Kreuzberger Karma
Ein Gastbeitrag von Kati Sprung
„Haste mal ’ne Kippe für mich?“
Ich sitze auf einer Bank am Kanalufer. Auf dem Schiff gegenüber wird eine Hochzeit vorbereitet. „Weine nicht, kleine Eva“ schallt es aus den Lautsprechern. Die Frau fragt oft nach Zigaretten und Geld. Ein bisschen verwahrlost sieht sie aus. Ihr Haar ist grau und strähnig, sie trägt viele Ketten und hatte früher bestimmt eine schöne Haut. Ich halte ihr den Tabakbeutel hin, sie dreht sich zittrig eine Zigarette.
„Na, ich setz mich mal ’ne Weile zu dir. Ich bin total neben der Kappe heute. Eben war da so ein Pärchen, die waren echt schlimm zu mir. Ich frag die, ob sie was für mich haben, aber der Mann hat mich nur beschimpft. Ich sag ‚Peace’ und ‚Freedom’, aber das hat der gar nicht kapiert und mir ‚Schlampe’ hinterher gerufen. Manche Leute sind echt nicht nett.“
Das finde ich allerdings auch und nicke bedauernd.
„Ich bin gerade nicht gut drauf. Ich bin obdachlos und die Wohnung, wo ich gerade bleibe, ist ganz schrecklich, immer läuft der Fernseher, da kann ich mich nicht entspannen. Mein Exfreund hat mich rausgeschmissen. Und beklaut hat der mich auch. Mir sind schon verrückte Sachen passiert im Leben. Auch viel Schönes. Manchmal hab ich auch gute Tage, aber heute nicht. Was machst du denn? Lernst du? Gehst du noch zur Schule?“
Ihre Augen tränen stark und sie scheint nicht mehr allzu viele Zähne zu haben.
„Nee, ich arbeite, aber jetzt gerade schreibe ich Tagebuch“, sage ich.
„Ach, Tagebücher hatte ich auch mal. Aber die hat alle mein Exfreund weggeschmissen. Meine Bücher auch. Früher hab ich noch gemalt. Aber jetzt mit meinen Augen, ich kann nicht mehr so gut sehen. Eigentlich muss ich zum Augenarzt. Aber der macht immer so früh zu, und dann schaffe ich es nicht hinzugehen. Weißt du, momentan lebe ich vom Betteln, und da schäme ich mich auch nicht für. Die Klamotten, die ich anhab, alles Spenden. Aber eine Sache würde ich nie machen.“ Sie sieht mich beschwörend an. „Klauen. Das würde ich nie tun.“
„Das ist gut“, sage ich, „guck mal, da ist eine Hochzeit.“
Ich zeige auf die herzförmigen Luftballons, die gerade am Schiff befestigt werden. Sie guckt skeptisch, vielleicht kann sie auch nicht viel erkennen.
„Du bist wohl eine Romantikerin. Na, ich auch. Ich war ja mal Hippie. Also, nicht so auf Droge, sondern richtig. Der Jimi Hendrix, der wäre jetzt so alt wie ich. Vorhin war da noch so einer, der fragt mich ‚Soll ich dir ein bisschen Liebe geben?’. Ich wusste nicht, was will der jetzt, mich umarmen oder was? Wollt ich aber nicht. Da bin ich einfach weggegangen. Sach mal, glaubst du an Karma?“
„Vielleicht“, sage ich unentschlossen.
„Ich war bei einer Auraleserin. Die hat gesagt, manche sind schon weit im Leben, müssen aber immer wieder von vorne anfangen. Jetzt geht es mir nicht gut, aber ich glaub, das wird auch wieder besser. Ich weiß ja, was wichtig ist. Gute Ernährung. Und Meditation ist auch wichtig, aber manchmal, wenn man weiß, wie es geht,…“
„…ist es schwer, es auch zu tun?“, frage ich.
„Ja, genau. Ich geh jetzt zum Markt. Da hab ich manche, die geben mir was zu essen. Einer gibt mir sogar Biobrot. Ich bin ja Vegetarierin. Da ist es manchmal schwer mit dem Essen. Es gibt schon viele Orte in Berlin, wo man hingehen kann, aber natürlich nicht für Vegetarier. Ich weiß schon viel über Ernährung. Makrobiotikerin war ich auch mal. Wenn ich eine eigene Wohnung hätte, wo ich kochen könnte, dann würde ich wieder werden. Wie spät isses denn? Beim Markt komme ich manchmal zu früh, manchmal zu spät und manchmal gerade richtig.“
„Ja, so ist das wohl im Leben“, sage ich, „es ist jetzt kurz nach sechs.“
Die ersten Hochzeitsgäste versammeln sich am Schiff.
„Du bist freundlich“, sagt sie und tätschelt mir die Wange, „nicht so wie der vorhin. Jetzt geht’s mir wieder besser. Na, ich lass dich jetzt mal.“
Dann steht sie auf und schlurft los. Nach ein paar Metern dreht sie sich noch einmal um, lacht leise und macht das Friedenszeichen.
Am 16. Juli 2009 um 22:23 Uhr
Wunderschön, das gefällt mir wirklich, vor allem die Stelle mit der Makrobiotik!
Mit guter Ernährung und etwas Meditation werden wir alles in Ordnung bringen – super, mach mal so weiter!