08 Mai

Szenen aus der heiklen Welt

Von Florian

lucy-frickeEs sind wahrlich nicht die fröhlichen Gestalten, mit denen Lucy Fricke sich befasst. Eine Handvoll verwahrloster Jugendlicher, ein todkranker Alter und eine einsame Dreißigjährige — das sind die Hauptfiguren der beiden Texte, mit denen Lucy Fricke bekannt geworden ist.

Das wäre zum einen „Winken bis nach Buenos Aires“, mit dem sie 2005 den Open-Mike-Wettbewerb gewann. Ein Text über eine dreißigjährige Karrieristin, die nach achtzehn Jahren ihren schwerkranken Stiefvater wiedersieht, bei dem man nie so genau weiß, ob die Erzählerin über eine verlorene Vaterfigur oder einen verflossenen Liebhaber schreibt. Sie ist überarbeitet, ständig erreichbar, feiert Weihnachten einsam mit Bier, immerhin in New York. Er ist krebskrank, homophob, voller südländischem Temperament und Gutherzigkeit. Ihre vergangene aber längst nicht tote, schwer ambivalente Stiefvater-Tochter-Liebe ist das Zentrum der kurzen Geschichte. Immer schön uneindeutig erzählt, ohne Wertung, ohne Abschluss. Ein Beispiel dafür, dass Beziehungen nicht immer in eine Schublade passen und eben deswegen auch nicht in jener verschwinden. Selbst wenn das manchmal vielleicht angenehmer wäre.

Und zum anderen wäre da natürlich ihr Debütroman „Durst ist schlimmer als Heimweh“, erschienen 2007 im Piper Verlag. Judith, sechzehn, wohnt in einer betreuten Wohngemeinschaft und ist mit dem ganzen Sammelsurium pubertärer Unvernunft ausgestattet: Zu viele Drogen, zu viel Alkohol, Schule schwänzen, Gleichgültigkeit, Selbsthass, Trotz bis zum Abwinken. Dazu Selbstverletzungen, Wutausbrüche, ein Selbstmordversuch. Rückblende für Rückblende erfährt man mehr über eine deprimierende Kindheit voll Verwahlosung, mütterlicher Lieblosigkeit und stiefväterlichem Missbrauch. Judith reitet sich in immer blödere Situationen. Ziemlich früh fragt man sich, was man ihr wünschen kann und auch, ob man sie überhaupt mag.

Der Roman lebt weniger von langen Dialogen und komplexen Gedankengängen als von kurzen, dichten Episoden. Kaum ein Kapitel umfasst mehr als zwei oder drei Seiten, insgesamt sind es fast siebzig solcher Szenen. Das Szenenhafte mag von Lucy Frickes zahlreichen Film-Tätigkeiten herrühren. Aber es passt auch zu Judith, zu ihren kurzen Ausbrüchen, ihren negativen Gedanken, die sich weigern, weit zu schweifen. Lange Dialoge und komplexe Gedankengänge sind nicht Judiths Ding.

Das Echo auf den Roman war gemischt. Während sich das Titel-Magazin freute, „dass man nie den Eindruck gewinnt, sie arbeitete sich an einer Klischeeliste entlang“, störte sich der Deutschlandfunk gerade am Stereotypen „dieser Kellerkind-Biographie, die dermaßen erwartbar abläuft, dass sie einen als Leser schon bald weder besonders schockiert noch überhaupt überrascht“. Auch Martin Lüdke von der Frankfurter Rundschau stört sich an der Erwartbarkeit der Geschichte. Die Kulturnews hingegen lobten das „sensible und respektvolle Psychogramm“ und bemerkten, es sei ja offenbar gar nicht so, dass „Absolventen des Leipziger Literaturinstituts nur über Mittelschichtskoksnasen schreiben“.

Das Erwartbare ist jedoch tatsächlich eine Schwäche des Romans, Judith und ihre Mitbewohner scheinen allzu unausweichlich an ihr Unglück gebunden. Man gibt die Hoffnung schnell auf und erhofft für die Figuren mit ihrer schrecklichen Kindheit kaum noch Lichtblicke. Manche Beschreibungen erscheinen zu blaupausig, etwa der fette, ekelhafte Bürokrat in Arbeitsagentur, der seinen Daseinsfrust an den Antragstellern auslässt; der Spiegel, der zum Kokaingenuss von der Badezimmerwand montiert wird. Auch die Karrieristin aus Frickes Open-Mike-Text — stets gestresst, mit fünf Emailadressen ausgestattet, aber dennoch schrecklich einsam — entspricht ein wenig zu beispielhaft dem Bild des Webworkers der längst vergangenen New Economy.

Der Hinweis auf das Leipziger Literaturinstitut schwingt in vielen der Rezensionen von Frickes Roman mit wie ein Vorurteil. Dabei ist der Typus des aussageschwachen Leipziger Institutsschreibers ebenso ein — von Rezensensten kreiertes — Stereotyp, von dem man gar nicht so genau weiß, ob es überhaupt existiert.

Lucy Fricke liest am Samstag, den 30. Mai um 19.30 Uhr im Rahmen des LAN-Festivals Berlin.

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