08 Mai

One should keep away from idol worship

Von Nikolai Preuschoff

Die Metapher der Vergänglichkeit in Ben Katchors Berliner Vortrag über Fotografien, Götzen und den Halbton-Druck

ben katchor vortrag 2009

Ben Katchor spricht langsam, mit Theaterstimme; dazwischen wohldosierte Pausen. Das Publikum ist sofort gewonnen; viele — möchte man meinen — trotz des etwas speziellen Vortragstitels: “Halftone Images in the Yiddisch Press and other Objects of Idol Worship”. Vor sieben Jahren war er schon einmal in Berlin, als Fellow der American Academy. Jetzt, das heißt Anfang letzter Woche, steht Katchor am Rednerpult des Jüdischen Museums; anschließend wird er noch seinen jetzt auf deutsch im avant-verlag erschienenen Comic Der Jude von New York vorstellen (die Originalausgabe erschien bereits vor 11 Jahren). Der Saal ist, trotz Hitze, gefüllt. Von weitem, wenn er sich bewegt, erinnert Katchor ein wenig an Inspektor Columbo.

In jeder Ausgabe der Morgen Freiheit, beginnt Katchor mit lauter Stimme, war, seit ihrem Erscheinen 1922, rechts neben dem in hebräischen Lettern gesetzten Titel, eine Fotografie ihres Gründers gedruckt: des großen Moishe Olgin. Die Qualität des für den Halbton-Druck aufgerasterten Fotos (eine Technik, bei der die Punktstärke die Dunkelheit der Graustufe bestimmt) aber ließ zu wünschen übrig: Olgins Gesicht (so zeigen mehrere Dias) war dunkel, verschwommen und hatte manchmal einen weißen Fleck über dem Auge. Und Woche für Woche, mit jeder Ausgabe, erklärt Katchor, nahm die darstellerische Qualität von Olgins Gesicht weiter ab — bis schließlich zwischen Original und Reproduktion nur noch der Anschein einer Ähnlichkeit bestanden habe. Schon als kleiner Junge war Katchor davon fasziniert (sein Vater hatte den Morgen abonniert), stundenlang habe er diese Bilder angestarrt.

The wedding of the camera and the printing press

Katchors Vortrag über ein Kapitel der us-amerikanischen Pressegeschichte ist von einer Ernsthaftigkeit, bei der Ironie sicher einkalkuliert, aber nie nach außen gekehrt wird. Ähnlich wird er später auch aus einigen Comic-Strips vortragen. Man lacht im Publikum; merkt aber zugleich, dass es Katchor ernst meint mit seinem Thema. Warum also die abnehmende, schlechte Qualität der Halbton-Reproduktionen in der jiddischen Presse? Haben es weder die Leser noch die Macher bemerkt? Gut möglich, dass ihnen die schemenhaften Umrisslinien, die von dem Foto übrig blieben, ausgereichten, um sich an Moishe Olgin zu erinnern. Für wahrscheinlicher aber hält Katchor — und das ist die These seines Vortrags — dass Redakteure wie Leser der Morgen Freiheit stillschweigend die verschwommenen und verschwindenden Bilder hingenommen hätten; diese ‘durften’ verblassen, weil man das, in säkularisierter Wendung, mit einem alten Gesetz im Einklang sah:

Du sollst Dir kein Bildnis machen.

Predigerhaft zitiert der New Yorker Comiczeichner nun (begleitet nun von Dia-Projektionen heidnischer Fruchtbarkeitsgöttinnen) einige der orthodoxe Reglements, die das Bildverbot erklären und auslegen: “One should keep away from…”, “it is forbidden to await…”, “you shall not make anything…”
Ein anderes Beispiel: Ende des 19. Jahrhunderts, als in Philadelphia die Levy-Brüder die ersten Halbton-Fotogravuren herstellten, wurden die alten Druckplatten noch vorsichtig in ein besonderes Papier geschlagen, um sie dann, mit einem seltsam-totemischen Sinn versehen, den Portraitierten zur Aufbewahrung zuzusenden. Begann damit die götzenhafte Verehrung der Druckplatte? Oder war es nur eine besondere Geste der Erinnerung?
Katchor ist offensichtlich selbst dieser seltsamen Bilder-Verehrung, dem Sammeln von Zeitungsbildchen verfallen. Er zeigt nun, was er die “Sixtinisches Kapelle” des jiddischen Halbtonsdrucks nennt: den Almanach Argentina. 60 years of jewish life, dick wie ein Telefonbuch, gefüllt mit unzähligen Abbildungen, Annoncen und Fotografien: z. B. ein Gruppenbild, die Kinder des ersten jüdischen Waisenhauses. Die Hälfte davon ist während des Reproduktionsprozesses verblichen; auch von anderen Aufnahmen (demonstrierende Arbeiter von oben) ist nicht vielmehr übrig als eine dunkelgraue Fläche.

Langsam, schließt Katchor, sei die jiddischsprachige Presse dann ausgestorben (der Morgen erschien noch bis 1988); es blieb also nicht mehr genug Zeit, um weiterzudrucken — so lange,

bis alle Bilder irgendwann gänzlich verschwunden wären.

So, wie die frühen Halbton-Reproduktionen nicht nur an die Grenzen der Reproduzierbarkeit, sondern auch an die der Lebenszeit der Abgebildeten erinnern, lassen sich auch Katchors Comics lesen: Sie regen dazu an, die Dinge anders zu betrachten. Sie erinnern an etwas, und sind damit vielleicht eine Art indirektes Medium der Erinnerung.

Wie es mit der Nostalgie in seinem Werk bestellt sei, will der Moderator, Jens Balzer, anschließend wissen. Nein, er interessiere sich halt für Geschichte, aber er liebe moderne Architektur und moderne Technik. Und früher waren die Zeiten schlechter. Heute, sagt Katchor, schwindet mit der Macht der Druckerpressen die Autorität der Zeitungen. Aber das sei eben so. Und viele Zeitungen sparen schon jetzt ihre Comic-Seiten ein. Dabei sei es doch das, was die Leute wirklich interessiert, was da eingespart wird: Comics, Horoskope und Kontakt-Anzeigen.

Katchor-Strips (Metropolis Magazine): hier, hier, hier und hier.

Katchor über The Jew of New York

Katchor liest aus seinen Comic-Strips — aufgezeichnet von TED, “Ideas worth spreading”.

Foto: N. P.

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