01 Jul

Nichts als Lesergespenster

Von Anne-Dore

Der Berliner Autor Giwi Margwelaschwili las aus “Der Kantakt”

g_margwelaschwili_swEr beugt sich beim Lesen nach vorne und stützt sich mit den Ellbogen ab, als würde der schwere Stoff auch auf seinen Schultern liegen. “Der Kantakt”, sein jüngstes Buch, ist 800 Seiten dick, ein Wackerstein in zartgrünem Einband, der sich da vor ihm auf der Tischplatte erhebt. Ein Monument wie sein Autor.

Giwi Margwelaschwili, der Sohn eines georgischen Intellektuellen, hat 18 Jahre in Berlin gewohnt, dann wurde er vom Sowjetischen Geheimdienst nach Tiflis verschleppt. Nach über vier Jahrzehnten zog er wieder zurück in seine Sprachheimat. Margwelaschwili ist jetzt 81 Jahre alt, er wohnt im Wedding, und als er das erste Mal im Club Monarch am Kottbusser Tor stand, in dieser raumgewordenen Definition des Wortes “trashig”, hat er gesagt: “Tollen Jazzclub habt ihr hier”.

Der Monarch, wo der Verbrecher Verlag seine Autoren lesen läßt, ist sonst ein Ort, an dem man auf Augenhöhe mit der U1 Bier trinkt und an dem sich am Wochenende das Underground-Partyvolk herumdrückt. An diesem schwülen Dienstagabend liest Margwelaschwili aus “Der Kantakt”, seinem Metabuch zu “Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte”, das er während seiner Zeit als Rheinsberger Stadtschreiber begann. Margwelaschwili dringt buchstäblich in Kurt Tucholskys Buchwelt ein, er versucht, Kontakt aufzunehmen zu den Hauptfiguren Clairchen und Wölfchen.

Der Gedanke, dass man als Leser in das Schicksal von Buchmenschen eingreifen kann, zieht sich durch Margwelaschwilis Werk, er hat das schon mit Geschichten aus dem Alten Testament gemacht, mit Hannibal Lecter, mit Harry Potter.

Auf der Skalitzer Straße rauschen die Autos und rattert die U-Bahn, ein Flaschensammler hebt eilig eine Pfandflasche neben den Glascontainern auf. Drinnen vermischen sich Leser- und Buchwelten, Margwelaschwili steigt immer weiter in sein Buch ein: Er, der Lesergeist, verwandelt sich in einen “verlesestofflichten Realgeist”, während es draußen zu regnen beginnt.

Im Monarch wird die Luft stickiger und die semantische Dichte höher, Margwelaschwili hat die Hauptfiguren erreicht und versucht ihnen klarzumachen: Der Leselebensstrom geht im Kreis herum! Er klopft mit dem Zeigefinger auf das Buch. Über den Hochhäusern zucken jetzt Blitze, die Menschen auf der Straße versuchen unter dem Regen durchzurennen.

Irgendwann schaut er auf. Legt den Kopf leicht in den Nacken und lacht. “Sind Sie mitgegangen?” prustet er und schaut in die Gesichter, als versuche er darin zu erkennen, wie weit ihm das Publikum in die Buchweltbezirke gefolgt ist. Erst jetzt, als er sein eigenes Buch wieder verläßt und sich vom Lesergeist wieder in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt, und als ihm der Verleger per Handzeichen zu verstehen gegeben hat, dass zwei Stunden Lesung genug sind, nimmt er einen Schluck von seinem Glas Rotwein.

Eine Reaktion zu “Nichts als Lesergespenster”

  1. goldmag.de » Blog Archiv » Heute, am schönen Tag namens 09.09.09

    [...] Giwi Margwelaschwili ist dabei und liest aus „Der Kantakt“ (16. [...]

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