Tipps für den armen Leser
Eine antiquarische Stadtteilforschung in Friedrichshain
Ein Gastbeitrag von Alex Dubilet
Um 1700 gab es in Berlin nur eine Buchandlung (so der Historiker Jonathan Israel in seinem Werk “Radical Enlightenment”, das vom Aufstieg der modernen, rationalistischen Philosophie, und insbesondere des Cartesianismus und Spinozismus handelt). Heute, Gott sei Dank, haben wir mehr Buchandlungen! Tatsächlich scheint es, als ob jeder Berliner Bezirk ein paar Dutzend von ihnen hätte. Also bin ich aufgebrochen, um in all diesen Bezirken all diese Buchandlungen zu besuchen und zu erforschen — allerdings nur die Antiquariate und Gebrauchtbuchläden, denn ich habe nicht so viel Geld. Und außerdem kann man nicht die “Gesamelten Werke” von Lenin (ungefähr 45 Bände) auf Russisch für 25 Euro in einer normalen Buchhandlung finden. Zuerst war ich in Friedrichshain (ich weiss nicht warum, da ich in Kreuzberg wohne, wo es mehr als genug Antiquariate gibt: Einen Überblick über Kreuzberg werde ich das nächtes Mal liefern, falls mein Rücken und meine Füße die unglaublich harten Berliner Steine überleben — und das ist nicht sicher). Mein Gesamteindruck von Friedrichshain vorab: Es gibt eine hohe Quantität, aber nicht genug bezahlbare Qualität. Hier sind meine Resultate im Einzelnen:
Antiquariat in Friedrichshain, Wissenschaftliches Antiquariat, Niederbarnimstr. 13, nahe Boxhagener Str.: Jedes Buch in den insgesamt drei Räumen kostet 2.50 € (drei für 6 €), und die Auswahl ist interessant. Mein Fang beinhaltet drei Bücher (und hat den Beifall meines Redakteurs gefunden): 1. George Christoph Lichtenberg “Werke” (Aphorismen, Briefe, Aufsätze, Essays) in einem Band, 2. Die Werke von E.T.A. Hoffmann in einem Band, aus der “Bibliothek deutscher Klassiker” (mehr als 1000 Seiten von Hoffmann für nur 2 €, dass heißt, jede Hoffmannseite kostete mich nur 1/5 Cent!), 3. Und eine kleine Ausgabe von Schleiermacher über Religion, von Reclam. Das Antiquariat ist allerdings nur am Nachmittag geöffnet.
Auswahl: ✌ Preis: ✌
Der Steppenwolf in der Simplonstr. ist recht klein, und die Bücher sind nicht teuer. Obwohl die Auswahl besonders im Bereich Literatur und Philosophie nicht schlecht ist, finden sich die besten Bücher in einem privaten Raum dahinter, den die Kunden nicht betreten dürfen. Schade!
Auswahl: ☹ Preis: ☝
Das Antiquariat Matthias Wagner in der Wühlischstr. 22 hat die beste Buchauswahl in Friedrichshain. Aber sobald die Auswahl an Büchern sich bessert, steigen die Preise. So auch hier. Das scheint mir ein Paradox zu sein. Dieses Paradox (man müsste richtiger von einer ‘Tendenz’ sprechen, aber aus Sicht des Antiquariat-Detektivs handelt es sich um ein gemeines Paradox, das die Ungerechtigkeit des Universum zeigt) blockiert die Antiquariats-Utopie: ein bezaubernder Ort mit endlosen Wänden von Büchern, die nicht nur außerordentlich, sondern auch kostengünstig sind, und darauf warten, gekauft zu werden.
Auswahl:
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) Preis: ☣
Die Franz-Mehring-Buchhandlung (Frankfurter Allee 65) war äußerst merkwürdig. Sie verkauft neue und gebrauchte Bücher, aber die Auswahl an neuen Philosophie-Büchern enthielt nur ca. 20 schwarz-blaue Bände von Adornos Werken im Surkamp Verlag — und das war alles! In der antiquarischen Philosophie-Abteilung gab es ein paar gute Bücher, aber sie waren recht teuer (z.B. Feuerbachs “Von Bacon zu Spinoza” für 15 €, oder Leibniz “1683-1687, Schriften und Briefe” für 25 €!) In diese Buchhandlung sollte man eigentlich nur gehen, um Karikatur- und Satirik-Bücher zu kaufen, denn hier gibt es viele Bücher aus dem Eulenspiegel-Verlag (jedes kostet zwischen fünf und acht €), von Felix Vallotton, Bruno Paul, Karl Holtz, Walter Trier, Rudolf Wilke, Adolf Oberländer und anderen. Diese Karikaturen waren schön — aber nicht schön genug, deshalb:
Auswahl: ☠☠ Preis: ☠☠
Das Café Tasso Antiquariat (Frankfurter Allee 11) ist ein schönes Café und Antiquariat. Hier kostet jedes Buch nur einen Euro, und es ist voll mit Büchern, für die man nicht mehr als einen Euro bezahlen würde. Aber der Laden wird zum Paradies, wenn man zum Beispiel russisch-deutsche ingenieur- oder agrarwissenschaftliche Wörterbücher sucht. Die Kuriositäten hier beinhalten vier Exemplare von Herders Lesebuch “Für unsere Zeit” („unsere Zeit“ bedeutet in diesem Fall: DDR, 1978), fünf Ausgaben von Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“ (das schon wieder aktuell erscheint, weil Slavoj Zizek es sehr schätzt) sowie zahllose Bände von Emile Zola. Für einen Euro — da kann man nicht klagen! Und wo kann man schon Lenins Werke auf Russisch finden! Und, natürlich, “Fragen zum Leninismus” von Onkel Joe. Auswahl: ☭♻♻ Preis:1 € = ✌☺
Das Sparbuch in die Finowstr., südlich der Frankfurter Allee, hat sehr, sehr viele billige Bücher (jedes Buch kostet hier immer nur einen Euro), und die Auswahl ist insgesamt besser oganisiert. Man kann zum Beispiel eine gebundene Prachtausgabe (!) von “Kunst und Literatur” vom alten Freund/Feind Lenins Georgi Walentinowitsch Plechanow darin finden! Ein Paradies für alle! Auswahl: ♻♻♻ Preis: 1 € = ✌
Zusammenfassung:
Friedrichshain hat sich, wie mir scheint, auf “Jedes Buch ein Euro”-Antiquariate spezialisiert. In allen Buchhandlungen habe ich die gleichen DDR-Verlage gesehen. Diese Antiquariate sind perfekt, wenn man alte und übelriechende Ausgaben von Adalber Stifter, Wilhelm Raabe oder Conrad Ferdinand Meyer finden möchte. Wenn man allerdings zu viel Zeit in ihnen verbringt, könnte einem sehr langweilig werden — und wenn man von seinem Leben und ‚Sein’ zu sehr gelangweilt ist, wird man, wie Heidegger gesagt hat, sich wie ein Tier fühlen! Die Friedrichshainer Gebrauchtbuchläden sind gut, um Trash zu finden. Aber immer auch wirklich billig!
Und so muss ich meine Suche nach guten und günstigen Ausgaben von Eckhart, Leibniz, Hegel, Feuerbach und Benjamin fortsetzen. Velleicht werde ich nächstes Mal Erfolg haben, velleicht werde ich aber wieder nur 1-Euro-Reliqien finden. Bis nächste Woche!
Zeichnung: N. Preuschoff
Am 16. Juli 2009 um 00:11 Uhr
Ein super Artikel! Besonders interessant auch die lustigen Icons zu jedem Antiquariat.
Am 17. Juli 2009 um 13:00 Uhr
Fantastischer Artikel! Ich möchte auch gleich von agrarwissenschaftlichen Fachbegrifen zu Lenin kommen – Elektrifizierung und Sowjetmacht, da isser doch schon, der Kommunismus! Schließe mich übrigens dem Lob deines Redakteurs an.
Am 26. Juli 2009 um 21:37 Uhr
[...] „Tipps für den armen Leser“ (goldmag.de vom 15.07.2009) Alex Dubilet hat sich auf den Weg durch Friedrichshain gemacht und Antiquariate nach günstigen Büchern und der Menge der Auswahl bewertet. Das Antiquariat Matthias Wagner in der Wühlischstraße und das Sparbuch in die Finowstraße sollen besondern gut sein. Leider schreibt er nicht wo es Zeit um Lesen gibt. Trotzdem will ich den Berliner Goldmag-Literaturblog in der AKA-Medienschau begrüßen. [‘Gold‘ heißt ausgeschrieben ‚Gruppe zur Organisation Literarischer Dinge‘ ] [...]