23 Jul

WAMM!WAMM!WAMM!

Von Hannes Bajohr

Lukas Kollmers Anomia ist ein kaputtes, lesenswertes Buch

Lukas Kollmer - Anomia Also alles ganz schlimm: Die Leute haben Chips in den Armen, warten auf ihre »Abschaltung«, die abweichendem Verhalten folgt, werden von allen Seiten überwacht und beobachtet, liegen im Müll oder sitzen in unerfreulichen Wohnung voller »Gelsen« (man spricht Wienerisch) und hauen sich mit diversen Narkotika zu. Es gibt verrückte Doktoren, elitäre Geheimgesellschaften und Filmemacher, die ihre Splattermovies mit eigens dafür zusammengestoppelten Retortenmenschen bestücken. Über allem liegt ein gesamtgesellschaftlicher Firnis aus Abgasen und Faschismus, und wo es zu zwischenmenschlich relevanten Begegnungen kommt, sind sie meist von Mobiliarzertrümmerung geprägt (»WAMM!WAMM!WAMM!«). Der davon berichtet ist ein bisschen schizophren, etwas paranoid, aber das macht nichts, das Buch ist es auch: In Kurz- und Kürzestepisoden erzählt Lukas Kollmer in Anomia brachial und konzentriert aus einem kaputten Kopf einer kaputten Welt, die vielleicht Zukunft, vielleicht parallele Gegenwart ist. Worum es nun wirklich geht, ist schwer zu sagen, denn der namenlose Erzähler kann davon nur halbwegs Zeugnis ablegen. Was passiert, passiert im Text, der roh und komplex, finten- und kalauerreich ist.

Dass Anomia lesenswert ist, liegt nicht an der bemüht bösen Zukunftsszenerie, dem zu offensichtliche Versuch, William S. Burroughs zu sein und jetzt doch noch mal Cut-Up zu probieren, oder an dem angesichts all der im Buch fallenden Obszönitäten streberhaft peniblen Endnotenapparat, der auch dem dümmsten Leser die zuvor so locker hingeschlenzten Anspielungen per Anmerkung unter die Nase reibt. Was es lesenswert macht, ist die Dreistigkeit, so ein Buch zu schreiben, das nun so gar unzeitgeistig ist und eigentlich alle Regeln verletzt, nach denen Literatur heute zu funktionieren hat – und das eben trotzdem funktioniert. Ein verwirrendes Buch. Ein interessantes Buch.

Lukas Kollmer: Anomia. Luftschacht Verlag, Wien 2009, 166 Seiten, 18,50 Euro

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