27 Sep

Trauergesellschaft

Von Nikolai Preuschoff

voss-florian-bitterstoffe“Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre”, schreibt Robert Walser in Die kleine Berlinerin. Felix, der Protagonist in Florian Voß’ “Bitterstoffen”, hat solche naiv-ironische Berlin-Begeisterung irgendwie verpasst, ist irgendwie “abscheulich”. Seine Berlin-Bewunderung ist zerbröckelt, von seiner Berlin-Überzeugung kaum etwas übrig, noch nicht einmal Berlin-Hass will aufkommen. Stattdessen Indifferenz, Abhängen im volksbühnigen “Blauen Salon”, mal auf’ne Demo gehen, und dabei will Felix immer noch irgendwie Schriftsteller werden.

Felix ist ungefähr Mitte Dreissig, schon etliche Jahre in der Hauptstadt und fragt sich dann doch langsam mal, was er hier so lange gemacht hat und wo er eigentlich hingehört. Ein paar pathetische Gedichte geschrieben hat er, und gekellnert. ‘Heimat’ ist ihm die Stadt nicht geworden. Aber das merkt er reichlich spät, denn in der süddeutschen Provinz bzw. Heimatstadt, wohin er wegen eines Beerdigungstermins — eine Jugendfreundin ist gestorben — zurückkehren muss, hält er es, vor lauter Baggerseen und Resopaltischen, auch nicht mehr aus. Er trifft dort immerhin seine erste Freundin Julia, auf die er sogleich beginnt, seine lang vernachlässigten Sehnsüchte und Begehren zu projizieren: nach verlorenem Jugendglück, geografischer Geborgenheit, Identität usw. Mit anderen Worten: Felix verliebt sich erneut in seine Ex, die ihrerseits in Hamburg irgendwie verloren scheint. Die Ex aber hat auf Felix, zumindest dauerhaft, keinen Bock. Felix muss also schmachten, und seine melancholische Fixierung wird, so völlig ungebrochen in der ersten Person singular erzählt, dem Leser dann mitunter etwas peinlich. Der Autor greift jedoch zum Kunstgriff des Perspektivwechsels und schildert einige Passagen im Anschluss noch einmal aus Julias Sicht (inklusive dem schlechten Sex hinter einer Provinz-Disko). Dadurch steht Felix dann noch dümmer da.

Es ist also tatsächlich bitter, wie schonungslos der Protagonist bei seinen hilflosen Annäherungsversuchen entlarvt wird, hinter denen sich ein gescheiterter Lebensentwurf abzeichnet. Offensichtlich steckt er in einer handfesten Midlife Crisis. Und gerade das passt sehr zu Berlin und seinen vielen alt-neuen Bewohnern, die hier irgendwann mal sinnsuchend — oder so — hingezogenen sind. Früher, als man auf der Insel Westberlin noch keinen Wehrdienst leisten musste. Und heute, weil es, im Grunde genommen, immer noch genauso ist in der Hauptstadt, die nach wie vor die Utopie eines kreativen Sichdurchwurstelns verspricht. Voß skizziert trefflich dieses planvoll plan- und bindungslose Leben, dessen raschem Zuendegehen sich die meisten irgendwann panikartig bewusst werden. Darin erinnert Voß’ Prosa-Erstling an Sven Regeners (1989 angesiedelte) Kreuzberg-Episoden des Herr Lehmann. Und genauso wie Lehmanns Kreuzberg nicht typisch für den Rest der Republik ist, ist Voß’ Roman kein Generationen-, sondern eher ein auf nur 123 Seiten ziemlich dichtes Milieu-Portrait — und das durchaus treffende einer Großstadt.

Florian Voß: Bitterstoffe, Rotbuch Verlag, 128 S., 16.90 €

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