Giwi liest Kurt
Giwi Margwelaschwili lässt in Der Kantakt Real- und Buchwelt erneut aufeinandertreffen. Eine kurze Leseaufforderung für einen langen Roman.
Wenn Autoren andere Autoren lesen und darüber schreiben, kann daraus ein Verkaufsschlager werden. Zum Beispiel Jochen Schmidts Schmidt liest Proust, mit dem Leute, die vor Proust kapituliert haben, die Chance erhalten, über ihn zu lachen. Oder es kann daraus ein gutes, humorvolles, vielleicht sogar weises Buch wie Der Kantakt von Giwi Margwelaschwili werden. Das liest dann leider keiner, weil es 800 Seiten hat und mehr Essay als Roman ist und der Verbrecher Verlag zu klein, um es so zu bewerben wie es das Buch verdient hätte.
Der Erzähler, vom Verlag als identisch mit dem Autor angekündigt, ist Stadtschreiber in Rheinsberg – und liest dort, es liegt nahe, Tucholskys Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte. Wie schon in anderen Texten Margwelaschwilis wird die Welt im Buch zu einer Parallelwelt der realen Welt und vom Erzähler, der ihr Leser ist, betreten. Er versucht mit Clairchen und Wölfchen, Tucholskys Helden, in „Kantakt“ zu treten. Kantakt, weil das O im russischen wie A ausgesprochen wird und ein bisschen vielleicht, weil Immanuel Kant der Philosoph der Synthese ist. Dabei entstehen Worte wie „Kataperestroikastrophe“ oder „Verlesestofflichung“: die Übernahme eines Gegenstandes der realen Welt in die „Buchbezirkswelt“. Auch der Erzähler verlesestofflicht sich, Stück für Stück wird er selbst zu Figur der Buchbezirkswelt. Schließlich übergibt er Clairchen und Wölfchen das Bilderbuch, in dem sie selbst auftreten. Und wir lesen im Kantakt auch einiges Autobiographisches über den deutsch-georgischen Autor mit der Lebensgeschichte, über die fast mehr geschrieben wird als über seine Bücher. Herauskatapultiert aus der Verflechtung von Geschichte, Literatur und Politik wird man als Leser am Ende durch das beherzte Ziehen der Notbremse im Buchbezirksweltzug durch den Erzählerleser. Beherzt sollte man auch zu diesem Ziegelstein von Buch greifen. Es ist ein Griff, der sich lohnt.
Giwi Margwelaschwili: Der Kantakt. Verbrecher Verlag, Berlin 2009, 800 Seiten, 36 Euro.
Am 9. September 2009 um 14:47 Uhr
[...] Giwi Margwelaschwili ist dabei und liest aus „Der Kantakt“ (16. [...]