Schrumpfschreib
In den Zwanzigerjahren wettete der junge Journalist und Schriftsteller Ernest Hemingway um zehn Dollar, dass er eine Kurzgeschichte mit nur sechs Worten schreiben konnte. Der Text, mit dem er die Wette gewann, ging so:
„For sale: baby shoes, never worn.”
Im November 2006 griff das amerikanische Magazin Wired diese Idee auf und ließ 35 Autoren in ebenfalls nur sechs Worten eine Science-Fiction-Geschichte schreiben.
Diese Sorte von Kürzestprosa hat, wenn nicht gerade von Magazinen eingefordert, ein gewisses Problem, veröffentlicht zu werden. Für ein Buch viel zu kurz, für eine Anthologie irgendwie auch: Wer druckt schon ganze Bücher mit Texten, die noch kürzer sind als Haikus? Jetzt, fast neunzig Jahre nachdem Hemingway seine Wette gewann, scheint es, ist das Medium für Literatur dieser Art geschaffen: Twitter.
Hemingways Kurzgeschichte besteht aus 33 Zeichen. Das ist nur wenig mehr als ein Viertel der Zeichen, die ein Feed auf Twitter, ein so genannter Tweed, umfassen kann. Die Twitteratur, begrenzt auf 140 Zeichen, ist die neue Lyrik. Bemerkt hat das die Kulturredaktion des Freitag. Sie hat fünf Genres von Twitteratur vorgestellt und die Mitglieder der Freitag-Community eingeladen, ihren Kurzroman per Kommentarfunktion zu hinterlassen. Meine zehn Lieblingswerke „geballter Belletristik” (der Freitag) aus und unter dem Artikel habe ich hier gesammelt. Ich bin sicher, auch Hemingway wäre begeistert.
Der symbolistische Roman:
Die wichtigsten Sätze werden im Spaß gesagt, dachte Ernst und beschloss zu schweigen. Als er aufhörte, hatte keiner mehr etwas zu lachen. (136 Zeichen, aus dem Artikel)
Thomas Bernhard feat. Rainald Goetz:
Twittern ist naturgemäß Dreck, Romanvernichtungsdreck, twitterst du, bist du hirntot, ganz klar, sagte er. (138 Zeichen, Michael Angele)
Der Twulysses:
Küss mich. Lass uns fort von hier. Es wäre besser als das. Her kiss was just a sigh. The years went bartleby. Belleville wollte lieber nicht (140 Zeichen, eifelpony)
Der Dialog:
“Sollen wir nun Twittern oder Essen?” “Was hast du denn gemacht?” “Buchstabensuppe.” (82 Zeichen, Titta)
Der maritime Genderroman:
Er wankte wie ein Schiff auf hoher See. Nur mühsam konnte der Leichtmatrose der üppigen Blondine folgen. Sie war ein Mann im besten Alter. (138 Zeichen, Jan Kaspar Kosok)
Der Urlaubskrimi:
“Hände hoch”, schrie Ringo drohend. Kalle gehorchte, während ihm der kalte Schweiss den Rücken hinunterlief. Er hasste Jazzdance. (129 Zeichen, Anna Dorothea)
Das Schreiben übers Schreiben:
Vor ihm lag wartend das leere Blatt Papier. Der erste Satz war äußerst wichtig. Schon allein, weil es der einzige blieb. (120 Zeichen, Friedland)
Das Provinzlexikon:
Sonnengebräunt durchschnitt er die Gartenschläuche des Nachbarn. “Kleingärtnerei habe ich nicht verdient” dachte Frühpensionär Gerhard S. (137 Zeichen, Jan Jasper Kosok)
Der Schundroman:
Yves trat an die Marmorbrüstung und wies auf die Palmenhaine zu seinen Füßen. „Alles meins”, sagte er. Angélique erbebte. Jean Clé (137 Zeichen, aus dem Artikel)
Die Parabel:
Als er vom Amt kam, war K. über und über mit schwarzen Stempeln bedeckt. Fortan hieß er nur “der Stempelmann”. (110 Zeichen, rheinelbe)
Am 21. Juli 2009 um 09:16 Uhr
[...] “Schrumpfschreib” ( = twitlit ) à la Hemmingway ( “For sale: baby shoes, never worn.” ) und via Twitter ( goldmag ) [...]