Der Buchtrailer
Judith Hermann sagt jedenfalls nicht “Elliß” oder “Aliiß”, sondern “Aliße”, wenn sie über ihr neues Buch spricht. Das hört man auf der Homepage des Fischerverlages, bei dem “Alice” letzten Monat erschienen ist. Und weil die Verlage mit der Internetzeit gehen, kann man unter “Multimediales” aussuchen, wie man das Buch gerne vorgestellt bekommen möchte: a) mit einer Leseprobe, b) mit einer Hörprobe und c) mit einem Videotrailer.
c gehört zu den verzichtbarsten Marketingideen unserer Zeit. Buchtrailer versuchen, ein analoges Buch in etwas Kurzes, Animiertes, Digitales umzusetzen, sie wollen zum Lesen anregen, indem sie dem Leser das Visualisieren (vor)wegnehmen. Buchtrailer sind etwas unfassbar Unnötiges.
Bei “Alice”, die man, wie man jetzt ja weiß, “Aliße” ausspricht, hat die Visualisierung offensichtlich Probleme gemacht. Was nicht weiter verwunderlich ist, das ist ja eben der Grundfehler von Buchtrailern, dass sie versuchen, etwas zusammenzuschneiden, das nicht da ist.
Judith Hermann liest, mit ihrer immer noch genauso wunderbar lakonisch unbetonten Art, und wenn sie sagt “Sie nahm die Autobahnabfahrt” sieht man verwackelte Bilder einer Autobahn, die aussehen, als hätte ein Familienvater auf dem Beifahrersitz das erste Mal die Handkamera eingeschaltet. Wenn sie liest “dann gingen die Berge auf und gaben den Blick auf den See frei”, sieht man einen verwackelten See und hört Geräusche, die klingen, als habe man sie im Schwimmbad um die Ecke vom Fischer Verlag aufgenommen. Und wenn Judith Hermann liest “Er hielt auch das Lenkrad anders, (..) lässiger, lenkte nur noch mit der Linken…”, dann sieht man eine haarige Männerhand am Steuer, immerhin eine linke.
Es muss eine sehr frustrierende Tätigkeit sein, Buchtrailer zu schneiden.
Aber dann entdeckt man plötzlich etwas, das so simpel wie faszinierend ist. Der Buchtrailer von “Alice” hat nämlich, vermutlich eher aus Verlegenheit heraus, die Worte selbst in Szene gesetzt. Wenn man nicht weiterwusste mit der Bebilderung, hat man einfach die Sätze selbst gezeigt. Während Judith Hermann sagt “sagte der Rumäne und lachte” kann man “sagte der Rumäne und lachte” auf dem Bildschirm mitlesen, und weil das allein zu langweilig gewesen wäre, hat man das Wort “lachte” animiert, es hüpft von oben nach unten, als würde es eben lachen. Es ist sowas wie ein Lautbild, nur umgekehrt. Der Signifikant wird hier, hüpfend, selbst zum Signifikat. Und so geht es weiter (es ist wirklich faszinierend) wenn es heißt “dann gingen die Berge auf” teilt sich das Wort “Berge” in zwei Hälften, in “Ber ge”. “Rechts Zypressen” erscheint auf der rechten Seites, “Links der See” entsprechend auf der linken. Und “gereizt” färbt sich plötzlich rot und beginnt zu beben.
Wirklich konsequent und mutig wäre es gewesen, wenn man den Audiostream weggelassen hätte, den hat man ja schon in der Hörprobe, und die Buchstaben wieder für stehen gelassen hätte, als animierte Leseprobe, als neues Genre: Das inszenierte Buch.
Das inszenierte Buch ist wunderbar geeignet für Verlagswebseiten UND fürs Ebook. Tolle Vorstellung. Wenn man “Er hüpft” liest, springen die beiden Wörter wie ein Flummi, “sie flog in den Urlaub” würde von links auf dem Bildschirm einfliegen, und wie im Judith Hermann-Videotrailer könnte der Bildschirm kurz schwarz werden, wenn man an eine Stelle mit einem Tunnel kommt. Unendliche Möglichkeiten tun sich auf. Man denke nur an die Sätze “das Kind überschlug sich” oder “dann fiel sie in die Gletscherspalte” oder, noch besser “sie fielen übereinander her”.
Ein Theater der Buchstaben. Eine Inszenierung mit den Wörtern. Klassisch und modern gleichzeitig. Ein neuer Beruf für all die arbeitslosen Linguisten, Germanisten und sonstigen Geisteswissenschaftler, die “was mit Medien” machen wollten.
Und was machen Sie beruflich? Ich bin Wortregisseur.
Am 11. Juni 2009 um 11:33 Uhr
Ich glaube, die das machen sind zu jung, um sich an konkrete Poesie zu erinnern. Vermutlich kann man es auch nur 3,5 mal machen, bevor die Idee alt wird. Allerdings waere eine filmische Umsetzung von Finnegans Wake mit aehnlichen Mitteln ganz lustig…oder wenigstens vom ersten Kapitel, alles andere waere ein bisschen arg maso.
Am 15. Juni 2009 um 21:35 Uhr
[...] entnommen sind mit dem Namen SIBL (Songs inspired by Literature). (Was mich so ein bisschen an den Post von Anne-Dore mit Büchern und Filmen [...]
Am 19. Juni 2009 um 10:58 Uhr
[...] eine Beitrag von goldmag.de zu diesem [...]
Am 24. Juni 2009 um 09:04 Uhr
Der Roman ist einer der peinlichsten Romane die ich immer wieder zur großen Freude meiner eigenen Mittelmäßigkeit in gewissen Abständen aus dem Buchregal eines Buchladens nehme und lese, die Dialoge sind dermassen kläglich, dass man sich davon immerzu inspirieren lassen möchte.
So etwas schlechtes würde man in Russland und anderen Ländern lange suchen müssen..
Am 26. Juni 2009 um 11:57 Uhr
Das ist mal eine Behauptung! Da würde mich interessieren, warum man so etwas in Russland und anderen Ländern lange suchen müsste: weil es dort keine schlechten/peinlichen Bücher gibt? Und wenn ja, warum wäre das so?
Am 5. Juli 2009 um 06:07 Uhr
[...] bietet der Buchtrailer mehr als herkömmliche Werbung ? – Wir wissen nun , dass Judith Hermann die Protagonistin ihres [...]