellan.

Rudolphs Band schließt mit dem schönen Lichtenbergschen Verweis, dass die verzeichneten Druckfehler im Druckfehlerverzeichnis zu finden sind.

Andre Rudolph: fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit, luxbooks 2009, 104 S., 18,50 €

5 Reaktionen zu “Experimente mit Bienen”

  1. Michael

    “strohspinnen aus gold” – aber echt mal!

  2. unterwäsche seide

    unterwäsche seide…

    unterwäsche seide war als Suchwort eingegeben und brachte darauf diese Seite zum Vorschein. Echt verrueckt. Wenn man direkt nach goldmag.de ” Blog Archiv ” Experimente mit Bienen sucht kommnt seltsamerweise nirgendwo ein Ergebnis dazu. Was ist eigent…

  3. MarioKlar

    Hi, netter Post aber wie adde ich den denn zu meinen RSS Feeds? Bin ich zu bloed?

  4. Drupalus

    Moin moin, schicker Beitrag auch wenn ich das etwas anders sehe :D

  5. Nikolai

    @MarioKlar Unter “RSS Feeds” auf “Beiträge” klicken — dann sollte es eigentlich klappen (oder?)!

    @Drupalus Danke — wäre jetzt natürlich interessant zu erfahren, was genau Du anders siehst?

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