18 Okt

War es so gedacht?

Von goldmag

Ein Gastbeitrag von Susanne Schmidt

schutzgebietDie Deutschen und ihre nationale Identität, das ist eine Frage, die seit der WM 2006 vor allem mit Fußball verbunden wird. Gut drei Jahre später will Thomas von Steinaecker dazu auch noch was sagen. Er stellt seine Überlegungen in der unruhigen Lounge des Berliner „Kulturkaufhaus” Dussmann an, wo er zum ersten Mal aus „Schutzgebiet” liest. Steinaecker sagt, dass er mit „Schutzgebiet” einen Deutschlandroman schreiben wollte, einen Roman, mit dem er der deutschen Identität auf die Spur kommen wollte. Warum auch immer. Zwei Dussmann-Angestellten klatschen dazu, so laut sie müssen.

Vorgelegt hat Steinaecker einen Bericht über den Nicht-Aufstieg und Fall der Stadt Benesi, einer deutschen Festung in der fiktiven afrikanischen Kolonie Tola. In diesem „Schutzgebiet” bündelt er Sehnsüchte und Träume, um unter der Lupe der Imagination einen Roman über die Fiktionen der Kolonialzeit zu schreiben. Eine Mentalitätsgeschichte der Kolonialzeit soll es sein, die zugleich metaphorisch für eine deutsche Idee im 21. Jahrhundert steht, für Minderwertigkeitkomplexe und Selbstüberschätzung, sagt Steinaecker. Er nimmt sich mit „Schutzgebiet” nichts Geringeres vor, als das Verhältnis zwischen Idee und Realität zu untersuchen und gleichzeitig seine Vision eines sowohl epischen als auch analytischen Romans zu verwirklichen.

Henry, Architekt und einziger Überlebender eines Schiffsunglücks, gelangt nach Benesi und nimmt dort die Identität seines verstorbenen Vorgesetzten Selwin an. Sein Name ist W.G. Sebalds Ausgewanderten entliehen, Henry steht symbolisch für die Figur des Emigranten, der hofft, seinen Traum in einer anderen Welt verwirklichen zu können. Das scheint zunächst möglich, denn die Bewohner der Festung glauben Henry den Identitätsschwindel. Von da an ist Henry Selwin und ist es gleichzeitig nicht. Die umbenannte und erfundene Wirklichkeit ist die bessere Realität – eine Erkenntnis, die auch andere Bewohner der Festung zu nutzen wissen.

‚Ein Estrello, gell’, sagt Gerber einige Tage später am Mittagstisch zu Alfred Berner.
‚Estrello? Nie gehört’, erwidert der Pater. ‚Elefantenartig. Dickhaut mit Rüssel. Dabei
kleiner. Größe und Länge eines Nilpferds. Wenn gereizt, dann gefährlich’, klärt Gerber ihn auf, der die Existenz des tolalesischen Tiers spontan erfindet, wer soll es überprüfen? Man hört ihm zu.

Dreh- und Angelpunkt aller Handlung in Benesi ist jedoch die Einsicht, dass sich die Wirklichkeit nicht beliebig manipulieren lässt. Die Festungsbewohner kapitulieren vor dieser Einsicht, sie scheuen sich davor, ihre Vorstellungen umzusetzen. Handlung ist darum in „Schutzgebiet” vor allem Nichthandlung.

Unruhig wälzt sich Henry von einer Seite auf die andere. Das Essen hier in Benesi, das zwar aussieht wie das zu Hause, und von allen auch so genannt wird, Steak, Schnitzel, Bohnen, Rüben, in Wirklichkeit jedoch von Tieren und Gewächsen stammt, die nur entfernt mit denen in Europa oder den USA verwandt sind, dieses Essen – Henry mag sich nicht so recht daran gewöhnen, noch nicht. Es bläht.

Untätig und ichversunken warten die Bewohner Benesis auf die Ankunft deutscher Siedler, genauso, wie sie darauf warten, dass sich ihre Träume von selbst verwirklichen. Abgetrennt von der Außenwelt hat Weltpolitik für sie die Form und den Wert längst verjährter Zeitungen und scheint ihnen so wenig von Bedeutung wie alles, das bereits vergangen und weit entfernt ist. In der Festung Benesi fühlen sich die Ausgewanderten sicher vor den unliebsamen Einflüssen der Realität und geben dafür die Möglichkeit, an der Wirklichkeit teilzunehmen, auf. Die vollkommene Kontrolle der Wirklichkeit führt zum Stillstand, die Festung erweist sich als Zoo, ein Tierpark Hagenbeck, in dem die Besucher sich unversehens als Insassen wiederfinden, der Traum wird ein „Alptraumland”.

In seinem Kopf hatte das alles ganz anders ausgesehen. Eine bittere Erkenntnis reift in ihm. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Die Siedler sind tatsächlich angekommen. Triumph. Alles ein großes Missverständnis. Eine  afrikanische Operette. Die andere Möglichkeit: Die Siedler treffen nicht ein. Die Bewohner Benesis werden mit ihm, ihrem Verwalter und Herren, untergehen. Mit aller Kraft werden sie zunächst noch am Gelingen des Projekts weiterarbeiten, obwohl er selbst weiß, dass alles vergebens ist.

Der Wirklichkeit sind solche Überlegungen egal. Die Siedler erreichen Benesi und stampfen ohne Rücksicht auf die Pläne des Architekten Henry-Selwin eine Stadt aus dem Boden. Sie sind fast fertig, als in Benesi ein Brand und in Europa Krieg ausbricht. Der kommt bis nach Benesi, ganz egal, was man dort davon hält. Wie Castorp im Zauberberg tritt Henry in einen Kugelhagel, und

nur das Ende wird, mit einem Schlag und für jedermann beglückend einleuchtend, aus den lose zusammenhängenden Episoden etwas Zusammenhängendes formen. Etwas Sinnvolles.

Steinaecker leiht sich für „Schutzgebiet” mehr als nur Sinn und Schluss. Er montiert eine Erzählung aus Geschehenem und Fiktionalem, historischer Überlieferung und literarischen Querverweisen. Groß ist er dabei dort, wo er den Symbolgehalt, den fiktiven Charakter und die Absurdität der Realität herausstellt, wo er den eigentlichen Plot mit einer Geschichte der Gedanken unterwandert, statt in eine eindimensionale Beschreibung der Umstände abzudriften. Es gelingt Steinaecker über weite Strecken, seine ambitionierte Forderung nach einem gut lesbaren und zugleich vielschichtigen Roman einzulösen. Die Frage danach, was die Mentalität des Kolonialismus mit deutschem Fußball zu tun haben könnte, beantwortet Steinaecker allerdings nicht. Aber es ist fast egal: Seiner Erzählkunst tut es keinen Abbruch.

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2009, 381 Seiten, 19,90 Euro.

Elena hat Thomas von Steinaecker für goldmag portraitiert. Am 20. Oktober 2009 kann man Schutzgebiet kostenlos als eBook bei libreka.de herunterladen.

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