27 Okt

Flusen in den Manteltaschen der Welt

Von Nikolai Preuschoff

Judith Schalansky kartografiert das Abgelegene

Atlas der abgelegenen Inseln Ärgerlich ist an diesem Buch höchstens, dass man es selbst hätte schreiben wollen. Das jedenfalls meinte mein Bruder, mit dem ich mir vor einigen Monaten, via Twitter und GoogleEarth, kleine und unbekannte Inseln hin und her geschickt hatte, ohne dass wir von diesem Atlas etwas wussten. Das Schönste an diesem Buch sind vielleicht nicht die vielen aufwendig schlicht gestalteten Karten, nicht der orange gefärbte Schnitt, nicht der so überzeugend einfache und neu schon alt wirkende Einband, auch nicht die sorgsam gestaltete Typografie, die schon an Stevensons Schatzinsel denken lässt, bevor man überhaupt eine Zeile gelesen hat — das Schönste ist die Geste selber, mit der sich der Atlas der abgelegenen Inseln dem Kleinen und Vergessenen, gemeinhin so Unwichtigen nähert. Die spielerische Gewissenhaftigkeit, mit der zu jeder Insel Angaben zu Größe, Einwohnern und Entfernungen gemacht werden, und die strenge Großzügigkeit, mit der dies dann alles grafisch umgesetzt ist.

Denn auf die Frage, “wozu braucht man dieses Buch eigentlich?”, ist nur zweitrangig die Antwort, dass man mit ihm seinen Wissenshorizont um diese oder jene mehr oder weniger kleine Inseln erweitern könnte und sich nebenher noch einiges Historisches oder Literarisches hinzuerfahren ließe. Sondern eher, dass sich hier lernen lässt, wie man sich auf die Suche begeben kann nach dem sonst Übersehenen, scheinbar Wertlosen, und dass sich dieses Suchen lohnt. Es ist natürlich eine Kinder-Freude und ein kindliches Entdecken, um das es hier geht. Und beidem kann man sich mit Schalanskys Atlas völlig hingeben. Ähnlich (ja noch mehr) wie bei dem ebenfalls biblio- und typophilen Fraktur mon Amour ist es die reinste Lust (man muss dieses Wort hier gebrauchen), die Seiten aufzuschlagen, mit dem Finger die Buchmitte aufzufalzen, über den Faden der Bindung und über das Blau des Meeres hin zu den Küstenlinien der Inseln zu fahren. 50 davon gibt es, sie sind nach Ozeanen geordnet, und jede hat ihre eigene, ganzseitige Karte — wenn sie auch noch so verschwindend klein ist (was dadurch besonders erfahrbar wird, dass der Maßstab von Insel zu Insel nicht gewechselt wird, so dass die Inseln beim Blättern zueinander in eine geschwisterliche Verbindung treten — so, als ob man sie zum Messen an den Türramen gestellt hätte). Das reinste Pantoffeltierchen ist z. B. die Howlandinsel, noch kleiner ist die nicht mal einen Quadratkilometer große Insel Tromelin. Die Rudolf-Insel dagegen ist so groß, dass sie kaum auf die Seite passt.

“Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch”

Auf eben dieses Kinder-Erleben legt es der Atlas sicher an, aber — und das hebt ihn über die (sicher bereits verdienstvolle) Kategorie eines solchen Erlebnis- und Geschenkbuchs hinaus — er spielt mit der naiven Erwartungshaltung zugleich auf subtile Weise. “Ich bin mit dem Atlas groß geworden”, schreibt die Autorin im Vorwort (und hier mag man sich noch denken, “welches Schulkind ist das nicht?”), um sogleich hinzufügen: “Und als Atlas-Kind war ich natürlich nie im Ausland.” “Natürlich nie” — auch wenn man an dieser Stelle von der DDR-Kindheit der Berliner Autorin noch nichts ahnt, die bereits Thema ihres ebenfalls nautischen “Matrosenroman” Blau steht dir nicht gewesen ist, merkt man doch gleich, dass es hier nicht bloß um Kinderfreude geht, sondern den ziemlich komplizierten Komplex von Sehnsüchten, die, erfüllt oder unerfüllt, dem einen zur Qual, dem anderen zur bald enttäuschten Freude werden können. Dazu liest sich die Überschrift des Vorworts erklärend: “Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch”.

Genauso unterschiedlich lesen sich auch die jeder Insel beigegebenen Texte: Da ist die schöne wie unglaubliche Geschichte des Marc Liblin, der seit seiner Kindheit auf Polynesisch träumt, als Aussteiger in die Bretagne zieht, wo ihm Wissenschaftler der Universität Rennes das Ursprungsland seiner Traumsprache zu finden helfen: Rapa Iti. Und da ist die schreckliche Geschichte  des Seekadetten Henry Eld, der auf der australischen Macquarieinsel (beinahe) von abertausenden Vögeln gefressen wird. Gemeinsam ist den Geschichten, dass sie von dem Bemühen gezeichnet sind, ebenso abgelegen zu sein wie die Inseln, die sie beschreiben. Und das noch an den Stellen, an denen das Bekannte eigentlich unvermeidlich ist. So wird von den chilenischen Juan-Fernandez-Inseln nicht die Geschichte Robinson Crusoes erzählt, sondern von der Behauptung, das Tagebuch des Crusoe-Vorbilds Selkirk, der hier ausgesetzt worden ist, liege in der Berliner Staatsbibliothek.

Es mag zu diesem Konzept gehören, dass der neugierig gewordene Leser anschließend gezwungen wird, sich selbst auf die Suche nach weiterer, möglicherweise abgelegener Literatur zu begeben. Dass er sich das eine oder andere Mal sicher über ein paar bibliographische Angaben gefreut hätte, ist daher kein echter Kritikpunkt. Zumal er ja mit Stevenson gelernt hat: Nicht um den Schatz (oder so) geht es, sondern die Insel selber. Für seine Schatzinsel nämlich zeichnete Stevenson eine Phantasie-Karte, deren Insel seine Vorstellungskraft dann, wie auch das Vorwort zum Atlas zitiert, ganz “außerordentlich” befruchtete und “entzückte”.

Mein Bruder entschied sich damals übrigens für Tristan da Cunha, dessen größte Siedlung sich Edinburgh of the Seven Seas nennt und die im Atlas (mit Johann Gottfried Schnabel und Arno Schmidt) als Insel der Utopien beschrieben wird (S. 48). Weil Tristan schon vergeben war, hatte ich mir dann eine so gut versteckte Inselgruppe ausgesucht, dass ich sie nun (auch beim erneuten Nachsuchen nicht!) beim besten Willen nicht mehr finden kann. Ich glaube, sie fehlt im Atlas. Und das beruhigt mich irgendwie.

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, mare Verlag, 144 Seiten, Halbleinen mit dreiseitigem Farbschnitt, 34.00 Euro

6 Reaktionen zu “Flusen in den Manteltaschen der Welt”

  1. Hannes Bajohr

    Wo dann ja, mit Stevenson und Arno Schmidt (jedenfalls dem Schmidt der Gelehrtenrepublik), ein Atlas der fiktiven Inseln geradezu unausweichlich scheint.

  2. Nikolai

    Unbedingt! Der müsste dann beginnen mit Thomas Morus’ Utopia und würde gehen über Swifts “Liliput” (sehr schöne Karte hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Moll_-_Map_of_Lilliput.png), Schnabels “Felsenburg”, Herr der Fliegen, Stevenson, Schmidt usw. und könnte dann enden in Michael Bays Hollywood-Streifen “The Island” und Takeshi Kitanos “Battle Royale”… was noch?

  3. Judith

    Nicht zu vergessen: Jules Vernes ›Geheimnisvolle Insel‹ Lincoln:
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/71/Ile_Mysterieuse_03.jpg

  4. Hannes Bajohr

    Und hier nochmal Schmidt:
    http://p3.focus.de/img/gen/7/C/HB7CEULn_Pxgen_r_467xA.jpg

  5. Nikolai

    Ach, naklar geht es weiter als Thomas Morus… Atlantis! (99,9% fiktional? Jedenfalls auf dieser Karte: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Athanasius_Kircher%27s_Atlantis.gif&filetimestamp=20051229010528 ) und, ähem, noch was anderes – Numenor, aus Tolkiens Mittelerde, mit ausführlichem Wiki-Eintrag hier: http://en.wikipedia.org/wiki/N%C3%BAmenor !

  6. gisela storz

    Hallo Nikolai! Deine Buchbesprechung hat mir sehr gefallen!
    Viele Grüße von der Halbinsel bei Eckernförde

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