26 Jun

Roman+1

Von Hannes Bajohr

Keith Gessens Buch All the sad young literary men ist nicht herablassend, aber kokett
Keith Gessen: All The Sad Young Literary Men Junge studierte Männer sind komisch, albern und pathetisch, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, und ein Buch über diesen Typus zu schreiben, stellt den Autor vor die Herausforderung, um Sympathie für seine Figuren zu werben, ohne ihre notwendig komischen, albernen und pathetischen Gedanken und Ambitionen allzu ernst zu nehmen, sonst wird daraus ein komisches, albernes und pathetisches Buch. Verlacht er sie nur und stellt sie bloß, kann man sich die Lektüre ohnehin gleich sparen: zum Blamieren bräuchten die nämlich keine Hilfe.

Keith Gessen beschreibt in All the sad young literary men gleich drei traurige, junge Literaten: Sie haben Abschlüsse aus Harvard, Yale, oder Princeton, sind ambitioniert und tatendurstig und vielleicht ein bisschen zu sehr von der Erwartung zukünftigen Ruhms besessen. Und es passiert – nichts. Keine große Karriere hebt ab, stattdessen mäandert ihr Leben zwischen Gelegenheitsarbeiten und Beziehungskatastrophen. Da ist Sam: Erst ein potentieller Schriftsteller, der den »Großen Zionistischen Roman« schreiben will, und bald nur noch ein ehemaliger potentieller Schriftsteller, einer, der es versäumt hat, eine mögliche große Zukunft wahr werden zu lassen und dessen Talent sich im Rearrangieren von Excel-Tabellen vergeudet. Dann gibt es Mark, der eine Dissertation über die Menschewiki schreibt und sich die meiste Zeit auch wie einer fühlt, seine frühe Scheidung mit erfolglosem Internet-Dating zu bewältigen versucht und durch das nächtliche Syracuse fährt, das sterbenslangweilig ist und trotzdem hochgefährlich. Und da ist Keith Gessen, jedenfalls eine Figur, die Keith Gessen heißt, der sich sein Geld als Umzugshelfer verdient, zwar brillant ist, aber doch nicht viel anzufangen weiß mit sich und seinem neuerworbenen Abschluss. Die drei machen »odd jobs« und arbeiten als »temps«, nichts wird aus ihnen und die strahlende Zukunft, die sie sich ausmalten, als sie einen Studentenkredit aufnahmen und sich an den Ivy-League-Colleges einschrieben, ist schon verblasst, bevor sie dreißig sind. Die ständige Erwartung und die ständige Enttäuschung wird unterbrochen von Küchentischdebatten über den Zionismus und die Situation der Linken in Amerika.

Nicht ganz tragisch

Keith Gessen: All die traurigen jungen DichterKeith bleibt dabei am meisten im Hintergrund und kommt daher auch am besten weg: Er ist so etwas wie der reflektierende Erzähler, der die Fäden der einzelnen Erzählstränge ordnet. Denn es gibt nicht einen, sondern eigentlich drei Romane, die in einzelne Kapitel aufgebrochen sind: Im Wechsel widmen sie sich einem der drei traurigen jungen Männer, die zwar alle miteinander befreundet sind, aber wie sie zueinander stehen, ist nie ganz auszumachen. Wichtig scheint es aber auch nicht zu sein, ein Typ soll vorgestellt werden: Der ehemalige Vielversprechende, nicht mehr ganz jung, noch nicht alt, irgendwie zu weich sich durchzusetzen, aber starrköpfig genug, sich in die falschen Unternehmungen zu verbeissen und sich für die falschen Beziehungen zu entscheiden. Das ist alles irgendwie unschön, manchmal sogar traurig, aber eben nicht so sehr, um wirklich tragisch zu sein: Kleine Niederlagen, aber nie der komplette Ruin. Und ein bisschen wird auch alles wieder gut: Am Ende fährt Sam doch nach Israel und sieht die Westbank, Mark ist auf dem Weg zur Verteidigung seiner Dissertation und Keith ist werdender Vater. Wie schön.

Stellenweise ist das Buch sehr gut. Das Kapitel über Sam in Palästina ist zum Beispiel in sich überaus gelungen und konfrontiert das Selbstmitleid, in dem sich alle drei Figuren ein wenig zu oft suhlen, mit einer Realität, die ihren Egoismus plötzlich klein erscheinen lässt und eine glaubhafte persönliche Entwicklung anstößt. Dennoch: Überragend ist das Buch nicht, dazu fehlt ihm der formale Wagemut und, was schwerer wiegt, die Fähigkeit, wirklich zu fesseln. Auch wenn es einem, ist man selbst ein studierter junger Mann, leicht fiele, sich mit den Figuren zu identifizieren, kommt man ihnen doch nie wirklich nahe, eben weil die Momente der Selbsterkenntnis zu rar gesät sind. Die Gründe jedenfalls, die Jonathan Franzen veranlasst haben, es auf dem Umschlag so enthusiastisch zu loben, sind sicher sein ganz persönliches Geheimnis. Weiß man aber um den Hintergrund des Autors und entdeckt man die kaum versteckten Anspielungen, die den Roman durchziehen, dann stößt einem das moderat versöhnliche Ende sauer auf: Denn die Geschichte von Keith Gessen, der Figur, endet kurz bevor Keith Gessen, der Autor, zusammen mit drei Freunden die Zeitschrift n+1 gründet, die schon mit seiner ersten Ausgabe als die Rettung der amerikanischen Essaykunst gefeiert wurde; eine Auswahlübersetzung der Essays erschien letztes Jahr bei Suhrkamp. Und Gessen ist nicht der erste der n+1-Schreiber, der einen Roman veröffentlicht: Das Debüt seines Redaktionskollegen Benjamin Kunkel, Unentschlossen, wurde 2005 ein kleiner Bestseller. Erfolglos und deprimierend scheint das alles nicht.

Literarische Cross-Promotion

Das n+1-Umfeld taucht oft auf im Roman, und das nur halb verschleiert. Die Figuren gleichen in ihren Lebensläufen allzu sehr Gessens Mitstreitern und die Bezüge auf Lieblingsfeinde von n+1 sind allzu deutlich. »Selbstreferentiell« heißt das wohl, aber »eitel« träfe es eher. Gessen, scheint es, hat den Bekenntnisroman eines intellektuellen Klubs fabrizieren wollen. So gesehen hat er weniger eine »coming of age«-Geschichte geschrieben oder eine sensible Darstellung spätadoleszenter Krisen und Selbstzweifel, sondern eher ein Supplement zu seiner Zeitschrift.

Das alles muss man natürlich nicht berücksichtigen, wenn man das Buch liest und einem Leser in Deutschland wird der Hintergrund wohl auch eher egal sein. Ohne diesen Hintergrund ist es aber nur mäßig unterhaltsam, mit ihm ärgerlich kokett. Gessen beschreibt die jungen, studierten Männer weder pathetisch noch herablassend. Er betreibt eine Art literarische Cross-Promotion – und das ist genauso unangenehm.

All the sad young literary men erscheint im August 2009 in einer Übersetzung von Stephan Kleiner als All die traurigen jungen Dichter im Dumont Buchverlag, Köln.

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