09 Jul

Seelenfänger

Von Nikolai Preuschoff

Schrecken des Alltags (2)

seelenbaum

Es war letzten Sommer, und es müssen wohl ähnlich schwüle Tage gewesen sein wie die heutigen, als sich mir beim Spazieren nahe des Urbanhafens plötzlich ein unheimlicher Anblick bot. Auch jetzt noch, ein Jahr später, weiß ich nicht, wie ich diese seltsamen Zeichen einordnen oder benennen soll, in deren Bannkreis ich geraten war. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer haben die besagte Stelle wohl einfach passiert, ohne sich Gedanken zu machen oder auch nur das Geringste bemerkt zu haben. Wer dagegen die Kronen der Bäume aufmerksamer betrachtete, wurde unweigerlich von einem sich plötzlich einstellenden Grauen erfasst.

Um mir jetzt den Schwindel, der mich damals beim Anblick der namenlosen Gegenstände überkam, die sich in den Ästen einer Buche direkt über mir ausbreiteten, vergegenwärtigen zu können, denke ich an Hitchcocks Technik des vertigo shot: Dabei fährt die Kamera auf ein Objekt zu, während sie gleichzeitig zurückzoomt — mit dem Ergebnis, dass alles um das fokussierte Objekt herum Schlieren bekommt und, wie auch der Standpunkt des Betrachters, schwindelig und unsicher wird.

08-baum-p1100063Genau so also musste es jedem ergehen, der nichtsahnend in die Äste dieses Baumes schaute. Denn dort waren, in regelmäßigen Abständen, sonderbare Gegenstände arrangiert und in eine grausige Konstellation gehängt: Kleidungsstücke, Puppenköpfe, Elektrogeräte, Damenschuhe — alles “baumelte” im wahrsten Sinne des Wortes dort in der Krone. (War es die Arbeit einer verlorenen Seele? Jedenfalls fehlte nur noch, dass man irgendwo in den Ästen eine geduckte Gestalt erblickt hätte, die gerade eine neue Schlinge knotete oder an irgendetwas nagte, das gerade noch in einem der Schuhe gesteckt hatte.)

Um so länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir jetzt, dass es eine geheime Ordnung, ein System hinter diesem Arrangement gegeben haben muss, von dem irgendeine Zauberwirkung ausgehen sollte. Wer weiß also, wie viele schlaflose Nächte voll dunkler Visionen die Mitarbeiter des Gartenamtes zu durchwachen hatten, die, vor Monaten — und sicher mit dem Auftrag, dem “Spuk ein Ende zu bereiten” — angerückt waren, um die Äste des Baumes von ihren Devotionalien zu befreien, sie einzeln abzubinden und dann alles in schwarzen Plastiksäcken zu verstauen. Und wer weiß schließlich, was jetzt, nachdem die Äste von allem befreit worden sind, noch immer, den Blicken entzogen, zu den Wurzeln vergraben liegt, wieviele der Zeit entrückte Dinge dort, am Ufer des Landwehrkanals, den geheimen Zauber aufrecht erhalten, ohne dass es jemand ahnte — und wie sollte er auch, jetzt, wo der Baum wieder aussieht wie jeder andere.

Fotos: N. Preuschoff

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2 Reaktionen zu “Seelenfänger”

  1. Kati

    Vielleicht ist es ein anderer Baum, aber die seelenvolle oder -lose Installation kann man auch dieses Jahr wieder bewundern. Und zwar nahe der Brachvogelstraße…

  2. Nikolai

    Interessant und danke für den Hinweis — aber das ist natürlich das Werk eines Epigonen, der von echter Magie keine Ahnung hat.