Wie man über Jochen Schmidt schreiben kann, obwohl man keinen Milchkaffee mit ihm getrunken hat
Jochen Schmidt sieht aus wie einer, mit dem man gut Kaffee und noch besser Rotwein trinken kann. Eigentlich hatte ich ihn im Vorfeld von LAN um ein Treffen bitten wollen, er wohnt ja nur drei Bezirke weiter, und wenn man Porträts schreiben will, kann es ungemein hilfreich sein, den Porträtierten irgendwie getroffen zu haben. Selbst bei Masseninterviews kann man danach Sachen schreiben, die so klingen, als würde man jemanden kennen, Sätze wie „Beim Lachen zieht er nur den einen Mundwinkel nach oben, aber die Augen funkeln mit“, oder „Wenn er nachdenkt, weicht er Blicken aus, nimmt mehrere schnelle Schlucke von seinem Milchkaffee und sieht hinaus durch das Caféfenster auf die Straße, auf der die Bionade-Bohème gerade ihren Nachwuchs nach Hause zerrt.“ Im Idealfall erzählt der Porträtierte während so eines Treffens noch irgendwas echt Persönliches, zum Beispiel, dass er mal eine Freundin hatte, die in den aktuellen Harry Potter Band verliebter war als in ihn.
Das mit der Freundin stimmt wirklich. Es gab mal eine, die Rowling lieber hatte als ihn, obwohl er ihr (der Freundin) hunderte von Kilometern hinterhergereist war. Wie Jochen Schmidt allerdings lacht und wie er aussieht, wenn er nachdenkt, das weiß ich nicht.
Ich habe Jochen Schmidt nicht getroffen, weil ich mich im Internet auf seinen Spuren verlaufen habe und dabei Sachen über ihn erfahren habe, die ich viel relevanter finde als seine Mundwinkel-Mimik. Wenn man „Jochen Schmidt“ eintippt, landet man schnell im jochenschmidtschen Online-Labyrinth, in dem man alle möglichen Seitenwege und Abzweigungen und Schleichwege einschlagen kann, die zu kleinen intimen Einblicken in sein Leben führen.
Dinge, die er mir bei einem Milchkaffeeporträtgespräch sicherlich nicht erzählt hätte (eine Auswahl):
- Jochen Schmidt spuckt, wenn er durch seinen Hausflur läuft, durch das kleine offenstehende Fenster in den Hof und trifft immer.
- Jochen Schmidts Mutter ist bei seiner Geburt ohnmächtig geworden.
- Jochen Schmidts Tochter wird diesen September eingeschult und guckt gerne Prinzessin Lillifee. Manchmal guckt er auch mit.
- Jochen Schmidt weigert sich, beim Bäcker das Wort „Wuppi“ zu einem süßen Teilchen zu sagen.
- Jochen Schmidts Wohnungstür ist weiß gestrichen und manchmal stellt er sein Fahrrad so davor, dass seine Nachbarn, deren Wohnungstür ebenfalls weiß ist, kaum in ihre Wohnung kommen.
- Jochen Schmidt hat nicht nur Proust, sondern auch Luhmann gelesen.
- Jochen Schmidt hat keine GEZahlt.
- Jochen Schmidt hat eine Küche, aber keine Küchentür.
- Jochen Schmidt mag es, wenn seine Stifte vor ihm auf dem Tisch mit der Mine von ihm weg weisen.
- Jochen Schmidt guckt gerne rumänische Filme.
- Jochen Schmidt hat vergilbende Unischeine zuhause.
- Jochen Schmidt weigert sich beim Bäcker auch, das Wort „Fanblock“ auszusprechen.
- Jochen Schmidt mag es, wenn seine Stifte nicht nur von ihm weg weisen, sondern auch noch parallel liegen.
- Jochen Schmidt hat den Sensus Magnus für die Kopfmasturbation für sich entdeckt.
- Jochen Schmidt hat das Quartettspiel „Plattenbauten“ mit herausgegeben.
- Jochen Schmidt hat einmal seiner Klassenkameradin Grit ein Bein gestellt, ihre Milchtüte schleuderte gegen die Wand und danach tat es ihm leid.
- Jochen Schmidt wird in diesem Jahr über den ganz großen Liebeskummer hinwegkommen.
Wenn einer auf die Welt kommt und „Schmidt“ mit Nachnamen heißt, kann er sich damit abfinden, hurtig heiraten oder aber daran arbeiten, sich von anderen Schmidts abzugrenzen. Es gibt auffallend viele Schmidts, die das geschafft haben, Helmut zum Beispiel oder Harald. Die Suchkombination von „Jochen“ und „Schmidt“ jedenfalls hat der, um den es hier geht, absolut für sich eingenommen. Alle anderen Jochen Schmidts dieser Welt sind vermutlich irre frustriert, wenn sie sich selbst googeln (außer vielleicht dieser Germanist, der immerhin auch einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat).
Wer wissen will, ob man das wirklich alles im Internet finden kann, wann Jochen Schmidt geboren wurde, ob er Ossi oder Wessi ist, ob er immer noch enthusiastisch auf Chausseen und Berliner Lesebühnen liest und wie viele und was für Bücher er vor seinem letzen, „Schmidt liest Proust“, geschrieben hat, der muss selber nachgucken. Eingänge ins Schmidtsche Online-Labyrinth mit Abzweigungen zu echt persönlichen Dingen sind zum Beispiel hier oder hier oder hier.
Eins noch:
Jochen Schmidt hat immer noch die Hoffnung, im Publikum seiner Zukünftigen zu begegnen. Und er träumt davon, dass er eines Tages gar nicht mehr lesen muss auf der Lesebühne, weil sich die Zuschauer schon an der Tatsache berauschen, dass er einfach vor ihnen sitzt.
Jochen Schmidt liest am Sonntag, den 31. Mai, bei LAN – Drei Tage junge Literatur und Musik im HAU 2, Berlin.
Foto: Tim Jockel
Am 25. Mai 2009 um 10:11 Uhr
[...] . Programm bitte selbst einsehen . Ditto Bios – Portraits einiger Protagonisten ( f | m ) auch im Goldblog [...]
Am 26. Mai 2009 um 08:02 Uhr
Hello, Wirklich interessant. Kann gar nicht genug von Harry Potter bekommen.