Alexander Langer über die Lust am Erzählen
Der Blick ernst, mindestens nachdenklich, voller Tiefe, nie ganz entspannt. Der Kopf füllt das Bild aus, ist manchmal ob der Schwere der Gedanken auf eine Hand gestützt oder leicht angeschrägt, als Geste des ständigen Zweifels. So sieht normalerweise das typische Autorenfoto aus.
Bei Alexander Langer nicht. Ein aktuelles Pressefoto zeigt ihn mitten auf der Straße stehend, im Hintergrund die Flucht der Gebäude, der Blick direkt, das Kinn herausfordernd nach vorn gereckt, neben ihm ein leuchtend weißer Sportwagen mit schwarzem Verdeck. Das will nicht so recht passen zum intellektuellen Habitus, der von vielen Schriftstellern gerne gepflegt und vom Publikum oft erwartet wird. Genauso wenig wie sein Beruf: Freizeitanimateur ist er, am Bodensee.
Ob das Ganze eine Art Gegenprogramm sei, will ich von ihm wissen. Doch so einfach ist es dann auch wieder nicht: Der Job sei ihm zugeflogen wie so viele andere. „Eigentlich würde ich gerne sitzen und denken. Aber mein Bibliotheksjob an der Leipziger Uni war bisher der einzige dieser Art“. Man dürfe sich das mit dem Animateur auch nicht so vorstellen wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Langer betreut Menschen, die an den Bodensee gekommen sind, um Deutsch zu lernen. Und das sei gar nicht so weit weg von seinem Job als Autor. „Jeder von denen hat eine Geschichte zu erzählen“, sagt er, lacht und fügt hinzu: „Und ich sitze da und schreibe alles auf!“.
Schon sind wir ganz nah dran an dem, was Langer am Schreiben so wichtig ist: Das Erzählen von Geschichten. Und nicht zuletzt auch das Unterhalten.
Wenn Dir jemand etwas von seiner Kultur oder seinen Erlebnissen verdeutlichen will, dann tut er es mit Hilfe einer Geschichte. Verständnis und Unterhaltung gehen da Hand in Hand. Deswegen finde ich auch das Lesen vor Publikum das absolut Beste. Auch weil ich beim vorlesen viel mehr Kontrolle darüber habe, wie der Text wahrgenommen wird.
Über seinen Auftritt beim 16. Open Mike wurde gesagt, man bekomme das Gefühl, jemand müsse eine Geschichte unbedingt loswerden.
Das trifft völlig zu! Schon mein Vater war eine große Quatschnase und hat ständig irgendwelchen Unfug erzählt. Es geht mir einfach darum, unterhaltsam zu schreiben, auch wenn das vielleicht trivial klingen mag. Schon als Kind haben mich eher die unterhaltsamen Geschichten interessiert, auch wenn die manchmal in einem Micky-Maus-Heft standen.
Bislang hat Alexander Langer erst ein paar seiner Texte veröffentlicht. Zum Beispiel die Kurzgeschichte Akademie in der Tippgemeinschaft 2008 des Leipziger Literaturinstituts. Ein originell absurder Text über ein Sportinternat, merkwürdige alte Herren und eine dominante Ehefrau. Oder (auch zum anhören) BMW 2002, eine Familiengeschichte, erzählt entlang langer Autofahrten und ausgefallener Karosseriebeschreibungen („Alles in Allem war dieser BMW die verlängerte Weiblichkeit meiner Mutter“). In der Bella triste erschien zuletzt Wir wollen uns vertragen. Aber wenn Langer über das Erzählen spricht, wirkt es fast so, als sei Papier viel zu geduldig für seine Geschichten.
Natürlich möchte ich unbedingt, dass meine Geschichten gedruckt werden, einfach weil ich Bücher so liebe. Aber ich weiß nicht, ob das allein die Erfüllung ist. Ich mache mir schon Gedanken, ob man nicht noch auf ganz andere Art veröffentlichen könnte. Vielleicht auch über Myspace oder als Podcast. Eigentlich hätte ich am liebsten eine Bühnenshow, so eine Mischung aus Lesen und Standup, mit viel körperlicher Präsenz. Und das dann nebenbei als Buch herausbringen.
Alexander Langer lebt in Konstanz, weit weg von Berliner Literaturzirkus mit seinen Dutzenden Lesebühnen, fast so weit weg von Leipzig, wo er am Deutschen Literaturinstitut studiert hat. Während unseres Gesprächs scheint am Bodensee die Sonne, in Berlin regnet es. Langer sitzt auf einer Bank im Freien mit Blick auf den See, um ihn herum „Wiese, Apfelbäume, Lilien“. Zwischendurch höre ich durchs Telefon das Knattern eines Mofas.
Es macht mir überhaupt nichts aus, nicht in Berlin oder Leipzig zu sein. Ich habe die Seminare am DLL sehr genossen, aber ich will nicht ständig über Literatur reden oder mir darüber Gedanken machen. Außerdem machen mich Straßenschluchten auf Dauer etwas kirre. Hier spüre ich etwas mehr Heimat. Ich habe schon viel in Städten gelebt, aber im Moment ist es schöner so.
Was kommt als nächstes?
Ich gehe gleich Tretbootfahren.
Alexander Langer liest am Samstag, 30. Mai, bei LAN – Drei Tage junge Literatur und Musik im HAU 2, Berlin.
Foto: Lucas Treise