Mein Vorbild: Reiner Speck
Portrait eines Kölner Sammlers, wie es nur wenige gibt
Vor Tagen las ich in der Zeitung über Reiner Speck. Seitdem geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Schon die Fotografie (die wir nebenstehend reproduziert haben) hatte es mir angetan. Dr. Speck, in einem karierten Sakko, sitzt in einer geräumigen Bibliothek (nicht auf dem Bild), in einem Leder-Fauteuil. Die rechte Hand in einem Buch. Zu seinen Füßen: ein großer Dobermann/ Dogge/ Gefährlicher Schlosshund (da kenne ich mich nicht so aus). Beide blicken lässig, Speck aber auch irgendwie unsicher in die Kamera (der Hund an ihr vorbei, vielleicht auf eine Wurst). Specks Augen sind, auf diesem Foto, bemerkenswert schwarz, und er trägt einen Schnurrbart wie Marcel Proust. Und das ist kein Zufall. Speck ist Sammler — Sammler und Publizist. “Gleich zwei Traumberufe”, dachte ich mir.
Reiner Specks Bibliothek, soweit auf dem Foto zu sehen (bzw. auf unserer Reproduktion leider nicht zu sehen — wir müssen sie uns vorstellen), enthält große Bildbände, edel gebundene Prachtausgaben und großformatige Gesammelte Werke, bis unter die Decke. Vor allem birgt sie noch zwei Unter-Bibliotheken, die zugleich, wie ich gelesen habe, ihre “Herzkammern” sind. Deshalb tragen sie auch eigene Namen: die Bibliotheca Proustiana und die Bibliotheca Petrarchesca Reiner Speck. Sie enthalten Seltenes vom italienischen Dichter Francesco Petrarca und Handschriften des französischen Kollegen Proust. Von Petrarca besitzt Speck “illuminierte Handschriften, köstliche Drucke” sowie “Ausgaben berühmter Vorbesitzer”. Von Proust, so las ich, “verwahrt Speck mit über 80 Briefen des Autors an Tout Paris die größte Autografen-Privatsammlung weltweit”. 1982 gründete Speck zudem die Marcel-Proust-Gesellschaft und waltet seitdem als ihr missionarischer Vorsitzender. Zum Ausgleich vielleicht für den Proust-Schnurrbart enthält Specks Autokennzeichen die Ziffern “1304” — Petrarcas Geburtsjahr. Außerdem plant Speck eine “Dr. Speck Literaturstiftung”, die den idiosynkratischen Ideen anderer Sammler bald ein gemeinsames Dach über dem Kopf bieten könnte.
Seit Wochen schon ist Reiner Speck mein Vorbild. Aber wer ist eigentlich Reiner Speck? Und mehr noch: Wie wird man Reiner Speck? (Ein “Global Collector”, wie man heutzutage wohl sagt.) Wie vieles weiß ich nicht über ihn. Zuviel. Hätte ich doch Medizin studieren sollen, um als Arzt praktizieren zu können, wie Speck es tat? Wie sieht der Alltag eines Sammlers und Publizisten aus? Surft Reiner Speck im Internet? Wie kann man seine Berufe erlernen? Geht Reiner Speck in die Disco? Oder nur ins Antiquariat? Ist es blasphemisch, das zu fragen? Vielleicht blödelt er ja auch gerne mit seinen Freunden im Park? (Sicher kennt er dieses Foto.) Wie kommt man an eine weltweit größte private Autographen-Sammlung? Wie heißt sein Hund, und welche Rasse ist das genau? (Vielleicht braucht er ihn zur Bewachung der Sammlung?) Wie unterscheidet sich der Reiz einer Prachtausgabe von dem einer Ausgabe mit berühmten Vorbesitzern? Und wie überbrückt man 600 Jahre zwischen Petrarca und Proust? Ob Petrarca eifersüchtig ist, weil Speck mit Proust-Gesellschaft und Oberlippenbart den Franzosen sichtlich bevorzugt? Hat Reiner Speck einige Bücher übrig, die er nicht mehr braucht? Darf ich die vielleicht haben? Kann man ihn irgendwo kennen lernen?
Die wichtigen Fragen an Reiner Speck wurden, so scheint mir, noch nicht gestellt. Sie werden mich weiter quälen.
Zeichnung: N. Preuschoff
Am 22. Juli 2009 um 10:00 Uhr
Ich habe einen Verdacht:
Der Buchstabe “P” war auf Augenhöhe und zwischen Petrarca und Proust haben ihm die Einbände nicht gefallen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Autoren/P#Pa
Am 22. Juli 2009 um 20:47 Uhr
Vielleicht wollte er einfach den größtmöglichen Abstand zwischen Beruf und Humoristik seines Namens herstellen. (So wie Gerwald Rockenschaub, Bazon Brock, Frowalte Pilz, et al.: http://www.pipin11.de/fn/Pizza.html)
Am 31. Juli 2009 um 17:13 Uhr
Tipp: Einfach wie wild lossammeln! Wenn die Bude voll ist, kommen die Zeitungsleute angerannt. Die wollen immer Themen. “Hier ist ein Mann mit Hund, der seine ganze Wohnung vollgesammelt hat” – Superthema!
Am 2. August 2009 um 15:07 Uhr
Na, man will aber auch nicht irgendwas sammeln. Keksdosen und Überraschungseifigurinen werden einem, wenn man die Wohnung voll davon hat, eher Häme als Bewunderung bescheren. Briefmarken bringen es eh nicht, zu bräsig und bekannt. Also entweder was ganzdoll Prestigeträchtiges wie Petrarciana oder was Wildes. Ich denke da an Landminen (wozu man sich dann Landminenvitrinen kaufen kann) oder Wale.