Das Frugos-Gotherp-Phänomen
Wer keine Bücher liest, kennt es nicht. Auch nicht, wer sie nur ausleiht, bei Freunden oder aus Bibliotheken. Oder sie, das soll es geben, nach der Lektüre gar wegschmeißt. Man muss schon Bücher sammeln, um in den Genuss des Frugos-Gotherp-Phänomens zu kommen. Und man sollte sie in Regalen lagern, nicht wild verteilt auf dem Fußboden, in dunklen Kisten oder in der Garage. Dann nämlich, auf Augenhöhe mit seinen Büchern, kann es vorkommen, dass sie mit einem zu sprechen anfangen und Geschichten erzählen, die gar nicht in ihnen stehen, und Figuren erfinden, die es noch nicht gibt. Zum Beispiel Frugos Gotherp.
Den entdeckte ich, als ich vor einiger Zeit dumpf und klumsig in mein Bücherregal starrte, auf die Rücken des Brockhaus. Auf jedem der dreißig Bände stehen sechs oder sieben Buchstaben: die ersten zeigen an, womit der Band beginnt, und die letzen, womit er endet. Wenn man diese Buchstaben der Reihe nach abliest, kommt viel Unsinn heraus. Aber die Perlen Sinn, die dann plötzlich aufblinken, sind umso strahlender. Und das waren bei mir eben Band 7 (»FRU-GOS«) und Band 8 (»GOT-HERP«). Frugos Gotherp! Das, dachte ich, klingt nach was! Nach einem pietistischen Mottetenkomponisten vielleicht, nach einem spätaufklärerischen Aphoristiker oder einem in frühe Vergessenheit geratenen Mitvordenker der Anthroposophie. Welten taten sich mir auf mit der bloßen Entdeckung dieses Namens. Und es gab noch mehr: Frugos bekam Gesellschaft von Itkip Kirlag, aus den Bänden 11 und 12 geboren, der an einen weisen Inuithäuptling gemahnte. Und Nosper Pesrac trat auf, wohnhaft in Band 16 und 17, mit der ganzen moralischen Kraft eines ergrauten tschechoslowakischen Satirikers.
Ich spielte noch ein bisschen mit den dreien, dann musste ich mich aber wieder harter Arbeit zuwenden und vergaß das Frugos-Gotherp-Phänomen. Bis ich auf die Seite von Nina Katchadourian stieß: Die kalifornische Künstlerin geht noch viel weiter als ich ungelenker Buchrücken-Demiurg und baut gleich aus ganzen Titeln verblüffende neue Geschichten. Sorted Books nennt sie diese Arrangements, für die sie private Bibliotheken oder öffentliche Sammlungen nach Büchern durchforstet, deren Rückbeschriftungen von ihr neu geordnet erstaunlich beredsam werden.
Das Bild oben zeigt ein Beispiel für so eine – in diesem Fall tragische – Kurzgeschichte aus sieben Büchern: »A day at the beach« — »The Bathers« — »Shark 1« — »Shark 2« — »Shark 3« — »Sudden Violence« — »Silence«. Vor solchen Begegnungen möchte ich Frugos Gotherp natürlich lieber bewahren.