29 Mai

Form folgt Fallbeil

Von Elena

Jan Wagner berichtet aus seiner Lyrikwerkstatt

Foto: Maritta IselerGedichte von Jan Wagner sind auf das Wort genau gesetzt: gestochen scharfe Bilder, eingelassen in eine oft rigide Form, gerne mit einer unerwarteten Wendung gegen Ende. Historische Figuren wandern durch seine Gedichte, Objekte verraten ihre eigene Geschichte. Das hat ihm den Titel “Erzähler der kleinen Form” eingebracht.

Ebenso häufig wird Jan Wagner von der Literaturkritik als “poeta doctus” beschrieben, dem die Neubelebung althergebrachter lyrischer Formen wie Sonett, Sestine oder Villanelle gelingt, indem er der Form einerseits Genüge tut und sie andererseits aufbricht: mittels unreiner Reime oder verblüffender Worttrennungen am Versende. Auch inhaltlich geht es weniger weihevoll denn witzig zu. “Stupende Brechungen der Idylle” attestiert die FAZ dem Lyriker in Bezug auf die kleinstadtelegie; “ironische Idylle”, möchte man hinzufügen.

und in den lieferwagen pendelten
die schweinehälften zwischen ja und nein,
den linden wuchsen herzen. und es paßte

nicht mehr als ein blatt papier zwischen mich und die welt.

Der 1971 geborene Jan Wagner ist sicher einer der formbewusstesten, formvollendetsten Lyriker seiner Altersklasse. Zudem ist er ein sympathischer, unkomplizierter Mensch und beantwortet gerne Fragen zu seiner Poetik. Im Gespräch hört interessiert zu; es wirkt, als würde er sich bescheiden im Hintergrund halten, auch wenn er gerade mit Verve über seine Arbeit spricht. So formvollendet wie seine Lyrik ist auch der Mensch, denkt man, und fragt, wie er sich für eine bestimmte Gedichtform entscheidet.

Er wählt nicht zuerst eine bestimmte Form, die er dann mit Inhalt auffüllt, betont Jan Wagner. Vielmehr hat er die Formen des lyrischen Kanons im Repertoire, das er stetig erweitert und auf das er zugreifen kann “wie ein Maler, der die Techniken im Hinterkopf hat”. Die jeweilige Form bietet sich für einen bestimmten Stoff an, sie “ergibt sich tatsächlich von selbst”.

Für den Nicht-Lyriker mag die Formvorgabe wie ein immenser Zwang erscheinen – zum Beispiel der Sonettenkranz Görlitz in seinem zweiten Gedichtband Guerickes Sperling: fünfzehn zusammenhängende Gedichte, in denen die letzte Zeile des einen die erste Zeile des nächsten Gedichtes bildet; das fünfzehnte Sonett besteht aus den Anfangszeilen der vorangegangenen vierzehn. Wie macht er das? – “Das hat sich aus einem der Gedichte ergeben.” Ohne Inspiration ist alles Handwerk nichts.

Für Jan Wagner ist die Form kein Zwang, sondern ein “Zugewinn an Freiheit”. Sie führt ihn auf überraschende Wege. Ins Unbekannte heißt eines seiner Essays folgerichtig. In einer Apologie der lyrischen Form, Vom Pudding. Formen junger Lyrik, zitiert er John Ashbery: “Ich sagte einmal zu jemandem, daß eine Sestine zu verfassen einer Fahrt mit dem Rad bergab ähnelt, bei der die Pedalen die Füße vorantreiben. Ich wollte, daß meine Füße hin zu Orten gezwungen wurden, an die sie ansonsten nie gelangt wären.”

Finden statt Suchen ist Jan Wagners Motto. Von Themengedichten etwa zu “Freiheit” oder “Liebe”, von der Suche nach Material hält der Lyriker nicht viel. Meist ist der Ausgangspunkt für seine Gedichte konkret: Eine Szene, die er auf der Straße beobachtet, ein Objekt, das er findet, eine Metapher oder ein Wortspiel, etwas Gelesenes. “Es muss einen schon anspringen”, wie Wagner formuliert. Das Wortpaar “Beifall – Fallbeil” hat ihn angesprungen und ist in Saint-Just zu einem Blankvers-Gedicht mit abgehacktem letztem Vers verarbeitet worden:

die nationalversammlung und das pult
das seiner redner harrt; ein falsches wort,
ein laut zuviel nur, und der beifall rauscht
als fallbeil herab.

Lange trägt Wagner seine ‘Gedichtanfänge in nuce’ mit sich herum, manchmal Monate, manchmal Jahre, bei zahllosen Spaziergängen. Er arbeitet mit einem Notizbuch und nutzt den Computer erst, wenn der Ausarbeitungsprozess bereits weit gediehen ist. In seinem Essay Ins Unbekannte formuliert er, dass “das Nachdenken über die Feinmechanik des Gedichts dem Schreiben vorangeht”.

Nicht nur jedes einzelne Gedicht muss sich fügen, bis es in sich stimmig ist – auch seine Gedichtbände gehorchen einer Eigengesetzlichkeit. Sie sind nicht dramaturgisch geplant, auch in ihrem Fall ergibt sich die Reihenfolge irgendwann aus dem vorhandenen Material. Und dann ist eine überraschende Wendung möglich: Guerickes Sperling, endet mit einem Gedicht über Ernest Shackletons 1915 gescheiterte Antarktis-Expedition. Die letzte Strophe lautet:

es frißt sich von den rändern bis zum herzen
der scholle stetig vor. dort kauern wir,
vom ruß verklebt, wie lettern nach dem schwärzen.
die blanke fläche. dieses blatt papier.

Die Eiswüste verwandelt sich in ein leeres Blatt Papier – ein umgekehrter Brandvorgang, bei dem nicht die rußige Asche das Papier zerfrisst, sondern das Weiß die Überlebenden respektive Buchstaben zu verschlingen droht. Von einer Scholle im Weddelmeer ist abgründiger als es die gefällige Form – ein fünfhebiger Jambus mit Kreuzreim, nicht immer rein – anfänglich vermuten lässt: Die sich in kleinem Kreise drehende Existenz der im Eis gefangenen Expeditionsteilnehmer, sie sich immer mehr auf einen winzigen Punkt zusammenzieht, wird formal überdeutlich ausgestellt.

In einer gegenläufigen Bewegung wendet sich der Band in’s Offene: Das Vorangegangene wird zurückgenommen, gleichsam ausgelöscht. Zugleich markiert die letzte Verszeile in Guerickes Sperling den Anfangspunkt literarischen Schaffens. Das leere Blatt Papier. Das Schreiben ist an seinem Nullpunkt angelangt. Lyrik ist eine “immer wieder neu zu beginnende Entdeckungsreise”, formuliert Wagner in seinem Essay Ins Unbekannte. Eine Expedition endet, die nächste beginnt: Den Drang zur immer neuen Eroberung hat Jan Wagner mit den großen Entdeckern und Abenteurern wie Shackleton gemeinsam. Von einer Scholle im Weddelmeer belegt auf’s Wunderbarste Jan Wagners Können, das Form zu Inhalt werden lässt.

Jan Wagner liest am Sonntag, 31. Mai, bei LAN – Drei Tage junge Literatur und Musik im HAU 2, Berlin.

Foto: Maritta Iseler

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