29 Jul

Etwas sehr kleines

Von goldmag

Eine Gast-Observation von Jasper Nicolaisen

Alle sprechen immer vom Mars. Gerade jetzt, wo Mondjubiläum ist. Aber es gibt viel kleinere Planeten. Sie sind näher dran. Sozusagen unter uns. Und spannender sind sie auch. Leider sieht sie aber niemand. Die Politik versagt! Und die Wissenschaft! Jetzt, wo bald wieder Wahl ist, können wir auf die nächste Legislaturperiode warten. Jetzt passiert sowieso nichts mehr. Dabei gibt es auf diesen kleinen Planeten alles. Gold, Edelsteine. Überreste jahrmillionenalter Alienkulturen, an denen man mit Zahnbürsten rumkratzen kann. Bier. Schnaps.

Hier ist ein Bewohner dieser sehr kleinen Planeten, ein Reisender, ein Forscher, ein Kara ben Nemsi der Mikroplanetenszene. Er heißt Girx. Das ist dort ein ganz normaler Name, wie hier Frank-Walter Steindingens, Girx gibt uns ein Interview. Er beißt dem Interviewer den Kopf ab und verknuspert die Kamera. Das ist dort ein ganz normales Verhalten, wie hier Lächeln und Auskunft geben. Girx ist sehr klein. Es wird noch Milliarden Jahre dauern, bis er den Interviewer gefressen hat. Und das Universum ist schon längst verglüht und verschrumpelt, dann wird er immer noch auf der Kamera rumkauen. Sie sind schon sehr anders, diese Wesen von den kleinen Planeten.

Der Interviewer merkt gar nicht, wie ihm der Kopf abgebissen wird. Die Kamera zeigt keinerlei Bisspuren. Der Interviewer ärgert sich. Da ist er extra hierher gefahren, an den Arsch der Welt, und was, wo die S-Bahnen im Chaos dahintaumeln. Oder eben nicht taumeln, sondern stehen. Und dann kommt er nicht, dieser Mikroaußerirdische. Überhaupt, Girx, was ist denn das für ein Name! Klingt ausgedacht. Es ist ein Witz, wird ihm klar, ein Scherz, ein practical joke, vielen Dank auch, liebe Kollegen. Er packt die Kamera wieder ein und lässt sich noch ein Bier auf die Spesenrechung setzen. Dann fährt er nach Hause.

Und guckt Fernsehen und beschwert sich bei seiner Frau, dass die Kollegen ihn reingelegt haben. Und dann zwängen sie sich in Ganzkörper-Gummianzüge und starren sich von gegenüberliegenden Ecken des Raumes aus an, bis es ihnen kommt. Und dann waschen sie gemeinsam die Gummianzüge aus und sehen sich liebevoll an. Es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, mit denen man so einträchtig Gummianzüge auswaschen kann, das ist ein spezieller Reiz, der sich nicht jedem erschließt. Wie gut, dass sie sich gefunden haben!  Dann schlafen sie und träumen beiden den gleichen Traum.

Sie träumen beide, dass sie immer höher fliegen, bis unter ihnen alles ganz klein wird. Ganz klein, so klein wie eine Spielzeuglandschaft, wie ein Hefepilz in einem farbstichigen Bio-Lehrfilm. Das war früher in der neunten Klasse und beide träumen, dass sie Lore Landgräber auf den Rückenausschnitt starren. Am Rand des Ausschnitts ist ein silberner Gummizug, der ins gerötete Fleisch schneidet, und im Schatten dieses schneidenden Gummizugs, da ist irgendwas, aber das Licht, das von der Leinwand und dem Lehrfilm über den Hefepilz auf Lores Rücken fällt, reicht nicht aus, um es zu erkennen. Dann fällt ihnen beiden ein, dass genau so das Sonnenlicht vom Mond reflektiert wird, und dass ein Hefepilz zwar klein ist, aber dort vorne an der Leinwand riesengroß erscheint, viel größer als selbst das, was an der Vorderseite von Lore Landgräber dran ist, die man jetzt nicht sehen kann, die völlig vom Dunkel verschluckt wird, weil die ganze kleine Welt des Klassenzimmers von diesem Hefepilz und seinem Licht dominiert wird. Und dann wachen sie schweißgebadet auf.

Und während dieser ganzen Zeit hört man, wie Girx am Kopf des Interviewers und an der Kamera herumnagt. Natürlich nur, wenn man sehr feine Ohren hat. Aber es ist nicht unmöglich! Der Interviewer wird es nie bemerken, dass er vom reisenden Tausendsassa der Miniplanetenwelt langsam aufgefressen wird. Ganz schön unheimlich, wenn man´s recht bedenkt. Aber man kann ihnen nicht böse sein, den Menschen von den Miniplaneten. Sie sind nicht wie wir, man darf sie nicht mit unseren Maßstäben messen. Man muss auf Toleranz und Austausch setzen. Also zum Beispiel nicht einfach ihnen auch den Kopf abbeißen. Man muss stattdessen anderen Menschen den Kopf abbeißen und laut sagen: Wir sind doch gar nicht so verschieden, wir können doch Freunde sein.

Aber das wird in dieser Legislaturperiode nicht mehr passieren. Auf dem Mars gibt es nur Staub und ein riesiges Gesicht aus Fels. Es sagt nie etwas, es beobachtet nur. Niemand weiß was. Hier ein Tipp: Es wird nur indirekt beleuchtet und es ist etwas sehr kleines. Das große Gesicht möchte weinen, aber es kann nicht. Es ist auch zu trocken auf dem Mars.

Nicht immer nur auf die Politik warten. Nicht immer nur zurücklehnen und auf diedaoben warten. Bürgergesellschaftliches Engagement ist gefragt. Ehrenamt. Jeder hat jetzt eins. Spaß und Verantwortung in einem heißt der Trend.

Weinen wir also für das große Gesicht auf dem Mars. Eine Träne nur, aber sie kann einen sehr großen Unterschied machen! Wenn viele kleine Menschen auf vielen kleinen Planeten viele kleine Dinge tun, dann können wir alle vielleicht doch noch was wegfressen, bevor das Universum verglüht und verschrumpelt, wie immer bei diesen Zeitrafferaufnahmen von Schleimpilzen.

4 Reaktionen zu “Etwas sehr kleines”

  1. Herr Nicolaisen und etwas sehr kleines « Schlotzen&Kloben

    [...] Goldmag sind einige zeitgemäße Betrachtungen von Herrn Nicolaisen erschienen, die unter anderem das Mondjubiläum, Mini-Planeten und die Behinderung kritischen [...]

  2. Peter

    Aha.

  3. Etwas sehr kleines « fRemade

    [...] …gibt´s momentan beim Goldmag zu lesen. [...]

  4. Jasper

    Genau.

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