In die Wüste mit Carl Schmitt
Also gut, wir haben ein Lager in der Wüste, das einem UN-Camp nachempfunden ist, mit den dazugehörigen Beobachtern, Soldaten und Flüchtlingen. Und wir haben einen rechtspopulistischen Schweizer Politiker und eine linke Juristin, die sich zu seiner Wahlkampfleiterin machen lässt und damit einen Konflikt mit ihrem Freund heraufbeschwört. Aber macht das einen politischen Roman aus Daniel Goetschs Herz aus Sand? Erst einmal gibt es das Setting vor, in dem Goetsch seine Geschichte platziert. Der Erzähler dieser Geschichte ist Frank, einer der Beobachter in besagtem Camp, die darauf warten, dass ein Referendum durchgeführt werden kann. Phlegmatisch und bisweilen anstrengend selbstherrlich berichtet er vom Alltag in der Wüste, der für die Beobachter vor allem aus Nichtstun und Drogensucht besteht; gelegentlich vögeln sie eine der in der Wüste gestrandeten Rucksacktouristinnen, die sie „Leilas“ nennen, weil sie nicht Nutten sagen wollen. Wöchentlich haben sie einen Bericht zu schreiben und nach Genf zu schicken, wo „die Organisation“ sitzt, die sie auf die „Mission“ in die Wüste geschickt hat. Diese Organisation bleibt, wenn auch offensichtlich der UNO nachempfunden, namenlos und erinnert als Auftraggeber dieser immer sinnloser scheinenden Mission an eine Mischung aus Becketts abwesendem Godot und den anonymen Kontrollapparaten sämtlicher Dystopien: vom „Big Brother“ aus Orwells 1984 zum biblisch-patriarchalischen Staat „Gilead“ aus Margaret Atwoods Report der Magd.
Eine Art Subplot bilden die Erinnerungen Franks an Duncker. Der war Franks bester Freund und Nachbar in dem Wüstencamp und als Architekt in das Camp gekommen, um die perfekte Flüchtlingsstadt zu bauen, die ihren Bewohnern eine neue Heimat werden sollte. Der Roman beginnt mit seiner Beerdigung. Die Umstände von Dunckers Tod sind (und bleiben leider auch) unklar, interessieren aber ohnehin niemanden in der Wüste ernsthaft. Während Duncker als Idealist in die Wüste gekommen war und sich mit der Zeit zum sklaventreibenden Ideologen entwickelte, sind die Beobachter, die, wie sie sagen, kamen, um Flüchtlingen zu helfen, ihrerseits Flüchtige. Nur war es niemals ihr Leben, das in Gefahr war, sondern höchstens ihr gutes Gewissen. Über die Vergangenheit, so ein ungeschriebenes Gesetz in der Wüste, spricht man nicht. Für Frank sind es die gescheiterte Beziehung mit Alma, die eingangs erwähnte Wahlkampfleiterin, und seine unvollendete Dissertation, die ihn in das Lager gebracht haben.
In den ersten Kapiteln, die streng dem gleichen Aufbau folgen, werden die verschiedenen Handlungen ebenso streng durch Absätze von einander getrennt. Später verschwimmen sie mehr und mehr. Am Ende, man ahnt es fast, sind sie verschiedene Teile des Berichtes, den Frank an die Organisation schicken muss. Er sprengt dabei allerdings die Vorgaben für den Bericht, der eigentlich nur die politische Arbeit dokumentieren soll. Das Schreiben ist Franks Art, das Erlebte zu verarbeiten, das beständige Erinnern sein Versuch, zu vergessen:
„Noch aufreibender als Duncker ist nur Frank. Diese Datei ist mir ein Graus. Laufend muss ich sie überschreiben, immer wieder neue Fassungen abspeichern (…) Dreißig verschiedene Franks, dreißig Spielarten eines Frank, ein Kaleidoskop aus Franksplittern. Er hätte niemals Eingang in diesen Bericht finden dürfen. Schon vor Jahren habe ich mit ihm gebrochen, diesem jämmerlichen Versager. Obwohl ich gerade ihn nur allzu gern vergessen möchte, drängt er sich auf, überfällt mich mit der Heimtücke eines Virus. Na schön, ich sehe es ein, er lässt sich nicht verdrängen. Frank mein elender Wiedergänger.“
Herz aus Sand ist, wie es der Titel suggeriert, ein Liebesroman. Und doch ist es mehr. Frank promovierte, als er in die Wüste aufbrach, über den Begriff des Ausnahmezustands bei Carl Schmitt. Goetsch, Jurist wie sein Protagonist, führt auch den Leser in das Thema ein. Und dies ist die Stelle, an der der Roman politisch wird. Nicht, weil er seitenlang über den Ausnahmezustand bei Carl Schmitt referiert (er tut es nicht), sondern weil er eine literarische Verarbeitung von Giorgio Agambens Homo sacer ist. Der italienische Jurist und Philosoph nutzt ebenfalls Schmitts Ausnahmezustand, um seine Idee vom „nackten Leben“ darzustellen. Dieses Leben, „das nicht geopfert werden kann und dennoch getötet werden darf“ ist für Agamben der Ursprung alles Politischen. Das Lager bezeichnet Agamben als „biopolitisches Paradigma der Moderne“, seine Bewohner sind die „homines sacri“, denen nicht mehr als ihr nacktes Leben bleibt. Frank, der ebenfalls in einem Lager lebt, fühlt ebenfalls, ihm sei nur das „nackte Dasein“ geblieben. Diese Einschätzung ist, im Sinne des Homo sacer, völlig falsch. Denn die „homines sacri“, die Agamben meint, sind die im Lager internierten und nicht unabhängige Beobachter, die ihr eigenes Camp aufgeschlagen haben. Und doch ist sie symptomatisch für den egozentrischen Erzähler, der vor Selbstmitleid die Bigotterie nicht mehr erkennt, in der er sich eingerichtet hat.
Man kann das ein wenig platt finden, einfach einen Roman um diese Theorie zu spinnen. Man kann Herz aus Sand aber auch als Buch lesen, das Agambens Durcheinander und seinem Spaß am Widerspruch eine lesbare Form gibt. Als einen philosophisch-politischen Roman also, für den die Politik tatsächlich nur Setting ist.
Daniel Goetsch: Herz aus Sand. Bilgerverlag, Zürich 2009, 285 Seiten, 24,00 Euro