Skurril weil halb
Ein Gastbeitrag von Susanne Schmidt
C’est la vie: Germar Grimsens misanthropische Bremen-Episoden Almatastr. sind so hässlich, traurig, komisch und schön wie das Leben selbst. Und genauso zufällig, langwierig und uninteressant. Was ist mit einem solchen Buch anzufangen?
Im Hochhaus der „Almatastr.“ bewohnt Rehlein das 18. Stockwerk, er sammelt neben Büchern auch Anekdoten und gebrauchte Tampons. Wenn nicht um sich, dreht sich sein Leben um Literatur und Ekligkeiten; verliebt er sich, dann hoffnungslos. Weder mag Rehlein das Leben und seine Mitmenschen, noch mögen die ihn. „Befremdlich und befremdet“ beobachtet er Bremen-Walle und sieht sich täglich mit Fragen wie dieser konfrontiert: „Warum kommt BILD nicht damit hin, im Abstand einer Olympiade stets identische Ausgaben zu drucken? Weil es billiger ist, alles ‚neu’ zu machen? Oder tut BILD das doch und ist es der rechte Fußtritt gegen das ‚neu’, daß es im Boulevard im ewig gleichen Einerlei aufgeht und ist BILD das einzig adäquate Blatt?“
Rehlein ist Kind geblieben, dabei verkehrt er romantische Kindheitsutopien in ihr Gegenteil. Nicht kindlich, sondern kindisch häuft er Wissen an und verweigert sich in einer sinnlosen und zufälligen Welt Zielen jeglicher Art. „Die Vielfalt staatlicher Abgaben und all die packenden Geschichten um brutto und netto verstand ich schon als Kind nicht. Und das ist so geblieben. Ich glaube, sich in den Steuerspielarten zurechtzufinden, überhaupt zurechtfinden zu wollen, muß man so gestrickt sein wie die, die Sternbilder erkennen. Aber schon eines von beiden sich auszudenken erscheint mir kriminell.“
Ist Rehlein der Antiheld seiner Zeit? Dafür und dagegen spricht, dass er Identifikationspotential rigoros zerstört. Wer möchte sich schon mit jemandem identifizieren, der nicht nur nihilistisch, sondern auch abstoßend ist?
Rehlein habe seine Memoiren „nur für sich geschrieben“, sagt dessen einziger Freund und fiktiver Herausgeber seines Nachlasses. Aber ebenso wenig, wie ein Text ohne Autor denkbar ist, sind es Text und Autor ohne Leser. Der Text definiert sich darüber, geschrieben und gelesen zu werden, der Autor denkt mögliche „ideale“ Leser mit.
Als den idealen Leser von „Almatastr.“ allerdings stellt man sich Rehlein selbst vor und insofern hätte er tatsächlich für sich geschrieben. Davon zeugt der Text: Übersetzungen eitler lateinischer Einschübe und Erläuterungen ebenso eitler literarischer Anleihen entfallen; die Zufälligkeit des Geschehens und die Ichbezogenheit des Denkens sind die des Textes. Weil Rehlein in den Tag hinein lebt, gibt es besonders viele und besonders bedeutende Zufälle, anders gesagt: ist alles egal. Spricht die Werbung Rehlein an: „Sie sind nicht irgendwer. Rauchen Sie nicht irgendwas.“, kontert der: „O doch, wenigstens bin ich irgendwer und rauche irgendwas.“
Wer nicht Rehlein ist und Almatastr. liest – und seit der Herausgeber den Nachlass fand, ist Rehlein nicht mehr – wer also liest, dem fehlen die Fußnoten, denen Grimsen noch in seinem letzten Roman „Hinter Büchern. Der Reigen“ frönte. Unterm Strich fällt damit etwas weg, doch die Halbheit, die daraus resultiert, darf als Gewinn gelesen werden: Wo nicht mehr erklärt wird, muss die Kreativität wüten.
Angerissene, liegen gelassene und wieder aufgenommene Ideen, halbe Anleihen und nicht zu Ende Gedachtes münden in „Almatastr.“ in Kurzschlüssen; aus deren Stoff sind Anekdoten und alltägliche Skurrilitäten gemacht. Dinge werden skurril und absurd, wenn sie aus ihren gewohnten Kontexten gerissen und in neue gesetzt werden, wenn sie von außen betrachtet werden: von einem, der sich nicht beteiligt. Und unbeteiligt ist Rehlein im höchsten Maße, er identifiziert sich nicht, er folgt keinem Kanon und hat darum auch keine Scheu, ein mal mehr, mal weniger identifizierbares Wirrwarr aus Jakob Michael Reinhold Lenz und Talleyrand durch Magritte und Wolfgang Petry zu ergänzen und dies in Arno Schmidt’sche Kreativität zu verpacken. Für Rehlein stellt seine Umgebung einen Spielplatz dar, wer oder was ihm begegnet, wird zum Objekt seiner Spielwut. Ergebnis sind verquere, falsche und kreative Lesarten, schlechte Verse und romantische Schwärmereien als Zugabe obenauf.
Hat man niemanden, der einem die besten Anekdoten aus Grimsens Almatastr. herausliest, greift man besser zu einem anderen Buch – oder stimmt sich mit dem Nachwort ein, das, glaubt man ihm, das verlagsseitens verbrecherisch verbotene Vorwort ist. Dem Verbrecher Verlag zufolge spricht ein Text für sich, Vorwort und Nachwort sind überflüssiges, wenn nicht gar störendes Beiwerk. Das Nachwort von „Almatastr.“ jedoch gehört selbst zum Roman, verfasst von Rehleins Freund, dem fiktiven Finder und Herausgeber seiner Memoiren, ist es Teil der Fiktion. Es macht aus der Summe der einzelnen Teile eine Collage, ohne zu deuten, zu interpretieren oder künstlich Sinn zu stiften. Diese Collage ruft im Betrachter das gleiche zwiespältige Gefühl hervor wie die Kunstwerke, vor denen man steht und starrt und sagt: Das sagt mir nichts – soll nicht heißen, dass es schlecht ist.
„Weist Rehleins Text geistigen Gehalt auf? Schwer zu sagen. Muß eine Küchenphilosophie, die den Ideen einer Stubenfliege nahsteht und ernsterer Prüfung kaum standhält, notwendig völlig geistlos sein? Und stilistisch nun? Am Anfang gehts noch, danach wirds schwächer. Mittendrin mal wieder besser, aber nie für lang. Und wenn man meint, hei, das könnt was sein, dann kommt eine gewollte Kühnheit und verdirbts!“, sinniert der Herausgeber allzu treffend. Rehlein zerstört, ohne Neues zu erfinden. Er bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück, gibt gleichzeitig vor, dies absichtlich zu tun und nimmt damit der Kritik den Wind aus den Segeln. Der Ausflug in die Almatastr. ist vielmehr ein Exkurs in das Dickicht der Intertextualität als die Dokumentation eines Lebens.
Der Versuch, ein sang- und klangloses Leben hörbar zu machen, mündet in unverständliches Rauschen. Aber wie im Alltag, so lohnt es sich auch in der „Altmatastr.“, hinzuhören und weiterzublättern, um die lesenswerten Anekdoten zu entdecken „und wenn man beim Lesen ermüdet, dann zurecht. Dann aber auch, weil Rehlein müde war.“
Germar Grimsen: Almatastr. Verbrecher Verlag, Berlin 2009, 220 Seiten, 24 Euro.